Tschechische Präsidentenwahl Ich bin keine Spaßbremse, glaubt mir doch

Viele Tschechen haben die Nase voll von ihrem populistischen Präsidenten Milos Zeman. Nun will Jiri Drahos den Polterer beerben - doch den Chemieprofessor plagen kuriose Imageprobleme.

Jiri Drahos
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Jiri Drahos


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Anständig, ehrlich, gebildet und kultiviert. Das sind die Eigenschaften, die viele Tschechen an Jiri Drahos schätzen. Als Staatspräsidenten würden sie ihn deshalb in der Stichwahl an diesem Wochenende auch durchaus wählen. Gäbe es da nicht gewisse Makel.

Er raucht nicht? In Ordnung. Hält sich fit? Na gut. Er trinkt angeblich nur Wasser? Oje!

Kritiker tun den Professor für physikalische Chemie als blass und uncharismatisch ab. Als wenig durchsetzungsfähig. Vor allem aber halten sie ihn für humorlos. Und das geht in Tschechien, dem Land des braven Soldaten Schwejk und des fiktiven Nationalhelden Jára Cimrman, gar nicht.

Jiri Drahos, 68, ehemaliger Präsident der tschechischen Akademie der Wissenschaften, kam Ende 2016 als Neuling in die Politik, weil ihn nach eigener Aussage "Populismus und Extremismus besorgten" und er für eine bessere politische Kultur eintreten wollte. Seitdem brachte er es vom Außenseiter zum ernsthaften Rivalen des Noch-Staatschefs Milos Zeman: In der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen vor 14 Tagen kam er auf Platz zwei. Zwar erhielt Zeman 39 und Drahos nur 27 Prozent. Doch in der Stichwahl, die am Freitag und Sonnabend stattfindet, hat Drahos gute Chancen auf einen Sieg. Die meisten Umfragen sehen ihn gleichauf mit Zeman, einige sogar leicht in Führung.

Dabei galt der ehemalige Sozialdemokrat Milos Zeman, 73, lange Zeit als sicherer Favorit. Obwohl selbst Akademiker, stellte er sich mit einem Anti-Establishment-Diskurs erfolgreich als "Präsident der unteren zehn Millionen" dar - Tschechien hat zehneinhalb Millionen Einwohner. Sein Schwenk zu rechtspopulistischen, prorussischen und antieuropäischen Positionen wie auch seine polternden, zum Teil alkoholisierten Auftritte haben viele Tschechen in den vergangenen Jahren jedoch irritiert.

Deshalb sei die Präsidentschaftswahl im Grunde ein "Referendum für oder gegen Zeman", schreibt der Journalist Petr Honzejk von der liberalen Wirtschaftszeitung "Hospodárské noviny". Der linke Publizist Martin Fendrych sieht es so: "Die Zeit ist reif für die Erneuerung des Präsidialamtes und für die Wiederherstellung von Anstand, ohne den keine Gesellschaft gut funktioniert."

"Ich denke erst und rede dann"

Die Aufgaben des tschechischen Staatspräsident sind überwiegend repräsentativer Natur. Doch in der tschechischen Gesellschaft besitzt seine Stimme traditionell großes Gewicht. Dass er dem Amt seine Würde zurückgeben werde, ist eines von Drahos wichtigsten Versprechen. Seit seine Berater ihm empfohlen haben, kürzer und pointierter zu formulieren, drückt er das in Anspielung auf Zeman so aus: "Ich denke erst und rede dann."

Jiri Drahos grenzt sich auch inhaltlich klar vom Noch-Staatschef ab. So warnt er: Zemans prorussische und prochinesische Orientierung wie auch sein Plädoyer gegen die antirussischen EU-Sanktionen würden Tschechien schaden. Drahos tritt dafür ein, Tschechien wieder stärker in der EU und in der Nato zu verankern, einen "Czexit" hält er für "unvorstellbar". Entgegen der Stimmung im Land plädiert er persönlich für die Einführung des Euro, verspricht aber, sich in diesem Punkt nicht gegen den Mehrheitswillen zu stellen.

Kontroversen gab es in den letzten Tagen und Wochen vor allem um Drahos' Position zu Migration und zu Flüchtlingsquoten. Der Chemiker hatte 2015 einen Aufruf unterzeichnet, in dem Intellektuelle forderten, dass Tschechien bei der Aufnahme von Flüchtlingen besser mit der EU kooperieren solle. 2018 sieht Drahos noch immer kein Problem darin, wenn das Land eine kleine Zahl von Flüchtlingen aufnähme. Grundsätzlich lehnt er Flüchtlingsquoten aber ab. Vor allem müssten die EU-Außengrenzen besser gesichert und die ankommenden Flüchtlinge besser überprüft werden.

Hetze gegen Drahos

Zeman und seine Unterstützer haben das Thema ins Zentrum einer nationalistischen Kampagne gegen Drahos gestellt. Die Botschaft lautet: "Stoppt Einwanderer und Drahos! Dieses Land gehört uns!" Auch in der chaotischen TV-Debatte zwischen Zeman und Drahos, in der mal grölende, mal jubelnde Zuschauer die beiden Kontrahenten immer wieder unterbrachen, kam das Thema auf. Zeman warf Drahos vor, er sei der einzige Politiker in Tschechien, der illegale Migranten akzeptiere.

Auch sonst musste er in den vergangenen Tagen einiges über sich ergehen lassen - auf dubiosen Internetportalen wurde er abwechselnd als Betrüger, Dieb, Pädophiler oder ehemaliger Mitarbeiter der kommunistischen Staatssicherheit verleumdet.

Trotz solcher Anfeindungen arbeitet Drahos weiter daran, sein Image als Spaßbremse loszuwerden. Journalisten der Zeitung "Lidové noviny" fragten ihn aufrichtig verwundert, ob er tatsächlich nur Wasser trinke. Der Professor antwortete: "Ich bin kein Abstinenzler. Ich hatte gerade ein kleines Bier zum Mittagessen. Wirklich, niemand in meinem Bekanntenkreis hält mich für einen humorlosen Langweiler."


Zusammengefasst: Tschechien wählt einen neuen Präsidenten - und Jiri Drahos möchte Milos Zeman beerben. Er präsentiert sich als klarer Gegenentwurf zum antieuropäisch eingestellten Amtsinhaber. Seine Gegner kritisieren vor allem Drahos' vergleichsweise liberale Flüchtlingspolitik. Viele Tschechen haben aber ein ganz anderes Problem mit ihm: Sie halten den Herausforderer schlicht für zu langweilig.



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