Trotz Wahl-Debakel Labour-Abgeordnete applaudieren Gordon Brown

Hinter seinem Rücken hatten einige Abgeordnete bereits seinen Sturz geplant: Jetzt räumte der britische Premierminister Gordon Brown vor seiner Partei Fehler ein - und erhielt dafür Beifall. Die Opposition forderte dagegen vorgezogene Parlamentswahlen.


London - In einer Sitzung seiner Fraktion am Montagabend zeigte sich Gordon Brown entschlossen, im Amt zu bleiben. Parlamentariern zufolge erntete der britische Premierminister damit von einer Mehrheit der Abgeordneten Applaus. Die Unterstützung sicherte sich Brown, nachdem mehrere Labour-Abgeordnete schon Unterschriften für eine Rücktrittsforderung gesammelt hatten.

Premierminister Brown: "Ich weiß, dass ich besser werden muss"
AFP

Premierminister Brown: "Ich weiß, dass ich besser werden muss"

"Ich weiß, dass ich besser werden muss", sagte Brown einem Sprecher zufolge den Parlamentariern. "Probleme löst man nicht, indem man wegläuft, sondern indem man sich ihnen stellt und etwas gegen sie unternimmt", sagte Brown laut Sitzungsteilnehmern. Fraktionschef Tony Lloyd sagte, die Wahrscheinlichkeit, dass Brown parteiintern zum Amtsverzicht gedrängt werde, sei nunmehr gering.

Labour hatte bei der Europawahl das schlechtestes Ergebnis bei einer landesweiten Abstimmung seit fast 100 Jahren erlitten. Nach dem historischen Debakel und zahlreichen Rücktritten aus der Regierung in den vergangenen Tagen steht der britische Premier Gordon Brown weiter mit dem Rücken zur Wand.

Labour musste bei der Wahl neben der Konservativen Partei auch die europafeindliche UKIP an sich vorbeiziehen lassen, die wie andere kleinere Parteien von Protestwählern profitierte. So schickt etwa die ausländerfeindliche BNP zwei Abgeordnete in das neue Europaparlament.

Zudem legte Umwelt-Staatssekretärin Jane Kennedy am Montag ihr Amt nieder, nachdem Brown schon in der vergangenen Woche eine Rücktrittswelle in seinem Kabinett verkraften musste. Am Montag mied der Regierungschef zunächst die Öffentlichkeit und fuhr mit seiner Kabinettsumbildung auf unterer Ebene fort. Aus Browns Regierungsmannschaft hatten zuletzt fünf Minister und mehrere Staatssekretäre das Handtuch geworfen. Trotz aller Kritik hatte Brown mehrfach erklärt, er wolle an seinem Amt festhalten.

Bei dem mit Spannung erwarteten Treffen der Labour-Fraktion wurde Brown dann nach Berichten der BBC mit Applaus begrüßt. Teilnehmer sagten, dass Brown "großartige Unterstützung" bekommen habe. Drei Abgeordnete hätten ihn zwar zum Rücktritt aufgefordert, darunter jedoch bereits bekannte Brown-Kritiker. Nach Angaben des Senders hätten die Rebellen bisher nicht die nötigen Stimmen von Abgeordneten zusammenbekommen, um einen Antrag auf Ablösung des Premiers zu stellen. Der neue Kulturminister Ben Bradshaw sagte, Brown habe die "Rede seines Lebens" gehalten. Ein Staatssekretär erklärte, die Partei wolle, "dass der Kapitän an Bord bleibt".

Dagegen sagte Umwelt-Staatssekretärin Kennedy nach ihrem Rücktritt, sie zweifle an Brown. Bleibe er weiter an der Parteispitze, werde das für Labour zum "bitteren Ende" führen. Zudem wolle sie Brown nicht ihre Gefolgschaft zusichern und habe genug von "Schmutzkampagnen" innerhalb der Regierung.

Oppositionschef David Cameron von den konservativen Tories forderte erneut vorgezogene Parlamentswahlen: "Jetzt, wo das britische Volk das Vertrauen in Labour verloren hat, möchte ich, dass die Konservative Partei dieses Vertrauen gewinnt."

Die regierende Labour-Partei verlor bei der Europawahl rund sieben Prozentpunkte und kam nur noch auf 15,7 Prozent. Labour wurde von der europafeindlichen Partei UKIP (16,5 Prozent) überflügelt, lag aber noch vor den Liberaldemokraten (13,7). Stärkste Kraft wurde die Konservative Partei mit 27,7 Prozent. Die Grünen legten mit 2,4 Punkten am stärksten zu und kamen auf 8,6 Prozent. Die Wahlbeteiligung betrug etwa 34 Prozent.

wit/dpa/rtr/AFP

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ALG III 08.06.2009
1.
Zitat von sysopLabour hat bei der Europawahl eine historische Wahlschlappe erlitten - doch Premierminister Gordon Brown sitzt in seinem Bunker in der Downing Street und verteilt Posten. Wie lange kann sich Gordon Brown noch an der Macht halten?
Brown und Steinmeier sollten sich zusammentun und gemeinsam in Brüssel vor die Presse treten. "Wir haben eine historische Niederlage erlitten und kleben nicht an unseren Pöstchen." Schon könnte jeder sehen, was für sympathische Burschen die beiden im Grunde sind.
praise 08.06.2009
2. Wie wäre es mit Tony Blair?
Zitat von sysopLabour hat bei der Europawahl eine historische Wahlschlappe erlitten - doch Premierminister Gordon Brown sitzt in seinem Bunker in der Downing Street und verteilt Posten. Wie lange kann sich Gordon Brown noch an der Macht halten?
Das ist im Prinzip egal. Nach der nächsten Wahl in GB ist Brown Geschichte. Ich nehme aber an, dass er bis Frühjahr durchhält, weil keine anderer Kandidat bereit steht. Es sei denn, man aktivierte Tony Blair wieder. :-)
kollateralschaden 08.06.2009
3.
Zitat von sysopLabour hat bei der Europawahl eine historische Wahlschlappe erlitten - doch Premierminister Gordon Brown sitzt in seinem Bunker in der Downing Street und verteilt Posten. Wie lange kann sich Gordon Brown noch an der Macht halten?
"Bunker", der war gut, sysop, ... Nach guter alter britischer Tradition muesste man jetzt jedenfalls ins Wettbuero gehen ;-) Ich denke, Brown wird diesen Sommer politisch nicht ueberleben. Hoffentlich. Innerhalb von weniger als einer Woche ist nun Minister/in Nr. 8 dran: "Gordon Brown loses minister Jane Kennedy after elections disaster" http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/eu/5476566/Gordon-Brown-loses-minister-Jane-Kennedy-after-elections-disaster.html Wie geil ist das denn? Schoen auch diese Erkenntnis von Mrs Kennedy: "Mrs Kennedy said that Mr Brown's style of politics had alienated many voters. "The public have turned away from us and are not prepared to listen to us. "The electorate are rejecting us. This is the point at which we need to turn the corner. We need to listen to the messge that the British people are giving us." Dafuer hat man sicher einen hochbezahlten Politikwissenschafter fragen muessen. Also, der Telegraph und Cameron, die werden jetzt aus allen Rohren feuern, die werden nicht mehr locker lassen. Das wird nix mehr mit Nulabour.
McBline 08.06.2009
4. Zu klug
Zitat von praiseDas ist im Prinzip egal. Nach der nächsten Wahl in GB ist Brown Geschichte. Ich nehme aber an, dass er bis Frühjahr durchhält, weil keine anderer Kandidat bereit steht. Es sei denn, man aktivierte Tony Blair wieder. :-)
Nee, Blair ist zu klüg, auf so was lässt er sich nicht ein. :-)
EU-Austretter 08.06.2009
5.
Zitat von kollateralschaden"Bunker", der war gut, sysop, ... Nach guter alter britischer Tradition muesste man jetzt jedenfalls ins Wettbuero gehen ;-) Ich denke, Brown wird diesen Sommer politisch nicht ueberleben. Hoffentlich. Innerhalb von weniger als einer Woche ist nun Minister/in Nr. 8 dran: "Gordon Brown loses minister Jane Kennedy after elections disaster" http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/eu/5476566/Gordon-Brown-loses-minister-Jane-Kennedy-after-elections-disaster.html Wie geil ist das denn? Schoen auch diese Erkenntnis von Mrs Kennedy: "Mrs Kennedy said that Mr Brown's style of politics had alienated many voters. "The public have turned away from us and are not prepared to listen to us. "The electorate are rejecting us. This is the point at which we need to turn the corner. We need to listen to the messge that the British people are giving us." Dafuer hat man sicher einen hochbezahlten Politikwissenschafter fragen muessen. Also, der Telegraph und Cameron, die werden jetzt aus allen Rohren feuern, die werden nicht mehr locker lassen. Das wird nix mehr mit Nulabour.
Gordon Brown to resign as Prime Minister before 01/07/2009 2.50 Gordon Brown NOT to resign as Prime Minister before 01/07/2009 1.50 Also fast 40%, dass er vor Anfang Juli geht - nicht schlecht http://www.gambling911.com/politics/gordon-brown-out-office-election-say-punters-060609.html
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