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06. Juni 2012, 11:37 Uhr

Alltag in Damaskus

"Zu uns kommt der Krieg noch früh genug"

Aus Damaskus berichtet Nadia Bitar

Sie shoppen, sie chillen und feiern: Manche Syrer genießen ihr Leben in Damaskus, als gäbe es keinen Bürgerkrieg in ihrem Land. Die Angst vor der Zukunft verdrängen sie - so lange es geht. Denn Kämpfe, Anschläge und Leid kommen immer näher.

An diesen lauen Sommerabenden fühlt sich Maria so unbeschwert wie lange nicht mehr. Die schöne Syrerin mit rotbraunen Haaren ist über 40, unverheiratet - und damit in dem konservativen Land eine Seltenheit. Ihre Geschwister haben Mitleid mit ihr. Doch seit im Dezember 2011 überraschend zwei Sprengsätze in Damaskus explodierten, sieht Maria ihren Lebensstil nicht mehr als Makel.

"Zum ersten Mal kommt es mir gut vor, unverheiratet zu sein und keine Kinder zu haben", lacht sie. "Meine Freunde sitzen zu Hause und sind deprimiert. Sie haben Angst, was aus ihren Kindern werden soll. Diese Sorge habe ich nicht."

Sie flaniert die Einkaufsstraßen im Stadtteil Schaalan im Zentrum der Stadt entlang, wo trotz Wirtschaftskrise schon wieder zwei neue Schuhläden eröffnet haben. Die Straßen wimmeln von Schaufensterbummlern, und auch die Terrassen der Cafés sind voll. "Was sollen die Menschen auch machen? Sie müssen doch irgendwie weiterleben", sagt Maria. Plötzlich rümpft sie die Nase. Sie zeigt auf eines der Schaufenster, in dem lange Kleider ausgestellt werden: "Neongelb und Neonorange sind die Farben dieses Sommers, wer soll das denn anziehen?"

So scheinbar unbekümmert wie Maria sind noch überraschend viele in der Hauptstadt. Die Jugend der Mittelklasse sitzt in den Restaurants im Freien; die Jeunesse dorée der Hauptstadt feiert bis spät in den Clubs und chillt am Wochenende am Pool der großen Hotels zu Lounge-Musik. "Wie kannst du feiern, bei dem, was in Hula passiert?", fragt ein Aktivist aus der Oberschicht einen seiner Kumpel. "Was soll ich denn sonst tun?", fragt der zurück, "zu uns kommt der Krieg doch noch früh genug."

Die Flüchtlinge aus Homs feiern am lautesten

Manchmal wirken auch die sorglos, von denen man es am wenigsten erwartet. Maria setzt sich an den freigewordenen Tisch eines Cafés. Ein kleiner Junge läuft zu ihr herüber und fragt, ob er sich einen der Stühle nehmen kann. Er spricht das Wort für Stuhl, "Kursi", im Dialekt aus Homs aus: "Kursä". "Bist du aus Homs?", fragt Maria freundlich. Der Junge nickt stolz. "Wie ist denn dort die Lage?", fragt sie vorsichtig. Der Junge erstarrt. Dann nimmt er den Stuhl und läuft schnell zurück zu seiner Familie. Die sitzt ein paar Tische weiter und johlt am lautesten. Maria schaut anerkennend zu ihnen hinüber und sagt: "Die Homsis waren schon immer die Syrer mit dem besten Modegeschmack."

Die Flüchtlinge aus Homs sind im Damaszener Stadtbild allgegenwärtig. Die Betuchteren wohnen jetzt in den Hotels der Stadt, wo der "Homsi-Sondertarif" ausgerufen wurde: In den teuren Unterkünften der Altstadt kostet das Zimmer statt 40 bis 50 Euro pro Nacht rund 220 Euro im Monat. Es fehlt auch an Touristen, die die Betten belegen könnten. Viele andere sind bei Verwandten in den Vororten von Damaskus untergekommen, bei Freunden oder bei Fremden, die den Flüchtlingen ihre Häuser geöffnet haben.

Auch Maria hatte einen Monat lang eine Freundin aus Homs mit deren Familie bei sich zu Gast, bis die Flüchtlinge eine bezahlbare Mietwohnung fanden. "Das erste, was sie mich gefragt hat, war, ob wir eine bestimmte Modemarke auch in Damaskus haben", erzählt Maria. Ihre Freundin stammt nicht aus einem der bombardierten Stadtviertel. Sie hatte sich jedoch entschieden wegzuziehen, weil nichts mehr ging: Der Strom war abgedreht, die Schulen geschlossen. Nur in den Vierteln der herrschenden Minderheit, den Alawiten, gehe das Leben weiter wie zuvor, hatte die Freundin Maria erzählt.

Die Kämpfe kommen immer näher

"Es ist eine Frage der Zeit, dann passiert das, was in Homs passiert ist, auch hier in Damaskus", sagt Maria. Sie meint damit die Kämpfe zwischen den Aufständischen und den Regime-Milizen und die Bombardierungen durch die Armee. Sie kann sich mit keiner Seite identifizieren. Die Aufständischen sind ihr zu muslimisch, das Regime ist ihr zu brutal. "Außerdem kann ich doch sowieso nichts machen. Wir Bürger können alle nichts machen. Der Krieg geht weiter, egal was wir tun." Das eigene Überleben steht an erster Stelle. Es ist eine nachvollziehbare Haltung. Vielleicht trägt aber auch sie dazu bei, dass der Krieg so lange dauert, dass er irgendwann an Marias Haustür ankommt.

Manchmal ist er bereits ganz nah. Maria ist selbst überrascht, an was sie sich schon gewöhnt hat - an die Bombenanschläge zum Beispiel. "Nach der ersten Explosion haben wir den ganzen Tag lang das Haus nicht mehr verlassen. Nach der zweiten den halben Tag nicht. Nach der dritten haben wir kurz innegehalten und dann einfach weitergemacht." Der dritte Anschlag war der bisher größte. Mehr als hundert Menschen kamen dabei ums Leben.

Während Maria erzählt, fällt ihr ein, wie es war, als sie in den achtziger Jahren ihren Onkel besuchte, der damals im Libanon lebte, genauer: in der Hauptstadt Beirut. Es war die Zeit des libanesischen Bürgerkriegs, der von 1975 bis 1990 dauerte und bei dem in dem kleinen Land schätzungsweise 150.000 Menschen starben. "Wir waren bei unserem Onkel zu Hause, und dauernd knallte es um uns herum. Mein Bruder und ich schreckten jedes Mal zusammen, und mein Onkel sagte immer nur: 'Das war doch nichts.'"

Maria lacht. "Jetzt sind wir hier genauso geworden."

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