Präsidentschaftswahl in Tschechien: Unter Freaks

Von Jan Puhl

Die Tschechen wählen am Freitag einen neuen Präsidenten - und zum ersten Mal direkt. Favoriten sind ein blasser Technokrat, ein trinkfester Polterer und ein am ganzen Körper tätowierter Kunstprofessor. Kandidaten der etablierten Parteien haben bei dieser Schau der Extreme keine Chance.

dapd

Prag - Präsident in Tschechien zu sein ist ein schöner Beruf. Zwar hat das Staatsoberhaupt dort auch nicht viel mehr zu sagen als das deutsche, aber der Amtssitz in Prag ist einfach unerreicht: Die Gebäude auf dem Berg Hradschin, der sich über die Stadt erhebt, bilden das größte geschlossene Burgareal der Welt. Mauern, Türme, Zinnen und in ihrer Mitte der gotische Veitsdom künden von der Glorie vergangener Epochen. Von Gemächern des Präsidenten geht der Blick über die malerisch-verwinkelte Altstadt, auf die Karlsbrücke und die Moldau.

Am Freitag und Samstag dürfen die Tschechen zum ersten Mal seit 1989 direkt an der Urne bestimmen, wer als nächstes in den Genuss dieses Panoramas kommt.

Und wahrscheinlich werden sie die Gelegenheit nutzen, ihrer politischen Klasse einen Denkzettel zu verpassen: Weder der Kandidat der regierenden konservativ-liberalen Bürgerpartei (ODS) noch der der oppositionellen Sozialdemokraten, Jiri Dienstbier junior, hat eine ernsthafte Chance auf die Burg. Auch der im Ausland hochangesehene Außenminister, seine Durchlaucht Karl Johannes Nepomuk Josef Norbert Friedrich Antonius Wratislaw Mena Fürst zu Schwarzenberg, Herzog von Krumau, gefürsteter Landgraf von Sulz, liegt weit abgeschlagen. Stattdessen dominieren Außenseiter:

  • Da wäre zunächst der ehemalige Premier Jan Fischer, ein Mathematiker, Statistiker und Ökonom, 62 Jahre alt. Er hatte einst an der Spitze eines Technokratenkabinetts sein Land aus einer parlamentarischen Krise geführt. Fischer ist parteilos und dazu so langweilig, dass ihm das schon wieder zum Vorteil gereicht. Offenbar trauen ihm viele Tschechen zu, das Land sachlich und frei von ideologischen Scheuklappen zu führen.
  • Ganz anders ist Vladimir Franz. Vor allem unter Studenten ist der Akademieprofessor und Theaterkomponist populär. Sein besonderes Kennzeichen: Er ist von oben bis unten tätowiert, auch im Gesicht, wie Queequeg, der Harpunier aus Herman Melvilles "Moby Dick".
  • Irgendwo zwischen den beiden rangiert Milos Zeman, dem die letzten Umfragen am Montag den Wahlsieg prophezeien, zumindest im ersten Durchgang. Zeman war in den neunziger Jahren Premier, als Tschechien einen Boom erlebte. Schon damals erwarb er sich seinen Ruf als Polterer und Populist. Er beschimpfte Journalisten als Hyänen und wetterte gegen die deutschen Vertriebenenverbände.

    Nach seiner Abdankung zerstritt er sich mit allen, zog sich grollend auf seine Datscha in Südböhmen zurück. Von dort sprach er auf Strumpfsocken und in Strickjacke bissige Kommentare zur aktuellen Prager Politik in die Kameras. Ein Sieg am Wochenende wäre ein grandioses Comeback. Als Markenzeichen kultiviert er böhmische Sinnenfreude: Stets sieht man ihn in Rauchschwaden gehüllt, oft ein Gläschen Wein oder den süßen Likör Becherovka in der Hand.

Die Tschechen sind eine gewisse Eigenwilligkeit ihrer Präsidenten schon gewöhnt: Gleich nach der Wende durchstreifte Václav Havel, der Dissident und Dichter, die langen Gänge der Burg. Zwar rauchte er genauso viel wie Zeman, doch war er längst nicht so volksnah: Seine moralischen Erwägungen überforderten die Tschechen nicht selten.

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Tschechische Präsidentschaftswahl: Denkzettel für die politische Klasse
Auch Václav Klaus, der dieser Tage aus dem Amt scheidet, machte es seinen Landsleuten nicht leicht. Er vertritt zum Beispiel die These, die weltweite Klimaerwärmung gebe es gar nicht. Sie sei frei erfunden, um international agierenden Netzwerken von Umweltgruppen die Existenzberechtigung zu liefern. Zudem ist Klaus der EU gegenüber höchst kritisch eingestellt. Er hält sie für einen uneffektiven bürokratischen Moloch. Unter seiner geistigen Führung lehnte Prag den Fiskalpakt ab, wurden die Tschechen zu den "Briten des Ostens". Sein letzter Coup war zum Amtsabschied eine Amnestie gegen mehr als 7000 Straftäter, von denen einige nur Stunden nach der Entlassung schon wieder rückfällig geworden sind.

"Wir leben in einer Bier- und Knödel-Kultur"

Dass die Tschechen nach Havel und Klaus jetzt schon wieder einen Freak favorisieren, muss das politische Establishment in Prag als Misstrauensvotum verstehen. Umfragen zeigen, dass die Tschechen noch politikverdrossener sind als die Bevölkerung anderer osteuropäischer Länder.

Schon seit Jahren hat keine gewählte Regierung sich an der Moldau auf eine stabile parlamentarische Mehrheit im Parlament stützen können. Die Regierungschefs stehen ständig auf der Kippe - einer wurde gar gestürzt, während Tschechien erstmals die EU-Ratspräsidentschaft innehatte. Prager Premiers müssen für jeden politischen Schritt neue Mehrheiten zusammenkratzen. "Wir leben in einer Bier- und Knödel-Kultur", hat einst ein namhafter Prager Spindoktor die politische Kultur seines Heimatlandes beschrieben.

Politik, so sein Befund, hat sich in die Hinterzimmer verlagert, der politische Deal den offenen, konfrontativen Wettstreit der Meinungen abgelöst.

Und kaum eine Woche geht ins Land, in der nicht eine Korruptionsaffäre auffliegt, oft sind auch Regierungsmitglieder verstrickt. Erst am Montag reichte ein Anwalt Anzeige gegen Petr Necas ein: Der Premier soll drei Abgeordnete bestochen haben.

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insgesamt 52 Beiträge
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1. wie überall...
Sgt.Moses 11.01.2013
"Politik, so sein Befund, hat sich in die Hinterzimmer verlagert, der politische Deal den offenen, konfrontativen Wettstreit der Meinungen abgelöst." In Tschechien wie überall. Habe noch nie verstanden, warum die Entscheidungsfindung in Demokratien immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit zelebriert wird. Demokratien sollten den öffentlichen Diskurs pflegen! So würde Politik verständlicher. Aber welche Koalition will schon zugeben, dass es am ende nur ein kuhhandel ist in dem Überzeugungen eigentlich keine rolle spielen? Da wird die herdprämie lustig mit der praxisgebühr verrechnet um am ende noch ein paar Milliarden für mütterrenten hinterherzuschmeißen. Am Ende muss dann halt der vergünstigte Mehrwertsteuersatz gestrichen werden um die Wahlkampfgeschenke der letzten Legislaturperiode endlich gegenzufinanzieren... Einfach nur arm!
2. Tschechien ...Absurdistan der EU
kachnazeli 11.01.2013
Ich darf dem Autor gratulieren, dieser Artikel trifft die politische Realitaet in Tschechien ziemlich gut- ich kann das beurteilen, denn ich lebe schon 20 Jahre in Prag, als Exil-Deutscher. Es waere ja alles fast schon lustig, wenn die Realitaet nicht noch viel schlimmer waere: Ich glaube nicht, dass sich jemand in Bruessel das wahre Ausmass der Korruption in diesem EU-Land ueberhaupt vorstellen kann. Die West- und Nord-Europaer sind voellig naiv, nicht nur die Suedlaender sind ein grosses Problem (vor allem da im Euro), sondern auch die Ost-Laender: tickende Zeitbomben, die mit Demokratien nur im weitesten Sinn zu tun haben - denn: hier sind vor dem Gesetz nicht alle gleich, wer Geld oder Beziehungen hat, macht/kauft sich seine eigenen "Gesetze". Organisierte Kriminalitaet zieht sich in diesen Laendern durch Politik, Polizei, Banken, Aerzteschaft... es gilt das hier gefluegelte Wort: wer nicht betruegt und stiehlt, der bestiehlt damit seine eigene Familie (ein altes tschechisches Sprichwort - ohne Witz). Nicht zufaellig sieht man in Prag Massen an LuxusFahrzeugen, wie man diese in Berlin oder Muenchen in dieser Konzentration nicht antrifft. Der mit Abstand reichste Osteuropaer, und juengste Milliardaer (ohne Russland) ist Tscheche, und kam zu seinem Geld ueber nichts anderes als Bestechung von Ministern ueber X Jahre. Viele Prager sind inzwischen mit die reichsten Bewohner der EU- und wodurch? Ich weiss es, aber weiss man es in Bruessel ? Weiss man dort, welche Wege die Foerdergelder hier gehen, kennt man dort die Wege der Drogen wirklich, weiss man dort, dass man zum grossen Teil einfach verschaukelt wird ? Ich muss immer lachen, wenn ich lese, wie lt. EU-Statistik der Korruptionsindex in Tschechien mal wieder gefallen sein soll - das muss ein Scherzkeks sein, der das behauptet, hier in Tschechien koennen Sie 80% der Polizisten kaufen, und geschaetzt 30% der Richter. Es ist ganz einfach "Russland im Kleinen", man sollte sich hier einfach mal keine Illusionen in Bruessel machen: die Menschen in den ExKommunisten Laendern empfinden Korruption als "Alltag, Normalitaet" - das sollte uns klar sein oder schnell klar werden.
3. der ehemalige Premier Jan Fischer, ein Mathematiker, Statistiker und Ökomon,
wohlmein 11.01.2013
Zitat von sysopDie Tschechen wählen am Freitag einen neuen Präsidenten - und zum ersten Mal direkt. Favoriten sind ein blasser Technokrat, ein trinkfester Polterer und ein am ganzen Körper tätowierter Kunstprofessor. Kandidaten der etablierten Parteien haben bei dieser Schau der Extreme keine Chance. Tschechien: Zur Wahl des Präsidenten dominieren Außenseiter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/tschechien-zur-wahl-des-praesidenten-dominieren-aussenseiter-a-876392.html)
Erste Frage: was ist ein Ökomon? Zweite Frage: ist ein gefürsteter Landgraf etwas ähnliches wie ein gerührter + geschüttelter Chefredakteur? Dritte Frage: kann es sein, daß der Landgraf (was das genau ist, erfahren wir vermutlich in Spon 2015, wenn dieses Blatt endgültig die Metamorphose zum Mann im Spiegel abgeschlossen hat) nicht gefürstet,sondern gebürstet wurde? Fortschritt? Raucher und LiqueurTrinker werden niedergemacht. Political Correctness olé! Jetzt fehlt nur noch eine erstarkende Waffenlobby, dann kann sich die EU als 52. Mitgliedstaat bewerben... Weiter so, Spon! Gemeinsam schaffen wirs!
4. Recherche?
Leeoos 11.01.2013
... wäre was gewesen! Der Becherovka ist keineswegs süß, sondern ist, wie sein urprünglicher Name "Karlsbader Becher-Bitter" schon sagt, dem Jägermeister ähnlich, allerdings mit dem Unterschied klar statt dunkel-trüb zu sein. Nichts desto trotz: Alkohol vernebelt den Verstand und hat, bei allem etl. nachvollziehbarem Verständnis ob ihrer Tollheiten, auch in der Politik, noch weniger in Politiikern etwas zu suchen!
5.
bartholomew_simpson 11.01.2013
Hierzulande hat ja auch die Qualität des politischen Führungspersonals in den letzten Jahren abgenommen, ausser dessen Trinkfestigkeit. Übrigens, ein bißchen süß ist der Becherovka schon;-).
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