Tschechischer Ex-Präsident Havel gestorben Prediger der Versöhnung

Der ehemalige tschechische Präsident Václav Havel ist tot. Der Schriftsteller und Politiker, der jahrzehntelang gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei kämpfte und nach der "Samtenen Revolution" Präsident wurde, starb im Alter von 75 Jahren.


Prag - Der frühere tschechische Präsident und Dissident Václav Havel ist im Alter von 75 Jahren nach langer Krankheit auf seinem Gut nahe dem ostböhmischen Ort Hradecek im Kreis seiner Familie gestorben. Als Folge seiner jahrelangen Gefängnisaufenthalte unter dem kommunistischen Regime litt Havel unter einer chronischen Atemwegserkrankung. 1996 wurde er wegen eines Lungenkrebsleidens operiert. Zwei Jahre später überlebte er einen Herzinfarkt.

Havel war während der kommunistischen Ära in der Tschechoslowakei die Schlüsselfigur im gewaltlosen Kampf gegen das Regime. "Ich war ein Träumer und zugleich viel realistischer als die meisten Mitbürger", sagte Havel einmal über sich selbst. In der Zeit der sogenannten Normalisierung nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch die Truppen des Warschauer Pakts trat er immer wieder öffentlich dem Regime unter Präsident Gustáv Husák entgegen.

"Briefe an Olga"

Havel wurde damals dreimal verhaftet und verbrachte insgesamt etwa fünf Jahre im Gefängnis. Diese Zeit verarbeitete er in den "Briefen an Olga", die sich an seine Frau Olga Šplíchalová richteten. Havels Gefängnisstrafen wurden erst 1983 nach internationalen Protesten ausgesetzt, als er erkrankte und in ein öffentliches Krankenhaus entlassen wurde.

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Václav Havel: Tod mit 75

Nach 1968 durften Havels Werke in der Tschechoslowakei nicht aufgeführt werden. In Deutschland veröffentlichte jedoch der Rowohlt-Verlag seine Arbeiten. Als er später den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main entgegennehmen sollte, ließ ihn das Regime nicht ausreisen. Der Schauspieler Maximilian Schell verlas seine vorbereitete Rede.

"Havel in die Burg"

Havel wurde Ende der achtziger Jahre ein Protagonist in der von Studenten und Künstlern getragenen "Samtenen Revolution". Bereits in den achtziger Jahren hatte er die Petition "Einige Sätze" mitinitiiert. Als Vertreter des während der Revolution gegründeten Bürgerforums "Občanské fórum" wurde er zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt. "Havel in die Burg", hatten seine Unterstützer damals gerufen. Am 5. Juli 1990 führte er sein Volk zu freien Wahlen. Das neue Parlament bestätigte ihn im Amt.

Die Tschechoslowaken hatten nach den bleiernen Jahren des Kommunismus plötzlich einen Präsidenten, der ganz anders war als seine Vorgänger. 1990 lud Havel die Rolling Stones zu einem Konzert nach Prag ein. 100.000 kamen. Den Rockmusiker Frank Zappa ernannte er im gleichen Jahr zum Sonder-Botschafter der Tschechoslowakei.

In den folgenden Präsidentenwahlen 1992 bekam Havel von den Abgeordneten nicht mehr genügend Stimmen und trat zurück. Nach der Trennung von Tschechischer und Slowakischer Republik im Januar 1993 wurde Havel mit großer Mehrheit zum Präsidenten der Tschechischen Republik gewählt und 1998 bestätigt. Seine zweite Amtszeit endete 2003.

"Großer Europäer"

Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Amt betrieb Havel erfolgreich die Anbindung Tschechiens an Nato und EU. Vor und nach seiner Zeit als Präsident war er auch als Autor erfolgreich. Mit seinem Theaterstück "Das Gartenfest" von 1963 feierte er internationale Erfolge.

Bis zuletzt kämpfte Havel gegen die Unterdrückung der Menschenrechte. Am 12. April diesen Jahres unterzeichnete er einen offenen Brief an den chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao, in dem er die Freilassung des Dissidenten Ai Weiwei und anderer Regimegegner forderte.

Deutschland gegenüber hatte er sich immer versöhnlich gezeigt, manchmal ging er seinen Landsleuten dabei zu weit. Es ging ihm bei seinem Einsatz für die deutsch-tschechische Versöhnung um mehr als nur um die Verbesserung der Beziehung zweier Nationalstaaten. Es war für ihn ein zentraler Schritt auf dem Weg hin zum großen Ziel einer europäischen Wertegemeinschaft.

Auch deswegen nannte Bundeskanzlerin Angela Merkel Havel nun einen "großen Europäer": "Sein Einsatz für Freiheit und Demokratie bleibt ebenso unvergessen wie seine große Menschlichkeit. Gerade auch wir Deutsche haben ihm viel zu verdanken", schrieb Merkel an seinen Nachfolger, den tschechischen Präsidenten Václav Klaus.

"Seele der Revolution"

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit als Staatspräsident hatte der frühere Freiheitskämpfer ein klares Zeichen gesetzt: Nur vier Tage nach seiner Wahl führte ihn Anfang Januar 1990 seine erste Auslandsreise nach Deutschland

Altbundeskanzler Helmut Kohl, mit dem Havel damals eng zusammenarbeitete, nannte den Ex-Dissidenten einen "großen Mann", ohne den "die Freiheit nicht möglich gewesen wäre."

Außenminister Guido Westerwelle würdigte den Verstorbenen als "Seele der Revolution" in Tschechien. "Ohne ihn und ohne seine mutigen Worte wäre der demokratische Aufbruch in Mittel- und Osteuropa undenkbar gewesen", sagte Westerwelle. "Ich verneige mich vor diesem großen Streiter für Demokratie und Freiheit."

jbr/dapd/dpa



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hubertrudnick1 18.12.2011
1. Ein aufrichtiger Mann ist von uns gegangen
Zitat von sysopDer ehemalige tschechische Präsident Václav Havel ist tot. Der Schriftsteller und Politiker, der*jahrzehntelang gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei kämpfte und nach der "Samtenen Revolution" Präsident wurde, starb*im Alter*von 75 Jahren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804457,00.html
Mein Beileid zum Ableben eines großen und aufrichtigen Mann, der sich stets für die demokratischen Rechte und der Freiheit eingesetzt hat. HR
andreasoberholz 18.12.2011
2.
Zitat von sysopDer ehemalige tschechische Präsident Václav Havel ist tot. Der Schriftsteller und Politiker, der*jahrzehntelang gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei kämpfte und nach der "Samtenen Revolution" Präsident wurde, starb*im Alter*von 75 Jahren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804457,00.html
Auch jemanden den man zu schnell vergessen hätte, hätte der Spiegel nicht zum Todestag nun was geschrieben. Welcher Politiker würde heute noch für seine Überzeugung hinter Gitter gehen? Wohl kaum einer aus Deutschland, das zeigt in welchen Wohlstand wir leben dürfen. Vlt sollten mehr Leute aus dem Kunst Bereich in der Politik sein. Ich bin mir sicher dann würden die Dinge auch in DL etwas menschlicher geregelt. Einige Jahre Gefängnis lehren sicher Demut. Demut die westlichen Politikern oft fehlt. Wenn man von moralsicher Instanz sprechen mag, dann wird das auf Havel wohl mehr zutreffen als auf unseren Bundespräsidenten? In der Tat bewundernswert, wenn jemand für seine Überzeugung kämpft- bis auf s Messer. Ein Idealismus den wir aus der hiesigen Politik gar nicht mehr kennen.
GinaBe 18.12.2011
3. Vaclav Havel - Hoffnung
Hoffnung Hoffnung ist nicht die Überzeugung dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. Vaclav Havel Vielen Dank für das gute, große Vorbild Europäischer Politik!
solami 19.12.2011
4.
Zitat von sysopDer ehemalige tschechische Präsident Václav Havel ist tot. Der Schriftsteller und Politiker, der*jahrzehntelang gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei kämpfte und nach der "Samtenen Revolution" Präsident wurde, starb*im Alter*von 75 Jahren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804457,00.html
Abschied vom Initiant & Mitbegründer der Europäischen Conföderation Uns mag er vor allem wegen des Falls der Berliner Mauer in Erinnerung bleiben. Spätere Generationen dürften ihn aber auch als visionären Architekt der EU-Nachfolgerin, der Confoederatio Europae wahrnehmen. Die von ihm & François Mitterrand 1991 nach Prag einberufene Gründungs-Konferenz umfasste über 150 Persönlichkeiten aus Ost & West, inkl. Egon BAHR, Karl CARSTENS, Walter SCHEEL, Carl Friedrich von WEIZSÄCKER, Ralf DAHRENDORF, Lord JENKINS of HILLHEAD, Madeleine ALBRIGHT, Jim HOAGLAND, Gyorgy SOROS, Robert BADINTER, Simone VEIL,Alexandre JAKOVLEV, Nikolas HAYEK & Jean RIEBEN,. Ua die Integration von Europa’s Flughäfen mit dem TGV-Netz geht darauf zurück (CONFOEDERATIO EUROPAE (update 1.8.05) (http://www.solami.com/a21.htm#airports)). Mit dem sich abzeichnenden Kollaps der undemokratischen, freiheits-, souveränitäts- & markt-widrigen EU-Strukturen bieten sich Havel’s Vorarbeiten für das zukünftige Europe mit angemesseneren Zielvorgaben an: ein verpflichtendes Erbe.
sisyph 19.12.2011
5. Zu wenig Wertschätzung - Havel
Der ehemalige tschechische Präsident Václav Havel ist tot. Ein ganzes Volk trauert. Wo sind die Erinnerungen an den Prager Frühling, wo die Würdigungen seiner literarischen Werke, wo die Erinnerungen an seine Inhaftierung, wo die Erinnerung an seinen Beitrag für die Deutsche Wiedervereinigung (Genscher), wo die Anteilnahme der tschechischen Bürger, die ihn ehrlich würdigen. Im Gegensatz dazu beunruhigt der Tod von Kim Jong Il die ganze Welt. Sicher berechtigt, aber hier fehlt etwas. Die Tschechoslowakei gehört zu Europa und ist demokratisch Dank Václav Havel. Leider sind aber nicht die Menschen in Europa und ihre Kultur Thema, leider, sondern wieder einmal nur die Angst. Die Börse reagiert natürlich sofort. Sie reagiert auf das Negative, auf das Unsichere und dies allzugerne. Wie hätte sie auf den Tot von Václav Havel reagieren können? Das interessiert die Börse nicht. Der Tod von Václav Havel ist deshalb in den Medien also folgerichtig nur ein Randthema, das hat sich heute mal wieder bestätigt. Bei einem Kasperle-Theater hatte noch das Moralische gewonnen. Im Sog des Unmoralischen spielt dies keine Rolle mehr. Eine globalisierte Welt sollte mehr Utupien verwirklichen, doch dazu sitzen alle viel zu sehr in der eigenen "Scheiße". Ihr kriegt das nur über die Werte hin, aber nicht über das Geld. Haben die Medien noch mehr zu berichten? Sicherlich! - und dies vor allen Dingen außerhalb von Börsen (totalitären Sytemen). Václav Havel ist ja kein Einzelfall, aber ein ganz besonderer. Deshalb hier ein Dank,.. auch an die vielen.
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