Trotz Rückzug: Taliban scheren Pakistanern wegen Musikhörens die Haare

Drakonische Strafen: Die militanten Taliban haben sich zwar aus dem Norden Pakistans zurückgezogen. Doch einige verbliebene Kämpfer peinigen einem Agenturbericht zufolge weiterhin die Pakistaner in der Grenzprovinz Buner.

Peshawar/Islambad - Trotz ihres Rückzugs sorgen verbliebene radikalislamische Taliban im Norden Pakistans einem Agenturbericht zufolge für Angst und Schrecken. Mehrere Taliban schoren vier Männer Haar und Bart, weil diese Musik gehört hatten, wie eines der Opfer am Sonntag der Nachrichtenagentur AFP in einem Telefonat sagte.

Er sei am Samstag mit drei Freunden im Auto unterwegs gewesen, als bewaffnete Taliban sie angehalten hätten, sagte der junge Mann aus Buner. Die Rebellen hätten die Kassetten sowie den Rekorder zertrümmert und ihnen den Kopf geschoren und den Bart zur Hälfte abrasiert. "Die Taliban haben uns geschlagen und uns aufgefordert, nie wieder Musik zu hören", ergänzte das Opfer.

Die Taliban hatten sich am Samstag aus dem von ihnen seit einigen Tagen besetzten Bezirk Buner zurückgezogen. In den bergigen Rangebieten des Distrikts sind nach Angaben von Anwohnern jedoch weiterhin örtliche Rebellen präsent.

Doch Behördenberichten zufolge ist der am Freitag eingeleitete Rückzug der Taliban aus Buner abgeschlossen. Das sagte am Samstag ein Regierungsbeamter für das Swat-Tal und die angrenzenden Gebiete in der Genzprovinz. In die geräumten Gebiete seien paramilitärische Truppen eingerückt.

Zu Wochenbeginn hatten Hunderte Taliban-Kämpfer aus dem Swat-Tal die Kontrolle in Buner übernommen. Ungeachtet eines Friedensabkommens mit der pakistanischen Regierung waren islamistische Kämpfer aus dem Swat-Tal in den vergangenen Tagen in den Nachbardistrikt Buner eingedrungen. Nach Polizeiangaben töteten mutmaßliche Taliban am Donnerstag einen Polizisten und verletzten einen weiteren. Buner liegt nur rund hundert Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt.

Dann reagierte zuerst die Regierung der Nordwestprovinz: Paramilitärische Truppen bezogen Stellung in mehreren Polizeirevieren in Buner. Die mehr als hundert Paramilitärs sollten dazu beitragen, Angriffe der Taliban zu verhindern, teilte ein Polizeioffizier des Buner-Distrikts am Freitag mit.

Ob sie zum Einsatz kamen, ist unklar. Wenig später nämlich verkündete ein pakistanischer Taliban-Kommandeur den Rückzug.

US-Präsident Obama hatte sich besorgt geäußert. Verteidigungsminister Robert Gates hatte daraufhin eine scharfe Warnung an die Regierung in Islamabad gerichtet. Und auch Außenministerin Hillary Clinton warf der Führung in Islamabad in einer Kongressanhörung vor, vor den Taliban zu kapitulieren.

Der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari hatte vergangene Woche dem Abkommen zugestimmt, das die Provinzregierung des Swat-Tals im Februar mit den dort agierenden Taliban-Rebellen ausgehandelt hatte. Es sieht vor, dass im Distrikt Malakand, der das Swat-Tal und Buner umfasst, das islamische Scharia-Recht eingeführt wird. Die pakistanische Regierung verbindet damit die Hoffnung, dass sich die angespannte Lage in der Grenzregion zu Afghanistan beruhigt. Die Taliban verpflichteten sich im Gegenzug zur Einstellung ihrer Kämpfe. Eine Entwaffnung lehnten sie jedoch ab.

Kommentatoren äußerten Zweifel, dass sich die Taliban in ihren Ambitionen auf das Swat-Tal beschränken. Pakistan sehe sich einer großen Gefahr gegenüber, hieß es am Sonntag in der Zeitung "The News". Es gebe keine Anzeichen, dass die Taliban ihre Anstrengungen einstellten, weitere Gebiete zu erobern. Am Samstag stoppten bewaffnete Taliban im Swat-Tal einen Militärkonvoi, der Verstärkung in das Gebiet bringen sollte. Der Konvoi kehrte dann um. In einem Nachbarbezirk des Swat-Tals starteten die Regierungstruppen am Sonntag eine Offensive gegen Aufständische. Dabei seien Dutzende Aufständische getötet worden, darunter auch ein Kommandeur der Islamisten, hieß es.

otr/AFP/AP

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