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Kadyrows Schießbefehl gegen Russen: Putins Kettenhund rebelliert

Von , Moskau

Ramsan Kadyrow: Goldner Colt, gigantisches Ego Fotos
AP

Was Ramsan Kadyrow in Tschetschenien sagt, ist Gesetz. Doch dieses Mal könnte Putins Statthalter zu weit gegangen sein: Er erließ Schießbefehl gegen russische Sicherheitskräfte. Ist das der Bruch mit Moskau?

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Als Ramsan Kadyrow, Herrscher über Tschetschenien, politischer Zögling von Wladimir Putin, das Ausmaß des Problems klar wird, versucht er einen Befreiungsschlag. Er schiebt alle Schuld auf den Westen, das hat schließlich immer gut funktioniert.

Von einem Konflikt mit Moskau könne keine Rede sein, sagt er: "Das alles sind Gerüchte unserer Feinde". Er selbst sei doch "Staatsdiener, General, Held und nicht Mitarbeiter eines westlichen Geheimdienstes". Es handele sich zweifelsfrei um eine Intrige "jener Teufel, die Chaos in Russland wollen".

Diese Verteidigungslinie wirkt wenig überzeugend, war der Teufel doch ganz offensichtlich kurz zuvor in Kadyrow selbst gefahren. Über das tschetschenische Staatsfernsehen hatte der Republikchef seine Sicherheitskräfte angewiesen, "tödliches Feuer" auf alle russischen Polizisten und Geheimdienstler zu eröffnen, die ohne seine ausdrückliche Genehmigung in Tschetschenien operieren.

Tschetschenien gehört als Teilrepublik zu Russland. Moskau hat zwei verheerende Kriege gegen Unabhängigkeitskämpfer und radikale Islamisten geführt, um Tschetscheniens Abspaltung zu vermeiden. 2007 setzte der Kreml dann Kadyrow als Präsidenten ein, um die Krisenprovinz mit harter Hand zu befrieden. Kadyrow war da 30 Jahre alt. Ihm eilte der Ruf voraus, mit Gegnern kurzen Prozess zu machen. Dem Kreml schien er wohl nicht zuletzt deshalb geeignet für den Posten.

Putin schätzt Kadyrow, weil er in der Kaukasus-Republik für Ruhe gesorgt hat, für Friedhofsstille. Kadyrow hat Rebellen und islamische Terrorkommandos niedergerungen, mit brutalen Methoden. Dafür duldet der Kreml auch die Eskapaden des Tschetschenen: Einmal erschien Kadyrow zur Audienz bei Putin im fliederfarbenen Trainingsanzug.

Mit Russlands Sicherheitsbehörden dagegen liegt Kadyrow seit Längerem über Kreuz. Er will die Kontrolle über Tschetschenien nicht mit ihnen teilen. Das lokale Innenministerium ist Kadyrow treu ergeben. Dazu kommt eine Privatarmee, die meist schwarz gekleideten "Kadyrowzy". Die Zentralgewalt unterhält nur noch wenige Stützpunkte in Tschetschenien.

Die Liste der toten Gegner ist lang

Eine Basis des Moskauer Innenministeriums liegt in Chankala, einem Vorort von Grosny. Diese Einheit hat nun dazu beigetragen, den Zorn des Tschetschenen-Herrschers zu wecken. Sicherheitskräfte aus einer Nachbarregion - unterstützt von Chankala - hatten in Grosny versucht, einen flüchtigen Verbrecher zu verhaften. Der tschetschenische Staatsbürger wurde dabei erschossen.

Kadyrow wertete die Attacke als Angriff auf seine Autorität - und gab als Reaktion den Schießbefehl.

Kadyrow sieht sich selbst als absolutistischen Fürsten. Mal begnadigt er einen in Russland wegen Mordes verurteilten Tschetschenen. Mal zwingt er Internetnutzer zur Zwangsarbeit, weil sie im Netz über einen Brand an einem seiner Hochhäuser gespottet hatten. Viele seiner Widersacher hat ein gewaltsamer Tod ereilt: Die Jamadejew-Brüder etwa, politische Konkurrenten, starben in Moskau und Dubai durch Kugeln von Attentätern. Ein geflohener Leibwächter Kadyrows wurde in Wien erschossen.

Im Fall des Ende Februar erschossenen Oppositionsführers Boris Nemzow führen die Spuren ebenfalls in den Kaukasus. Die russischen Behörden halten den Tschetschenen Saur Dadajew für den Todesschützen, einen stellvertretenden Kommandeur von Kadyrows Truppen. Dadajew sei ein "echter Krieger und Patriot", sagte Kadyrow nach der Verhaftung.

Bedingungslose Treue zu Putin

Kadyrows Tschetschenien liegt heute praktisch außerhalb des Wirkungsbereichs der russischen Verfassung. Ein Moskauer Gericht hat das vor Kurzem praktisch offiziell anerkannt: Der Republikchef hatte verfügt, die Häuser von Verwandten islamistischer Terroristen "mitsamt dem Fundament abzureißen". Eine Journalistin reichte Klage dagegen ein, die Richter entschieden gegen sie. Recht ist in Tschetschenien, was Kadyrow sagt. Er selbst hat das einmal so formuliert: "Solange mich Putin unterstützt, kann ich tun, was ich will. Allahu Akbar!"

Kadyrow kokettiert gern mit seiner Ergebenheit gegenüber Russlands Präsidenten. "Ich bin Putins Fußsoldat", sagt er zum Beispiel. Ende Dezember nahm er tschetschenischen Sicherheitskräften einen Eid ab: 20.000 Mann schworen "jeden Befehl unseres Oberkommandierenden Wladimir Wladimirowitsch Putin auszuführen". Im Oktober dann mobilisierte Kadyrow 100.000 Menschen, die an Putins Geburtstag jubelnd durch Grosny zogen.

Der aktuelle Clinch mit Moskau legt nun allerdings den Schluss nahe, dass sich Kadyrow Putin persönlich zum Gehorsam verpflichtet fühlt - nicht aber der russischen Staatsmacht an sich. Von einer "provisorischen Loyalität" spricht der Journalist und Kaukasus-Kenner Thomas De Waal.

Der Kreml gibt sich nach Kadyrows Schießbefehl ahnungslos - nach außen. Ihm sei das alles leider gar nicht bekannt, ließ Putins Pressesprecher Dmitrij Peskow wissen: "Ich habe das nicht gesehen, nicht gehört, deshalb kann ich nichts sagen."


Zusammengefasst: Ramsan Kadyrow ist russischer Statthalter in Tschetschenien - und präsentiert sich als treuer Putin-Soldat. Doch nun hat er angeordnet, auf russische Geheimdienstler feuern zu lassen. Anlass ist angeblich ein tödlicher Einsatz von Kreml-Truppen gegen einen Kriminellen. Kadyrow tut den Skandal zwar als Intrige des Westens ab. Doch sein Verhältnis zu Moskau scheint beschädigt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
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1. ist doch logisch
jimi eiscreme 24.04.2015
Kadyrow ist nur Putin unterstellt, und sonst niemandem. In Tschetschenien regelt er alles allein, und sollte Putin ein Problem damit haben muss er sich schon selbst darum bzw. um ihn kümmern.
2. Warnschuss
Waschwasser 24.04.2015
Wenn der SPIEGEL schreibt, dass Kadyrow "rebelliert", ist das eine Übertreibung. Ramsan Kadyrow wurde mit gerade mal 30 Jahren zum Präsidenten von Moskaus Gnaden, weil er für Ruhe im Krisenherd Tschetschenien sorgen sollte. Das hat er auch. Mit welchen Mitteln ist eine andere Frage. Wenn jetzt dahergelaufene Mitglieder von irgendwelchen Sicherheitbehörden aus Nachbarregionen in seinem Vorgarten herumschießen, ist klar, dass er das nicht einfach hinnehmen wird. Sein kurzfristiger Schießbefehl ist wohl nur eine Warnung gegenüber Polizisten und FSBlern von außerhalb, die meinten, ihn nicht einbinden zu müssen. Von solchen Wasserträgern will er sich nicht übergehen lassen; das ist alles. Nach dem Motto: "Nehmt die Hunde an die Leine! Wenn ich hier für Putin den Deckel draufhalten soll, dann ballert nicht in der Gegend rum - überlasst das Töten mir!" Von Rebellion keine Spur.
3.
maxi-mus 24.04.2015
Besonders frech sind seine Aeusserungen noch in Hinsicht darauf, dass Tschetschenische Polizisten mehrmals auf fremdem Gebiet, sogar in Moskau, Verdaechtige erschossen haben. Der letzte grosse Zwischenfall in benachbartem Inguschetien im August 2012 fuehrte zu einer ernsten politischen Auseinandersetzung Kadyrows mit Inguschetiens Fuehrung. Damals hat er den Einsatz seiner Spezialkraefte mit genau gegenteiligen Argumenten verteidigt. Seine Aufregung diesmal bedeutet keinesfalls einen Bruch mit Moskau. Er zeigt eher der tschetschenischen Bevoelkerung und seinen Gefolgsleuten, dass er immer noch unabhaengiger Herrscher im Land ist und seine Landsleute vor russischen Behoerden verteidigen wird. Ich bin ueberzeugt, dass Herr Kadyrow voellig zufrieden mit seiner jetzigen politischen und finanziellen Macht ist und diese Situation keinesfalls gefaerden will. Es ist aber wegen kaukasischer Braeuche fuer ihn notwendig dem eigenen Volk sich als maechtigen Fuehrer mit harten Spruechen zu zeigen
4.
lab61 25.04.2015
der dritte Tschetschenienkrieg wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.
5. Soweit ICH Eindruck von Kadyrow aus Medien bekomme,
slob 25.04.2015
bemüht er sich um die Wohn von Tschechinnen! Und das ist seine erste Aufgabe. Die erfühlt er mit Stolz! Als Tschechinner kann er in Vergleich zu Russen und anderer SEHR direkt sein! Ungewöhnlich und nicht verständlich für Europäer …
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