Flüchtlinge im Tschad: "Das ist auch für Ärzte kaum zu ertragen"

Flüchtlinge im Tschad: Wasser und Medizin fehlen Fotos
MSF/ Massimo Ravasani

Das Flüchtlingsdrama im Sudan nimmt immer größere Ausmaße an. Jüngsten Zahlen der Uno zufolge sind 250.000 Menschen vor den Stammeskonflikten geflohen, Zehntausende von ihnen in den Tschad. Dort hausen sie unter lebensbedrohlichen Umständen, berichtet Maximilian Gertler von Ärzte ohne Grenzen.

Hamburg - Der Darfur-Konflikt im Westen des Sudan hat sich in den vergangenen Monaten wieder verschärft. Seit einem Jahrzehnt kämpfen in dem Land afrikanische Stämme gegeneinander. Neue Zahlen des Uno-Welternährungsprogramms (WFP) zeigen, wie sich auch die Situation der Flüchtlinge zunehmend verschlechtert: Seit Anfang des Jahres sind rund 250.000 Menschen auf der Flucht. "Wir sind sehr besorgt über die Ereignisse", sagt WFP-Landesdirektor Adnan Khan.

Die Männer und Frauen fliehen vor allem in das Nachbarland Tschad westlich des Sudans, insbesondere in die Grenzregion Tissi. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen geht davon aus, dass dort in den vergangenen Monaten rund 50.000 neue Flüchtlinge angekommen sind. Allein im Lager Abgadam seien es seit Anfang Mai etwa 16.000 gewesen.

Viele von ihnen stammen ursprünglich aus dem Tschad und waren vor Jahren wegen Unruhen nach Darfur geflohen. Nachdem sie dort als Flüchtlinge gelebt hatten, mussten sie nun erneut fliehen - diesmal vor den Konflikten im Sudan.

Etwa 30 Kilometer vom Lager Abgadam entfernt hat Ärzte ohne Grenzen ein Krankenhaus renoviert. Maximilian Gertler ist Internist und Mitglied im Vorstand der Organisation. Anfang Juni unterstützte er die Ärzte in Tissi für mehrere Wochen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erzählt er von seinen schockierenden Erfahrungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben viele Flüchtlinge behandelt - welchen Weg haben die Menschen hinter sich?

Gertler: Etwa ein bis drei Tage dauert die Reise aus Zentral-Darfur. Viele erzählen, dass sie Hals über Kopf aus ihren Dörfern fliehen mussten, als diese überfallen wurden: Kämpfer schossen um sich und brannten die Hütten nieder. Diese Menschen mussten alles zurücklassen. Manche konnten zumindest noch ihr Vieh mitbringen - der größte Besitz, den die Menschen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Vertriebenen in den Lagern sicher?

Gertler: Die Sicherheit ist dort eine andere, als wir sie aus Europa kennen: Man muss immer wachsam sein. Aber die Flüchtlinge erzählen, dass sie sich hier sicher fühlen. Viele wollen nach den schrecklichen Erfahrungen nie wieder zurück. Bei manchen sind die Überfälle erst wenige Wochen und Tage her.

SPIEGEL ONLINE: Wie leben die Menschen in den Camps?

Gertler: Sie hausen in Strohhütten, die nur von ein paar Stöcken zusammengehalten werden, kaum dicker als ein Unterarm. Die Hütten sind nur wenige Quadratmeter groß. In der Trockenzeit waren sie gerade ausreichend, um vor der Sonne zu schützen. Doch gegen die Wolkenbrüche der Regenzeit bieten sie jetzt keinen Schutz mehr.

SPIEGEL ONLINE: Woran fehlt es außerdem?

Gertler: Wir haben im Lager Abgadam nach Wasser gebohrt, aber nichts gefunden. Stattdessen mussten wir es mit Tanklastern holen. Vergangene Woche brach auch diese Versorgung zusammen. Die Straßen haben in der Regenzeit tiefe Löcher, in denen die Lastwagen stecken bleiben. Im Camp gab es deshalb fünf Tage lang überhaupt kein sauberes Wasser. Mittlerweile können die Flüchtlinge wieder notdürftig mit zwei Litern pro Person und Tag versorgt werden. Bei Temperaturen von 40 Grad reicht dies allenfalls zum Trinken, für die unverzichtbare Hygiene kaum.

SPIEGEL ONLINE: Wo werden Patienten medizinisch versorgt?

Gertler: Neben dem kleinen Krankenhaus im Dorf Tissi baut Ärzte ohne Grenzen gerade eine weitere Klinik in Abgadam auf. Die Organisation unterhält zudem einen kleinen Gesundheitsposten in Amdoukum, 20 Kilometer nördlich von Tissi, und mobile Kliniken. Dort behandeln wir die häufigsten und akut gefährlichen Krankheiten. Auch können Frauen dort sicher ihre Kinder zur Welt bringen. Außerdem richten wir ein Monitoring der Krankheiten mit Epidemiepotential ein.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Beschwerden kommen die Menschen zu Ihnen?

Gertler: Etwa 30 Prozent aller Fälle sind Durchfallerkrankungen. Viele Kinder sind mangelernährt oder leiden unter Lungenentzündungen. Jetzt in der Regenzeit wird die Malaria stark zunehmen, denn die Überträger-Mücken finden neue Brutplätze. Cholera-Fälle haben wir bisher noch keine gesehen, aber bei zu wenig sauberem Wasser und Latrinen können schnell Epidemien auftreten. Etwa ein Viertel der stationären Patienten sind Kriegsverletzte.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie alle Flüchtlinge ausreichend behandeln?

Gertler: Die meisten Erkrankungen können wir gut behandeln. Ein großes Problem ist jedoch, dass uns viele Menschen wegen der raren medizinischen Versorgung in der Region erst spät erreichen: Ich erinnere mich an ein siebenjähriges Mädchen mit schwerer Malaria. Wir wussten schon abends, dass sie kaum die Nacht überleben wird. Solche Stunden sind auch für den Arzt kaum zu ertragen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Möglichkeit, Patienten in andere Krankenhäuser zu bringen?

Gertler: Das wäre bei einigen Patienten für eine weitergehende chirurgische Versorgung notwendig. Die ist jedoch mehr als 200 Kilometer entfernt. Wenn Patienten verlegt werden, dann ist dies nur per Flugzeug möglich. Allerdings ist auch die Landebahn während der Regenzeit oft nicht benutzbar. Gleich an meinem ersten Tag kamen etwa 20 Schussverletzte zu uns. Drei von ihnen sind trotz unserer Stabilisierung noch in der Wartezeit verstorben, weil das Flugzeug nicht landen konnte. Das war unwahrscheinlich frustrierend.

Das Interview führte Tobias Brunner

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
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1.
genlok 27.07.2013
Wer glaubt eigentlich noch dass Mittel - und Südafrika bereit wären für zivilisiertes Miteinanderleben? Andere Mentalität, andere Vergangenheit, andere Gene. Man sollte vielleicht mal akzeptieren dass Afrika kein 2tes Europa werden wird und die Afrikaner ihres eigenen Schicksals Schmied werden sollten. Wie auch immer sie ihr Schicksal gestallten.
2. Nicht überraschend, auch
tantalos1361 27.07.2013
nicht schockierend. Afrika wird vom Westen ausgebeutet und gebeutelt seit langer, langer Zeit. Schön aber, dass man bei diesem Beitrag aufzeigen kann, dass es schon merkwürdig im wahrsten Sinne des Wortes ist, woher und warum das große Interesse an Syrien besteht. SPON sagt ja, schockierende Zahlen. Völker auf der Flucht etc. Niemand fragt die Menschen dort. Und garantiert stellt sich die Frage, woher im Tschad Stammeskrieger das Werkzeug zum Töten bekommen. Die Antwort liegt bei denen, die Traditionen darin hegen und pflegen. Wenn sich Imperien in der Historie gegenüberstanden, dann war das ein direktes Kräftemessen. Heuchelei und Lügen sind die letzten Waffen untergehender Imperien. Desto größer das Imperium war und desto größer die Lügen und Heucheleien, desto härter und ausradierender wird... Schaut man sich die Geschichte der letzten hundert Jahre an, denkt man: wenn nicht zu Beginn, dann im Laufe der Jahre hat dieses Imperium es eingesehen, dass seine Zeit auf der Weltbühne der Geschichte nur begrenzt sein wird. Warum steckt Amerika eigentlich die vielen Milliarden, die für die Freiheit des syrischen Volkes und dessen Demokratie und Gerechtigkeit gedacht sind, und dies bei der amerikanischen Wirtschaftslage, nicht in den Tschad? Libyen war ja was anderes... Ja, Syrien auch. Auf dem Rücken des syrischen Volkes wird die Zukunft der gesamten Welt entschieden. Und die Sonne scheint nicht nach westen
3.
sahnekefir 27.07.2013
Zitat von sysopes gibt Laender wie Suedafrika usw. die durchaus in der Lage sind, Hilfe zu leisten bzw. Konflikte zu stoppen.
Naja, Südafrika ist vom Sudan und Tschad wesentlich weiter entfernt als Europa. Kulturell haben die beiden Länder auch nichts gemeinsam. Also sehe ich da keine besondere Verpflichtung für Südafrika. Hilfe sollte man davon abhängig machen, dass diese Region zunächst mal ein tragfähiges Zukunftskonzept vorlegt. Einfach nur Medizin und Nahrung hinkarren hat noch nie ein Problem dauerhaft gelöst. Meist wird das Problem dadurch in die Zukunft verlagert (und da kommt es dann verschärft wieder)
4.
boeseHelene 27.07.2013
Zitat von tantalos1361nicht schockierend. Afrika wird vom Westen ausgebeutet und gebeutelt seit langer, langer Zeit. Schön aber, dass man bei diesem Beitrag aufzeigen kann, dass es schon merkwürdig im wahrsten Sinne des Wortes ist, woher und warum das große Interesse an Syrien besteht. SPON sagt ja, schockierende Zahlen. Völker auf der Flucht etc. Niemand fragt die Menschen dort. Und garantiert stellt sich die Frage, woher im Tschad Stammeskrieger das Werkzeug zum Töten bekommen. Die Antwort liegt bei denen, die Traditionen darin hegen und pflegen. Wenn sich Imperien in der Historie gegenüberstanden, dann war das ein direktes Kräftemessen. Heuchelei und Lügen sind die letzten Waffen untergehender Imperien. Desto größer das Imperium war und desto größer die Lügen und Heucheleien, desto härter und ausradierender wird... Schaut man sich die Geschichte der letzten hundert Jahre an, denkt man: wenn nicht zu Beginn, dann im Laufe der Jahre hat dieses Imperium es eingesehen, dass seine Zeit auf der Weltbühne der Geschichte nur begrenzt sein wird. Warum steckt Amerika eigentlich die vielen Milliarden, die für die Freiheit des syrischen Volkes und dessen Demokratie und Gerechtigkeit gedacht sind, und dies bei der amerikanischen Wirtschaftslage, nicht in den Tschad? Libyen war ja was anderes... Ja, Syrien auch. Auf dem Rücken des syrischen Volkes wird die Zukunft der gesamten Welt entschieden. Und die Sonne scheint nicht nach westen
genau der böse Westen ist an allem Schuld *rolleyes* und die armen Afrikaner natürlich nicht. Das ist wahrer Rassismus und damit sagen, sie aus die Afrikaner können sich nicht selber helfen aber was hat unsere Hilfe den gebracht nichts nur weitere Menschen die auch wieder auf der Flucht sind. Afrika muss sich selber helfen. Hilfe muss nämlich erstens gewollt sein jemand etwas überstülpen hilft nichts.
5. Aha, Stammeskonflikte!
Niamey 27.07.2013
Zitat von sysopDas Flüchtlingsdrama im Sudan nimmt immer größere Ausmaße an. Jüngsten Zahlen der Uno zufolge sind 250.000 Menschen vor den Stammeskonflikten geflohen, zehntausende von ihnen in den Tschad. Dort hausen sie unter lebensbedrohlichen Umständen, berichtet Maximilian Gertler von Ärzte ohne Grenzen. Tschad: Arzt berichtet von der Not der Flüchtlinge - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/tschad-arzt-berichtet-von-der-not-der-fluechtlinge-a-912829.html)
Wer die wohl aus welchem Grund angezettelt hat? Müssen wir uns unter diesen Umständen selbsternannte Staatsoberhäupter aus diese Regionen, mit Pomp dann noch ins Land holen? Oder sollte die Über-EU nicht Druck auf diese Absahner ausüben?
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