Truppenbesuch in Afghanistan Viel Guttenberg-Glamour und eine Prise Wahrheit

Truppenbesuch mit Gattin, TV-Talkshow aus dem Feldlager: Karl-Theodor zu Guttenberg machte bei seiner siebten Afghanistan-Visite seinem Ruf als Polit-Popstar alle Ehre. Dass er dabei mit Abzugsphantasien für die Bundeswehr aufräumte, ging bei all dem Trubel fast unter.

Aus Masar-i-Sharif berichtet

DPA

Der Aufmarschplatz der Kampfeinheiten im Feldlager Kunduz ist nicht das typische Terrain von Stephanie zu Guttenberg. Sonst eher auf dem roten Teppich zu finden, steht die Gattin des Verteidigungsministers am Morgen in Winterboots, blauer Daunenjacke mit Fellkragen und grauer Jeans im knöcheltiefen, feinen Staub vor mehreren monströsen Bundeswehr-Panzerfahrzeugen. Etwas abseits wartet eine Personenschützerin mit dem Reisegepäck, ein teurer Leder-Weekender.

Mit leicht fragendem Blick lässt sich Stephanie zu Guttenberg am wohl gefährlichsten Standort der Bundeswehr in Nordafghanistan einen Roboter zur Bombenentschärfung erklären. Das sehe ja alles sehr kompliziert aus, sagt sie. Der Roboter habe schon viele Leben gerettet, sagt der Soldat. Dann entdeckt Frau Guttenberg einen kleinen Aufkleber an dem schwarzen Roboterarm. "Das Ding heißt ja auch Theodor", freut sie sich und lächelt, "das muss ich gleich meinem Mann erzählen."

Der aktuelle Afghanistan-Trip des Verteidigungsministers war eine Premiere ganz à la Guttenberg: Noch nie zuvor hatte ein Minister seine Gattin ins Einsatzgebiet mitgenommen. Nun aber kletterte Guttenberg gemeinsam mit Stephanie, Dauergast in der Boulevardpresse, in Afghanistan in Transall-Flugzeuge, legte mit ihr Schutzweste und Helm an, raste im Tiefflug per Helikopter über Nordafghanistan. Für Guttenberg sind diese Besuche Routine, es war der siebte in seiner Amtszeit.

Eindruck von der Lage vor Ort

Diesmal aber stand statt dem smarten CSU-Politiker seine Frau im Vordergrund des öffentlichen Interesses. Sie habe sich schon immer gewünscht, mal mit ihm nach Afghanistan zu reisen, berichtete Guttenberg. Stephanie zu Guttenberg sagte das in die Mikrofone, was eigentlich alle politischen Gäste sagen, wenn sie nach Afghanistan kommen: Sie wolle sich "einen Eindruck von der Lage vor Ort" verschaffen.

Gekommen waren die Guttenbergs, um den Soldaten kurz vor Weihnachten noch einmal Rückhalt zu geben, sagte der Minister, eine Art Adventsgruß fernab der Heimat. Die Truppe mag diese Besuche. Noch immer bilden sich sofort Trauben um den Minister. Alle wollen ein Foto machen, diesmal am besten mit Dame. Fast zwei Stunden frühstückten die beiden mit Soldaten in Kunduz. Er redete mit den Kampfeinheiten, seine Frau am anderen Tisch mit den Soldatinnen der Truppe.

Zusammen waren die beiden aber sonst selten zu sehen bei dem Trip zur Truppe. Während Guttenberg sich in Kunduz von den Militärs über die Lage rund um Kunduz briefen ließ, besichtigte seine Frau einen Sanitätszug und ein Feldkrankenhaus. Sie freue sich sehr, dass sie sich das Arbeitsgebiet ihres Mannes endlich mal ansehen könne. Und ihr Eindruck?. Sie überlegt kurz. "Eigentlich noch gar kein richtiger", sagte sie ziemlich ehrlich, "ich habe ja noch gar nicht viel gesehen".

Mit dem Besuch macht der Minister seinem Ruf als Popstar alle Ehre. Nach dem Stopp in Kunduz wartete in Masar-i-Scharif der nächste große Auftritt. Talkmaster Johannes B. Kerner hatte ein kleines Fernsehstudio in einem Hangar eingerichtet, zeichnete dort eine Talkshow auf. Kerners Stargast war natürlich der "derzeit beliebteste Politiker Deutschlands".

Die Kerner-Show war keine Talk-Sendung im klassischen Sinne. Gut die Hälfte der Zeit nahmen Filme, zum Beispiel über Angehörige von Soldaten im Einsatz oder die Vorbereitung auf die Missionen ein. Guttenberg diskutierte später vor rund 150 Soldaten, so mit einer Sanitäterin oder einem Mitglied der Infanterie, die in Kunduz fast jeden Tag in Gefechten steht. Ein bisschen wirkte die Sendung wie ein Produktfilm über die Bundeswehr, im Hintergrund starteten und landeten im Minutentakt Hubschrauber und Militär-Transporter.

Die politischen Gäste Guttenbergs fielen bei all dem Trubel fast gar nicht auf. Irgendwo hinten im Tross des Ministers trotteten der niedersächsische Ministerpräsident David McAllister, sein Kollege Wolfgang Böhmer und CDU-Politiker Philipp Mißfelder mit. Ziemlich ungestört von den TV-Teams konnten sie sich während der Visite mit Soldaten aus ihren Bundesländern unterhalten, die Kameras hingegen folgten nur dem Traumpaar auf Truppenbesuch.

Keine konkreten Pläne für den Rückzug

Bei allem Guttenberg-Glamour ging bei dem Kurztrip auch fast unter, dass sich der Minister in der allgegenwärtigen Abzugsdebatte einmal mehr sehr zurückhaltend äußerte. Während Kollege Guido Westerwelle kein Statement zu Afghanistan ohne die Ankündigung abgibt, man wolle möglichst schon 2011 mit der Reduzierung der Bundeswehreinheiten beginnen, warnte Guttenberg im Kampfgebiet vor den optimistischen Szenarien für einen möglichen Abzug der Bundeswehr.

Die unterschiedlichen Ansätze der beiden hauptverantwortlichen Minister der Merkel-Regierung für den Einsatz werden mit den Aussagen Guttenbergs immer unvereinbarer. "Ich bin nicht derjenige, der sagt, nächstes Jahr ziehen wir hier oder da Soldaten ab, das wäre auch unverantwortlich", sagte Guttenberg sogar. Vor einer Gruppe afghanischer Reporter betonte er, dass es noch keine konkreten Pläne für den Rückzug der Bundeswehr aus einzelnen Nordprovinzen gebe.

Die große Politik aber wird wohl nicht das Hauptthema nach dieser Reise. Gerade war Guttenberg zurück von einer Videokonferenz mit dem Chef der Nato-Truppen, General Petraeus, da häuften sich bei seinem Stab schon kritische Nachfragen, wer denn die Reise- und Transportkosten für die Kerner-Show bezahlt habe. Zusätzlich kamen die ersten Agenturmeldungen mit ätzenden Kommentaren der Opposition über die angebliche "PR-Tour".

Formal werden die Kritiker dem Wehrminister wohl nichts anhaben können. Dass die Bundeswehr Journalisten mit zu Truppenbesuchen fliegt und das nicht berechnet, ist Routine. Für die Fracht hatte der Sender ordnungsgemäß bezahlt. Die Kritik an der Begleitung durch seine Frau bügelte der Minister harsch ab: "Ich tue das, was ich für richtig halte, um den Soldaten hier im Einsatz die Anerkennung und die Aufmerksamkeit zu verschaffen, die sie verdienen."

Den Soldaten, weit weg von der Heimat, gefiel der Rummel um die fabelhaften Guttenbergs, sie klatschten, johlten. Wohl jeder hat mittlerweile ein Bild mit dem Gebirgsjäger Guttenberg auf seinem Fotohandy. Für die meisten Soldaten ist es toll, dass ihr Minister eine Art Showstar ist - gestern noch bei Gottschalk auf der Bank, heute schon im Schützengraben.

Für seine politische Zukunft sollte der Minister allerdings aufpassen, dass er das Maß nicht irgendwann verliert.



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insgesamt 316 Beiträge
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JohnC. 13.12.2010
1. Tief, tiefer ...
... Guttenberg. Die Politik in Deutschland gleicht mittlerweile einer Daily Soap. Es geht immer noch schlimmer. Was kommt als nächstes? Freifrau zu Guttenberg auf RTL II in "Afghanistan - Abenteuer am Hindukusch"?
Frau Wutz, 13.12.2010
2. SPON und Kerner
Im gesamten Artikel kein Hinweis dazu, dass die Kerner-Sendung von Spiegel TV gemacht wird.
Eimsbüttler 13.12.2010
3. Germans to the front!!
Wenn er den totalen Krieg will und die Masse wieder johlt, soll er sich gern nebst Gattin an die vorderste Front begeben. Vielleicht wiederholt sich die Geschichte dann. 30.04.1945 = 30.04.2011?
boam2001, 13.12.2010
4. Talkshow-Touristen. Einfach nur erbärmlich !
Fehlt neben Kerner eigentlich nur noch Daniela Katzenberger als Trash-Ikone, um die Moral der Truppe über die Weihnachtstage zu stärken. Scherz beiseite ! Ich finde es einfach nur lächerlich und blamabel, wie sich Herr und Frau von Guttenberg schon seit längerem medial inszenieren. Ob nun auf Kinderschänder-Jagd bei RTL2 (Frau Guttenberg) oder ein Ausflug auf dem New Yorker Times Square (Herr Guttenberg) - beide haben für mich die Grenzen des guten Geschmacks längst überschritten. Inszenieren sich nun auch noch mithilfe von Talkshowmoderatoren als kommende Hoffnungsträger der CDU/CSU, haben aber - insbesondere Herr Guttenberg - in den Niederungen der alltäglichen Politik bisher nur sehr wenig geleistet. Die Zukunft wird es zeigen, ob Strahlemann Guttenberg auch weiterhin so jovial in die Kameras grinst, wenn er mal auf härtere Nüsse trifft.
moritzdog, 13.12.2010
5. Na ja
Zitat von EimsbüttlerWenn er den totalen Krieg will und die Masse wieder johlt, soll er sich gern nebst Gattin an die vorderste Front begeben. Vielleicht wiederholt sich die Geschichte dann. 30.04.1945 = 30.04.2011?
zu Ihrer Äußerung fällt mir nur ein: Knapp daneben ist auch vorbei. Wenn Sie wissen, was ich meine.
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