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Premiere nach Fukushima: Japan fährt Atommeiler wieder hoch

Zum ersten Mal nach der Fukushima-Katastrophe sind in Japan wieder zwei Atomreaktoren ans Netz gegangen. Die Regierung begründet ihre Entscheidung mit der drohenden Stromknappheit in den heißen Sommermonaten. Tausende Atomkraftgegner protestieren vor dem Büro des Regierungschefs.

Proteste in Japan: Atomkraft? No! No! No! Fotos
REUTERS

Tokio - Zum ersten Mal seit der nuklearen Katastrophe von Fukushima lässt die japanische Regierung wieder zwei Atomreaktoren hochfahren. Premierminister Yoshihiko Noda habe dem Betreiber des Atomkraftwerks Oi eine entsprechende Anweisung erteilt, berichteten japanische Medien am Samstag. Die Reaktoren stehen in der Präfektur Fukui. Sie gehören zum Unternehmen Kansai Electric Power (Kepco), das die Großstädte Osaka, Kobe und Kyoto versorgt und vor Stromausfällen im Sommer gewarnt hatte. Tausende Menschen protestierten gegen die Entscheidung, die sich bereits abgezeichnet hatte.

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima vor über einem Jahr waren alle 50 einsatzfähigen AKW für Sicherheitschecks heruntergefahren. "Der Stopp der Reaktoren schneidet das Land von 30 Prozent seiner Stromerzeugung ab", sagte Regierungschef Noda. Es drohe nicht nur Stromknappheit in den heißen Monaten, sondern Japans Wirtschaft könne erlahmen. Atomkraft sei eine "wesentliche Energiequelle" und wichtig, damit das Land wieder auf die Beine komme.

Bis zu 10.000 Menschen versammelten sich vor Nodas Büro in Tokio, um ihrem Unmut über den Kurs der Regierung Luft zu machen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Sie verlangten Nodas Rücktritt und riefen "Leben sind wichtiger als die Wirtschaft". Seit im März 2011 in der Präfektur Fukushima nach einem schweren Tsunami mehrere Reaktoren explodierten, ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung zutiefst erschüttert. Weite Landstriche um das Kraftwerk sind seither radioaktiv verseucht. Umfragen zufolge ist die Mehrheit der Japaner inzwischen gegen die Atomkraft.

Trotz des heftig kritisierten Krisenmanagements der Regierung versicherte Handels- und Industrieminister Yukio Edano am Samstag: "Die Sicherheit ist unser größtes Anliegen." Es werde noch einige Wochen dauern, bis die Reaktoren 3 und 4 in Oi wieder Elektrizität erzeugten. Er rief die Menschen daher auf, weiter Strom zu sparen.

Der Entscheidung war eine Sitzung mit den zuständigen Ministern vorausgegangen, in der die Regierung von den örtlichen Behörden der Präfektur Fukui grünes Licht erhalten hatte. Die staatliche Atomaufsicht hatte das Kraftwerk zuvor als sicher eingestuft. Er habe zugestimmt, weil die Wirtschaft so stabilisiert werde, sagte der Gouverneur der Präfektur, Issei Nishikawa.

Klimaanlagen gegen die Sommerhitze

Regierungschef Noda bekräftigte, alles zu tun, um einen Atomunfall wie Fukushima künftig zu verhindern. Bis August will die Regierung einen nationalen Energieplan bis zum Jahr 2030 vorlegen, der eine möglichst umfassende Abkehr von der Atomkraft beschreiben soll.

Laut dem Energiekonzern Kepco könnte der Strombedarf im Sommer das Angebot um bis zu 15 Prozent übersteigen. Im Juli und August laufen in vielen Büros, Läden und Wohnungen pausenlos die Klimaanlagen, um die feucht-schwüle Hitze zu vertreiben.

Derzeit gewinnt Japan Energie verstärkt aus Kohle, Gas, Erdöl und Thermalkraft. Befürworter der Atomkraft warnen, dass sich das Land abhängig von teuren Energieimporten mache und dass Unternehmen und Haushalte mit höheren Strompreisen rechnen müssen.

Dass nun zwei Reaktoren wieder ans Netz gehen, ist ein Sieg für Japans starke Atomlobby und ein Eingeständnis an die Industrie, die sich um hohe Strompreise sorgt. "Ich glaube, dass eine ordentliche Zahl an Reaktoren bis nächstes Jahr wieder hochfährt", sagte Jeffrey Kingston, Direktor für Asienstudien auf dem Campus der amerikanischen Temple University in Japan. "Die Regierung von Noda ist darauf überraschend erpicht."

son/AFP/AP/dpa/Reuters

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insgesamt 251 Beiträge
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1. Stimmungsmache für hierzulande
neu_ab 16.06.2012
Natürlich muß Japan wieder auf Kernkraft setzen, so wie es Deutschland auch müsste, wären da nicht die weinerlichen Antiatom-Riesenbabys. Japan ist ein hochentwickeltes Technologieland mit hohem Energiebedarf, zudem als nicht allzu grosse Insel logistisch isoliert. Sollen sie etwa Millionen Tonnen von Kohle auf Schiffen importieren, nebst Luftverpestung? Sogenannte "erneuerbare Energie" ist sowieso keine Option, diese Macke darauf zu setzen haben wohl hauptsächlich nur die Deutschen. Der Schaden durch Strahlung hat sich doch günstigerweise sehr in Grenzen gehalten, wie auch Experten inzwischen bestätigt haben.
2. Leben sind wichtiger als die Wirtschaft
es-geht-auch-besser 16.06.2012
Sehr treffend ausgedrückt. Es gibt eben doch Menschen überall die alles etwas klarere sehen. Wenn Land und Leute verseucht sind, kann kein Geld/Wirtschaft/Wachstum das rückgängig machen. Kein Rettungsschirm von Mrd Euro kann ebensowenig ausgestorbene Arten und Urwälder zurückbringen. Wirtschaft muss für den Menschen da sein. Nicht der Mensch für die Wirtschaft. Wo Lohndumping anfängt, hat sich dieses Prinzip aber leider schon verkehrt. weiter CDU/CSU/FDP/SPD/Grüne wählen kann helfen!
3. Viel zu gut gefahren
Promethium 16.06.2012
Japan ist mit der Kernenergie trotz Fukuschima viel zu gut gefahren um diese Technik aufzugeben. Bei den klassischen Indikatoren für die Gesundheit einer Bevölkerung liegt Japan an der Weltspitze. Hohe Lebenserwartung und niedrige Säuglingssterblichkeit. Das Geld ist eben im Gesundheitssystem usw. besser angelegt, als in Luxus-Öko-Energien oder gar teurem Erdgas aus Russland. Und wenn man sich ansieht das ALLE japanischen Reaktoren das Erdbeben ohne SuperGAU überstanden haben, so sind die Gefahren durch Tsunamis doch relativ leicht in den Griff zu bekommen. Transportable Pumpen/Generatoren lösen das Problem. Ein Atomausstieg wäre für Japan kontraproduktiv, denn jeder durch Kernenergie gesparte Yen kann in die Sicherung der Städte, Tsunamiwansysteme usw. gesteckt werden und an dieser Stelle können Menschenleben gerettet werden. Der Tsunami hat ca.20.000 Menschen getötet und der Atomunfall von Fukuschima bisher niemanden. Damit ist klar wo die Prioritäten bei nüchterner Betrachtung liegen müssen.
4. Hurra Atomkraft!
Chtuhulu 16.06.2012
Das dringenste globale Problem ist die Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen. Sobald die Menschheit CO2 neutral wird, koennen wir ueber einen Ausstieg nachdenken. 3 von 4 Energieplaenen Japans sehen uebrigens einen nuklearen Anteil vor. Nur die Deutschen wissen es mal wieder besser. Das wird so vorhersehbar vor den Baum gehen ... ich wundere mich immer wieder, wie Leute die nichts vom Fach verstehen den gesellschaftlichen Konsens formen.
5. 18°C als Standard?
md78 16.06.2012
Weiß zufällig jemand aus eigener Erfahrung, ob in Tagungsräumen, Hotels oder im Büro auch die obligatorischen 18°C angestrebt werden? Diese Unsitte darf man leider auch in Deutschland zunehmend fühlen. Hier hätte man sonst schon ein entsprechendens Einsparpotential. Viele Grüße
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