Unterdrückung in Tschetschenien Menschenrechtler als angeblicher Drogenkurier vor Gericht

Als Ägypten sein WM-Camp in Tschetschenien aufschlug, inszenierte sich Machthaber Kadyrow als Staatsmann. Jetzt ist wieder Alltag in der unterdrückten Kaukasusrepublik: Einem Menschenrechtler wird der Prozess gemacht.

Oyub Titiew
Maria Chichtchenkova

Oyub Titiew

Von Maxim Kireev, St. Petersburg


Nur kurz gab es den WM-Rummel in Tschetschenien, einer muslimisch geprägten Teilrepublik Russlands in Nordkaukasus. Fast zwei Wochen war Ägyptens Nationalmannschaft in der Hauptstadt Grosny. Zwei Wochen Ausnahmezustand für die einst kriegsgebeutelte Region, deren Verbleib in der Russischen Föderation nur durch zwei blutige Konflikte Mitte der Neunziger und Anfang der Nullerjahre gesichert werden konnte.

Mehrfach besuchte Ramsan Kadyrow, der moskautreue Herrscher Tschetscheniens, die ägyptische Mannschaft, um sich mit den Fußballern zu zeigen. Ägyptens Superstar Mohamed Salah machte er zum Ehrenbürger. Am Ende kritisierten ägyptische Medien, die Mannschaft sei durch die tschetschenische Führung so abgelenkt worden, dass sie sich nicht mehr aufs Training konzentrieren konnte.

Seit Ägypten bei der WM ausgeschieden ist, kehrt die Republik wieder zur Normalität zurück. Und dazu gehört auch, dass Kritiker Kadyrows mit voller Härte unterdrückt werden. Einer davon heißt Oyub Titiew. Er leitet das tschetschenische Büro der Organisation "Memorial", die Menschenrechtsverstöße dokumentiert und Betroffenen hilft.

Mohamed Salah (2.v.r.) und Ramsan Kadyrow (2.v.l.) beim Training in Grosny
AFP

Mohamed Salah (2.v.r.) und Ramsan Kadyrow (2.v.l.) beim Training in Grosny

Titiew drohen nun zehn Jahre Haft, weil tschetschenische Polizisten im Januar in seinem Auto ein Päckchen mit 180 Gramm Marihuana gefunden haben wollen. Am Dienstag beginnt das Verfahren gegen den 60-Jährigen. Ein halbes Jahr saß er bereits in Untersuchungshaft.

Titiews Familie soll die Republik aus Angst schon verlassen haben. Sogar Tatjana Moskalkowa, Menschenrechtsbeauftragte des Kreml, forderte, dass der Fall nicht in Tschetschenien, sondern in Moskau verhandelt wird. Führende Menschenrechtler, etwa Tatjana Lokschina von der Organisation Human Rights Watch bezeichnen die Vorwürfe gegen Titiew als politisch motiviert und haltlos.

Titiew hatte die Leitung von Memorial im Jahr 2009 übernommen, nachdem seine Vorgängerin Natalia Estemirowa von Unbekannten in Tschetschenien erschossen wurde. Die Leitung von Memorial machte damals die Führung in Grosny für den Mord verantwortlich.



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