Trotz Protest Jimmy Carter trifft Hamas-Führer Meschaal

Ex-Präsident Jimmy Carter hat sich über alle Bedenken hinweggesetzt: In Damaskus traf der Amerikaner mit der Hamas-Führung zusammen - nach zwei Jahren Pause als erster hochrangiger westlicher Politiker. Damit bröckelt der Boykott gegen die radikale Organisation.


Damaskus - Carters Ambitionen sind ehrgeizig: Bei seinen Gesprächen mit der Hamas will er die Chancen ausloten, die Extremisten in die Bemühungen um einen Frieden zwischen Israel und den Palästinensern einzubeziehen. So hat er sich heute ungeachtet der Kritik aus den USA und Israel in der syrischen Hauptstadt Damaskus mit Hamas-Exilchef Chaled Meschaal getroffen.

Jimmy Carter in Damaskus: Gedankenaustausch mit der Hamas
REUTERS

Jimmy Carter in Damaskus: Gedankenaustausch mit der Hamas

Hauptthemen des Gesprächs seien der im Gazastreifen entführte israelische Soldat Gilad Schalit, ein möglicher Waffenstillstand mit Israel und die Beendigung der israelischen Blockade des von der Hamas kontrollierten Gaza-Streifens gewesen, sagte der bei dem Treffen anwesende Hamas-Vertreter Mussa Abu Marsuk.

Carters Gespräch mit Meschaal in Damaskus sei ein offener Gedankenaustausch gewesen, sagte der Hamas-Vertreter Abu Marsuk. Dabei habe es auch "gemeinsame Standpunkte" gegeben.

Zuvor hatte Carter laut einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur Sana Syriens Präsident Baschar el Assad getroffen. Beide sprachen sich demnach für politische Lösungen im Nahostkonflikt aus. Bei Carters Treffen mit Assad ging es laut Sana um die Beziehungen zwischen Syrien und den USA sowie den Nahost-Friedensprozess. Beide seien sich in der Unterstützung "eines Dialogs zum Erzielen von politischen Lösungen der Probleme" einig gewesen. Die Leiden der Palästinenser müssten verringert und Israels Blockade des Gaza-Streifens aufgehoben werden, forderten Carter und Syriens Staatschef demnach.

Schon am Donnerstag hatte sich Carter in Kairo mit ranghohen Hamas-Mitgliedern getroffen, darunter die Hamas-Führer im Gazastreifen, Mahmud Sahar und Said Siam. Die Hamas kämpft für eine Zerstörung des jüdischen Staats und lehnt Verhandlungen mit Israel ab. Neben der Regierung in Jerusalem haben auch die USA die Kontakte Carters mit den Extremisten scharf kritisiert. Die US-Regierung bezeichnete das Treffen als "nicht nützlich". Israel hatte Carter am Dienstag die Einreise in den Gazastreifen verweigert.

Der frühere US-Präsident war am Sonntag zu einem neuntägigen Besuch im Nahen Osten eingetroffen und will in den kommenden Tagen noch nach Jordanien und Saudi-Arabien reisen. 1979 hatte Carter einen Frieden zwischen Ägypten und Israel vermittelt. 2002 bekam er den Friedensnobelpreis. Carter hatte zum Dialog mit Syrien wie auch mit der radikalislamischen Hamas aufgerufen, die den Gazastreifen seit Juni vergangenen Jahres kontrolliert. Israel und die US-Regierung betrachten die Hamas als terroristische Organisation.

Carters Initiative brachte Bewegung in die starre Front zwischen Israel und der Hamas. Israels Vize-Ministerpräsident Eli Jischai erklärte sich laut einem Bericht der israelischen Zeitung "Haaretz" dennoch zu einem Treffen mit Meschaal bereit. Ohne Regierungschef Ehud Olmert um seine Unterstützung zu bitten, gab Jischai Carter demnach die Nachricht mit, dass er bereit sei, mit dem Hamas-Führer einen Gefangenenaustausch auszuhandeln. Hamas-Führer Sahar erklärte laut der ägyptischen Nachrichtenagentur Mena in Kairo, seine Organisation sei zu einer direkten Auslieferung des im Juni 2006 entführten israelischen Soldaten Schalit bereit, wenn Israel Hamas-Kämpfer freilasse, die zu langen Haftstrafen verurteilt worden sind.

ler/AFP/Reuters



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