Trotz Uno-Warnung: Nordkorea meldet erfolgreichen Atombombentest

Die Warnungen der internationalen Staatengemeinschaft waren vergeblich: Nordkorea hat heute einen erfolgreichen Atomwaffentest gemeldet. Der amerikanische geologische Dienst USGS bestätigte seismologische Aktivitäten. Das südkoreanische Militär wurde in Alarmbereitschaft versetzt.

Pjöngjang/Seoul - Der unterirdische Test sei sicher und erfolgreich verlaufen, meldete die amtliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA. Es sei keine Radioaktivität ausgetreten. "Der Atomtest wurde mit 100 Prozent unserer Weisheit und Technologie ausgeführt", hieß es in der Erklärung. "Der Atomwaffentest wird dazu beitragen, den Frieden und die Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in der umliegenden Region zu erhalten." Der Atomwaffentest sei ein historisches Ereignis, "das unser Militär und unser Volk glücklich macht".

Nordkoreanische Nuklearanlage Yongbyon (Archivfoto): Pjöngjang berichtet stolz über Atomtest
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Nordkoreanische Nuklearanlage Yongbyon (Archivfoto): Pjöngjang berichtet stolz über Atomtest

Nach Angaben des südkoreanischen Verteidigungsministeriums wurde die Atomwaffe in Hwadaeri nahe Kilju um 10.36 Uhr (Ortszeit; 03.36 Uhr MESZ) gezündet. Der Atomtest hatte eine Sprengkraft von 550 Tonnen TNT, erklärte ein Sprecher des staatlichen Koreanischen Instituts für Geowissenschaften, Park Chang Soo. Zum Vergleich: Die Bombe, die am 6. August 1945 das japanische Hiroshima verwüstete, hatte eine Sprengkraft von 15.000 Tonnen TNT - die am 9. August 1945 über Nagasaki abgeworfene Bombe entsprach 21.000 Tonnen TNT.

Russland hat den Atombombentest heute Vormittag bestätigt. Die russischen Überwachungssysteme haben "den Test einer Atomwaffe in Nordkorea entdeckt", zitierte die Nachrichtenagentur Itar-Tass Generalleutnant Wladimir Werchowzew aus dem Verteidigungsministerium. "Es ist hundert Prozent sicher, dass es eine unterirdische Atomexplosion war."

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Die USA haben den Test noch nicht bestätigt. Es habe ein "seismisches Ereignis" in einem möglichen nordkoreanischen Atomtestgelände gegeben, erklärte das Weiße Haus.

Ein Regierungsmitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte, die Erschütterung sei so klein gewesen, dass es schwierig sei, sie genau einzuschätzen. Ein anderer Experte erklärte, es habe sich wohl "mehr um ein Zischen als um einen Knall gehandelt."

Der südkoreanische Geheimdienst registrierte zum Zeitpunkt des Tests einen Erdstoß der Stärke 3,58, meldete die Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf einen Sprecher des Außenministeriums in Seoul. Inzwischen meldete auch das amerikanische geologische Institut U.S. Geological Survey seismologische Bewegungen im Nordosten Nordkoreas. Die Erdstöße wurden mit 4,2 angegeben.

Kurz nach Bekanntwerden des Atomwaffentests sind in der Pazifik-Region heftige Proteste laut geworden. Das chinesische Außenministerium erklärte, es lehne das Verhalten der Regierung in Pjöngjang kategorisch ab. Die Stabilität im Nordosten Asiens liege im Interesse aller betroffenen Parteien, hieß es.

Der südkoreanische Präsident Roh Moo Hyan rief nach Angaben seines Sprechers seine Sicherheitsberater zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Das Verteidigungsministerium versetzte seine Armee an der Grenze zum kommunistischen Norden in Alarmbereitschaft. Jede Bewegung werde verfolgt, hieß es. An der Börse in Seoul stürzten die Aktienkurse um die Mittagszeit (Ortszeit) kräftig ab. Der Kospi-Index gab zeitweise um 3,6 Prozent nach.

Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe, der sich heute zu Gesprächen mit Präsident Roh in Südkorea aufhielt, erklärte, man müsse sich zunächst noch vergewissern, ob der nordkoreanische Atomwaffentest auch tatsächlich stattgefunden habe. Sollte dies so sein, handele es sich um eine Provokation und eine ernsthafte Bedrohung der Stabilität in der Region. "Der Atomtest durch Nordkorea wird niemals verziehen werden können", sagte Abe laut der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap. "Wir müssen jedoch noch mehr Geheimdienstinformationen über die Angelegenheit sammeln und dabei einen klaren Kopf behalten."

Wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo meldete, setzte die Regierung sofort einen Sonderausschuss ein, um eine angemessene Reaktion zu erarbeiten.

Japans Außenminister Taro Aso sagte, er habe eine Telefonkonferenz mit seinen Kollegen in den USA und Südkorea abgehalten. Sollte sich der Atomtest bestätigen, werde sein Land im Uno-Sicherheitsrat eine Resolution beantragen, die die Anwendung von Kapitel VII der Uno-Charta erlaube. Kapitel VII ermöglicht die Anwendung weitreichender wirtschaftlicher Sanktionen sowie letztlich auch militärischer Mittel. Japan hatte schon in der vergangenen Woche angekündigt, man werde sich für harte Sanktionen einsetzen, falls Pjöngjang die Appelle der internationalen Staatengemeinschaft ignoriere.

Nordkorea hatte in der vergangenen Woche angekündigt, es werde zur Abschreckung einer möglichen Invasion der USA erstmals eine Atomwaffe testen. Die Ankündigung hatte weltweit Besorgnis ausgelöst. Neben zahlreichen Staats- und Regierungschefs hatte auch der Uno-Sicherheitsrat an die Regierung in Pjöngjang appelliert, auf den Test zu verzichten.

Nordkorea hatte im Februar 2005 offiziell bekanntgegeben, im Besitz der Atombombe zu sein. US- und südkoreanischen Experten zufolge besitzt das Land genug waffenfähiges Plutonium für mehrere Atombomben. Es wird vermutet, dass es für mindestens vier, vielleicht aber auch Dutzende Atombomben ausreicht. Nordkorea verfügt zudem über ein vielfältiges Raketenprogramm. Allerdings ist nicht klar, ob eine dieser Raketen mit einem nuklearen Sprengsatz ausgerüstet werden könnte. Bei einem Test am 5. Juli feuerte das Land bereits eine Rakete vom Typ Taepodong-2 ab, die theoretisch auch die USA erreichen könnte. Das Geschoss fiel jedoch kurz nach dem Start ins Meer.

als/Reuters/AP/AFP/dpa

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