Tsipras bei Merkel Ein Anfang, mehr nicht

"Wir müssen uns besser verstehen": Beim Treffen in Berlin mühen sich Angela Merkel und Alexis Tsipras, die Schärfe aus dem Schuldenstreit zu nehmen. Doch noch fehlt das Vertrauen, die Verhandlungen bleiben hart.

Ministerpräsident Tsipras, Kanzlerin Merkel: "Gemeinsamer Grund"
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Ministerpräsident Tsipras, Kanzlerin Merkel: "Gemeinsamer Grund"

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Berlin - Alexis Tsipras will ein guter Gast sein. Zweimal ist er Angela Merkel am Rande von EU-Gipfeln begegnet, nun hat er gerade mal ein knapp einstündiges Tête-à-tête mit der Kanzlerin hinter sich und behauptet: "Vielleicht haben Sie von draußen ein anderes Bild von unserer Beziehung, aber die ist doch sehr positiv."

Man darf diese Behauptung leicht übertrieben nennen, ohne den beiden zu nahe zu treten. Denn bis es soweit ist, bedarf es wohl noch einiger Stunden der Gemeinsamkeit. Aber immerhin: Der griechische Ministerpräsident und die deutsche Kanzlerin geben sich an diesem Montag redlich Mühe, die Spannungen der vergangenen Wochen abzubauen. "Wir müssen uns besser verstehen", sagt Tsipras und fordert: Schluss mit den Stereotypen. Man müsse einen "gemeinsamen Grund" finden. Merkel betont: "Wir möchten, dass Griechenland wirtschaftlich stark ist."

Doch die versöhnlichen Töne können nicht darüber hinwegtäuschen: Noch fehlt das Vertrauen. Ein Anfang ist gemacht zwischen Merkel und Tsipras mit dessen Antrittsbesuch im Kanzleramt. Mehr aber auch nicht.

Das ist kaum verwunderlich. Das deutsch-griechische Verhältnis hat mächtig gelitten, in einem Streit, in dem es nicht nur um griechische Schulden und die Zukunft der europäischen Währungsunion geht. Die Athener Rufe nach Entschädigungszahlungen für NS-Verbrechen, Drohungen und Warnungen von beiden Seiten und Debatten über echte und gefälschte Mittelfinger haben für schlechte Stimmung gesorgt.

Die miese Atmosphäre erschwert die Verhandlungen in der Sache. Dabei sind die kompliziert genug: Schon am 9. April könnte Athen das Geld ausgehen, Tsipras selbst sandte per Brief einen Hilferuf an Merkel und die Euro-Partner, in dem er vor einer Überforderung seines Landes bei den anstehenden Schuldenrückzahlungen warnte. Die internationalen Geldgeber wollen aber konkrete Reformpläne sehen, bevor sie die verbleibenden 7,2 Milliarden Euro aus dem laufenden Hilfsprogramm freigeben.

"Ich kann nichts zusagen", betont Merkel

Tsipras kommt an diesem Montag nicht mit leeren Händen nach Berlin. Schon im Vorfeld sickerten Details des Maßnahmenkatalogs durch, mit dem er EU-Kommission, Europäische Zentralbank (EZB) und Internationalen Währungsfonds (IWF) überzeugen will. Höhere Steuern, Privatisierungen, Rückzahlungen von Steuersündern, die Rente mit 67 sind einige Punkte, die beim Wahlvolk daheim nicht unbedingt gut ankommen werden. Konkret geht Tsipras auf die Liste nicht ein, verspricht aber Vertragstreue "mit bestimmten Prioritäten" und "umfangreiche Strukturreformen".

Merkel wiederum tut ihrem Gast nicht den Gefallen, mögliche Zugeständnisse auch nur anzudeuten. "Ich kann nichts zusagen, schon gar nicht Liquidität." Nicht einmal ein leises Lob für die jüngsten Bemühungen kommt ihr über die Lippen. Dafür hat sich die griechische Regierung zu viel Zeit gelassen mit ihren Detailvorschlägen.

Tsipras wird es egal sein. Er kann seinen Anhängern schon das Treffen allein als Erfolg verkaufen. Der junge, hemdsärmelige Syriza-Rebell fordert die mächtige Kanzlerin heraus - und das sehr selbstbewusst und auf Augenhöhe. Verbale Abrüstung hin oder her, beim gemeinsamen Auftritt vor der Presse referiert Tsipras länglich, warum er die Hilfsprogrammpolitik der vergangenen Jahre für gescheitert hält.

Und er spricht auch das heikle Thema der Reparationsforderungen offen an. Dabei gehe es nicht in erster Linie um materielle Fragen, sondern um ein "ethisches, moralisches Thema". Aber immerhin, auch hier gibt es Signale der Entspannung. So kassiert Tsipras kurzerhand die jüngst geäußerten Drohungen, deutsches Eigentum in Griechenland zu pfänden: "Das können Sie vergessen."

Tsipras nimmt Merkel in Schutz

Der Ministerpräsident nimmt seine Gastgeberin auch gegen immer wieder aufkommende Nazi-Vergleiche in seiner Heimat in Schutz. Auch seine eigene Parteizeitung hatte eine entsprechende Karikatur gebracht - "das geht so nicht", sagt Tsipras. Und er erwähnt auch das aktuelle SPIEGEL-Cover, auf dem Merkel - allerdings in absichtlich plumper und ironisierender Art - in ein Bild von Wehrmachtsoffizieren 1941 vor der Athener Akropolis montiert wird. Ein ungerechter Angriff sei das, eine Provokation, findet Tsipras. (Zu dem Cover hat sich SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer bereits hier geäußert.)Nach Wochen des Streits ist so viel Mitgefühl für die andere Seite ungewöhnlich.

Wird an diesem Abend also ein neues Kapitel in den deutsch-griechischen Beziehungen aufgeschlagen? Was die neuen Töne wert sind, werden erst die anstehenden Verhandlungen im Schuldendrama zeigen. In der Sache gibt es bisher keine Bewegung, die Griechen brauchen Geld, aber Merkel will nicht nur Reformlisten sehen, sondern auch Taten. Das wird die Kanzlerin ihrem Gast beim Dinner zu Entenkeule und Brandenburger Gemüse freundlich, aber bestimmt klargemacht haben.

Insofern bleibt von diesem Tag vor allem die banale, deshalb aber nicht weniger bedeutende Erkenntnis: Miteinander reden ist allemal besser als übereinander reden.

Die Chronik der Griechenlandkrise

Am 1. Januar 2001 tritt Griechenland der Eurozone bei. Bei der Einführung des Euro 1999 war das Land noch nicht dabei. Erst im Jahr 2000 erfüllte es die sogenannten Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages - zumindest auf dem Papier.

Im November 2004 wird klar: Die Regierung in Athen hat sich die Aufnahme in die Eurozone mit gefälschten Finanzdaten erschummelt. Alle Haushaltsdefizite vergangener Jahre waren in Wahrheit deutlich höher als zuvor an Brüssel gemeldet. So übertrafen die neuen Schulden in jedem Jahr die im Stabilitätspakt erlaubte Obergrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung. Langjähriger Berater der Griechen war die US-Investmentbank Goldman Sachs.

Ende Oktober 2009 zeichnet sich zum ersten Mal so etwas wie eine Griechenland-Krise ab. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit liegt bei rund 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, doppelt so hoch wie zunächst angenommen. Die neue Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou kündigt Sparmaßnahmen an.

Mitte Dezember 2009 stuft die Rating-Agentur Standard & Poor's Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Zuvor hatte dies schon die Agentur Fitch getan. Warnungen vor einer drohenden Staatspleite werden lauter. Der Kurs des Euro bricht ein. Bundeskanzklerin Angela Merkel beschwichtigt: "Ich bitte im Interesse einer sachlichen Diskussion, das nicht überzubewerten."

Im Frühjahr 2010 wird es eng: Griechenland bekommt nur noch sehr schwer Geld an den Finanzmärkten. Die Eurostaaten und der Internationale Währungsfonds (IWF) springen dem Land bei. Anfang Mai schnüren sie ein Rettungspaket mit Krediten über 110 Milliarden Euro, 30 Milliarden davon übernimmt der IWF, auf Deutschland entfallen 22,4 Milliarden Euro. Die Bundesregierung peitscht das Gesetz im Eilverfahren durch den Bundestag. Die Geldgeber sehen die Griechen-Krise offenbar als temporäres Problem: Die Laufzeit der Kredite beträgt nur drei Jahre. Kurz darauf geraten auch andere Länder wie Irland und Portugal ins Wanken.

Ein Jahr später spitzt sich die Schuldenkrise erneut zu. Weil absehbar ist, dass Griechenland sich nicht wie geplant bereits 2012 am Kapitalmarkt finanzieren kann, braucht es mehr Geld von den Staaten der Eurozone und dem Internationalen Währungsfonds. Am 10. Mai 2011 kündigt die griechische Regierung ein neues Sparpaket an. Wenige Tage später legen gewaltsame Demonstrationen Teile des Landes lahm. Die Polizei muss das Parlament gegen wütende Bürger verteidigen. Sie feuert Tränengas, Demonstranten werfen Steine zurück, attackieren die Limousine von Ministerpräsident Papandreou.

Zweites Rettungspaket, erster Versuch: Ein Sondergipfel der Eurostaaten beschließt am 21. Juli 2011 ein neues Hilfspaket für Griechenland mit einem Volumen von 109 Milliarden Euro. Der Großteil des Geldes soll aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF und dem Internationalen Währungsfonds kommen. Erstmals sollen aber auch private Gläubiger beteiligt werden - auf freiwilliger Basis.

Ende Oktober 2011 legt die Troika aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank (EZB) einen neuen Bericht zur Finanzsituation Griechenlands vor. Die Experten zeichnen darin ein düsteres Bild: Die Lage des Landes hat sich in den vorangegangenen Monaten weiter verschlechtert. Auf einem EU-Gipfel am 26. Oktober schmieden die Staats- und Regierungschefs einen neuen Rettungsplan: Private Gläubiger sollen auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten. Das trifft vor allem europäische Banken. Athen soll weitere 100 Milliarden Euro erhalten, mit zusätzlichen 30 Milliarden Euro soll der Schuldenschnitt abgesichert werden.

Turbulente Herbsttage: Am 31. Oktober kündigt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou überraschend eine Volksabstimmung über die Beschlüsse des Eurogipfels und die damit verbundenen Sparauflagen für sein Land an. Beim G20-Gipfel in Cannes nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy Papandreou Anfang November ins Gebet. Daraufhin lässt dieser den Referundumsplan fallen und tritt zurück. Loukas Papademos, der Ex-Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, tritt am 11. November 2011 an die Spitze einer Übergangsregierung.

Im Februar 2012 stimmt das griechische Parlament einem neuen Sparprogramm zu. In Athen kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die internationalen Geldgeber hatten auf verschärfte Reformen gepocht - im Gegenzug verabschieden die Euro-Finanzminister das zweite Rettungspaket. Neben dem Schuldenschnitt für die privaten Gläubiger enthält es auch die im Oktober angekündigten Hilfen in Höhe von 130 Milliarden Euro. Für die Kredite aus dem ersten Hilfspaket von 2010 werden die Zinsen halbiert. Der Schuldenschnitt wird am 9. März 2012 wirksam.

Bei der Parlamentswahl am 6. Mai 2012 strafen die Griechen die Traditionsparteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok ab, die aus ihrer Sicht das Land einem internationalen Spardiktat unterworfen haben. Parteien wie Syriza, die eine Aufkündigung der Sparvereinbarungen fordern, legen kräftig zu. Eine Regierungsbildung scheitert. Nach der Neuwahl am 17. Juni wird ND-Chef Antonis Samaras als Ministerpräsident vereidigt. Unterstützt wird seine Regierung von Pasok und der demokratischen Linken (Dimar). Das bei den Wahlen zweitplatzierte Linksbündnis Syriza ist jedoch nicht beteiligt.

Die Lage an den Finanzmärkten spitzt sich im Sommer 2012 wieder zu. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sinniert über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi erklärt am 26. Juli, die EZB werde "alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten" - und leitet damit eine Wende in der Eurokrise ein. Von nun an schwindet die Angst davor, dass die griechische Krise auch Länder wie Italien oder Spanien anstecken könnte.

Am 8. Oktober 2012 besucht Angela Merkel zum ersten Mal seit Ausbruch der Krise Griechenland. Sie lobt die Fortschritte des Landes. Der IWF dagegen glaubt nicht, dass Griechenland den Sanierungszeitplan einhalten kann. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble tritt Spekulationen über einen Euro-Austritt Griechenlands entgegen. Dabei gelingt ihm ein legendärer Satz auf Denglisch: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece."

Griechenland erhält weitere Zugeständnisse: Am 27. November 2012 einigt sich die Euro-Gruppe mit dem IWF auf eine Anpassung des zweiten Rettungspakets: Die Regierung in Athen soll mehr Zeit für die Umsetzung der Sparvorgaben bekommen. Daraus ergibt sich eine Finanzlücke von 14 Milliarden Euro, die unter anderem mit günstigen Zinsen auf bereits gewährte Kredite gestopft werden soll.

Im Juni 2013 räumt der Internationale Währungsfonds (IWF) Fehler bei der Rettungspolitik ein. Beim ersten Hilfsprogramm aus dem Mai 2010 habe man zu optimistische Annahmen zugrunde gelegt. Weder der Schuldenstand noch das Wachstum hätten sich so entwickelt wie damals angenommen. Die griechische Wirtschaft schrumpft 2013 das fünfte Jahr in Folge. Seit 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt um gut 22 Prozent eingebrochen, die Staatsverschuldung ist wieder höher als vor dem Schuldenschnitt.

2014 scheint die jahrelange Talfahrt endlich zu Ende zu gehen. Die griechische Regierung erwartet sogar ein kleines Wirtschaftswachstum - und wird forsch: Anfang April leiht sich das Land erstmals seit vier Jahren wieder langfristig Geld am Kapitalmarkt. Die Investoren sind begeistert - und geben den Griechen drei Milliarden Euro zu 4,75 Prozent Zinsen.

Ende 2014 laufen die Hilfen der Europartner für Griechenland aus - und Ministerpräsident Antonis Samaras wird nicht müde zu betonen, dass kein neues Geld nötig sei. "Die Ära der Rettungspakete geht zu Ende", jubelt er. Ende November meldet der SPIEGEL, es werde wohl doch ein weiteres Hilfspaket geben. Zehn Milliarden Euro aus dem Rettungsfonds ESM sollten umgewidmet werden.

Am 29. Dezember 2014 scheitert die Wahl des Staatspräsidenten im dritten Wahlgang - die griechische Verfassung sieht für diesen Fall Neuwahlen vor, die am 25. Januar stattfinden sollen. Das könnte die große Chance für das linke Syriza-Bündnis und dessen Chef Alexis Tsipras sein. Tsipras lehnt die Reformauflagen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ab und will im Falle eines Wahlsiegs einen Schuldenschnitt durchsetzen. Bei den Geldgebern stößt das nicht auf Begeisterung. Anfang Januar 2015 meldet der SPIEGEL, die Bundesregierung sei bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Die Finanzmärkte reagieren schockiert.

Am 25. Januar 2015 gewinnt Alexis Tsipras mit seinem Linksbündnis Syriza die Parlamentswahl. Die absolute Mehrheit verfehlt er dabei knapp – und muss eine Koalition eingehen. Als Partner wählt Syriza ausgerechnet die rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen. Am 26. Januar wird Tsipras als Ministerpräsident vereidigt.

Wenige Tage nach der Wahl reist Euro-Gruppenchef Jeroen Dijsselbloem nach Athen. Er will mit der neuen griechischen Regierung darüber sprechen, wie es mit dem Hilfs- und Reformprogramm weitergeht. Doch was er erlebt, ist eine knallharte Abfuhr. Griechenland weigere sich, weiter mit der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und IWF zusammenzuarbeiten, sagt Finanzminister Giannis Varoufakis bei der gemeinsamen Pressekonferenz. Dijsselbloem steht auf und geht – es reicht nur noch für einen flüchtigen Händedruck.

Nach wochenlangem Ringen mit gegenseitigen Drohgebärden einigen sich Griechenland und die Euro-Finanzminister am 20. Februar in Brüssel auf eine Verlängerung des laufenden Hilfsprogramms. Doch das Geld soll erst fließen, wenn Griechenland konkrete Reformvorschläge vorlegt, die von den Gläubigern gebilligt werden.

Ende März 2015 legt Tsipras Reformvorschläge vor, die Gläubiger lehnen sie umgehend ab – so wie alle der zahlreichen Reformlisten, die im Frühjahr aus Athen nach Brüssel geschickt werden. Der Ton wird noch rauer, die Drohgebärden drastischer. Die Griechen holen viele Milliarden Euro von ihren Bankkonten. Dennoch scheint ein Kompromiss in letzter Sekunde zu gelingen – bis zum 26. Juni: Tsipras kündigt ein Referendum über die Forderungen der Geldgeber an und empfiehlt den Griechen, gegen sie zu stimmen, die griechischen Verhandler werden aus Brüssel abgezogen. Die Euro-Finanzminister beschließen, das Hilfsprogramm auslaufen zu lassen – ohne die letzte Tranche zu überweisen. Die griechische Regierung verhängt Kapitalverkehrskontrollen, vom 29. Juni an sind die Banken geschlossen, Abhebungen und Überweisungen gedeckelt.

In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli endet das zweite Hilfsprogramm – und Griechenland bleibt zum ersten Mal seit Beginn der Krise eine Kreditrate schuldig: 1,54 Milliarden Euro hätte das Land an den IWF zahlen müssen. Die Geldgeber lehnen neue Verhandlungen bis zum Referendum am 5. Juli ab, Tsipras und Varoufakis knüpfen ihre politische Zukunft an ein Nein des Volks zu den Gläubiger-Forderungen. Im ganzen Land bilden sich lange Schlangen vor Geldautomaten, pro Tag gibt es höchstens 60 Euro. Rentner warten stundenlang vor den wenigen offenen Bankfilialen auf einen Teil ihrer Renten.

Am 5. Juli findet das Referendum über die Sparauflagen statt. Begleitet wird es zum Teil von scharfen Angriffen auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU), der auf Plakaten als Vampir verunglimpft wird. Nachdem die Umfragen lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagen, triumphiert am Ende Tsipras: 61 Prozent der Abstimmenden folgen seinem Rat, die Reformforderungen der Gläubiger abzulehnen.

Unmittelbar nach dem Referendumserfolg vollzieht Tsipras eine beachtliche Kehrtwende: Sein umstrittener Finanzminister Varoufakis tritt zurück und braust am 6. Juli mit Ehefrau Danae von dannen (Foto). Kurz darauf legt Tsipras mit Unterstützung der französischen Regierung ein umfassendes Reformpaket vor, das den Forderungen der Gläubiger weit entgegenkommt. Obwohl dies eine 180-Grad-Wende bedeutet, bekommt Tsipras in der Nacht auf den 11. Juli im Parlament eine Mehrheit für die Aufnahme von Verhandlungen – allerdings nur mithilfe der Opposition.

Falls Tsipras sich von seinem Reformvorschlag eine schnelle Einigung erhofft hat, so wird aufs Gröbste enttäuscht. Zunächst bringt Finanzminister Wolfgang Schäuble vor einem Treffen mit seinen Amtskollegen die Option einen zeitweiligen Euro-Austritt ins Gespräch. Beim anschließenden Euro-Gipfel in der Nacht vom auf den 13. Juli verhindert EU-Ratspräsident Donald Tusk laut Teilnehmern ein Scheitern nur, indem er Merkel und Tsipras verbietet, den Raum zu verlassen. Am Ende wird Griechenland zwar ein neues Hilfsprogramm in Aussicht gestellt, nicht zuletzt auf Betreiben von Frankreichs Präsident Francois Hollande (M.). Doch Tsipras muss dafür Bedingungen akzeptieren, die deutlich härter als das ursprüngliche Angebot der Gläubiger sind.

Am 15. Juli muss das griechische Parlament die ersten Reformen beschließen, das Ultimatum haben die Euro-Partner gestellt. Für Tsipras und seinen neuen Finanzminister Efklidis Tsakalotos wird die Abstimmung jedoch zur Nervenprobe, denn der Widerstand in der Regierungspartei Syriza reicht bis zur Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou. Zwar bekommt Tsipras eine knappe Regierungsmehrheit zustande, doch die Spaltung seiner Partei ist nicht mehr zu übersehen. Darauf reagiert der Regierungschef, indem er zwei Tage später sein Kabinett umbildet und rebellische Minister entlässt. In der Nacht auf den 23. Juli werden weitere Reformforderungen verabschiedet, der Weg zu neuen Verhandlungen mit den Geldgebern ist vorerst frei.


Zusammengefasst: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras war zum offiziellen Antrittbesuch bei Kanzlerin Angela Merkel in Berlin. Nach wochenlangen Spannungen haben beide Seiten versöhnliche Töne angeschlagen. Im Schuldenstreit gibt es bisher jedoch keine Annäherung.

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insgesamt 24 Beiträge
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Michael Jürgens 23.03.2015
1. Saftige Rechnung für den deutschen Steuerzahler
Gibt es irgendein konkretes Ergebnis dieses Treffen? Das ist Augenwischerei und Fortführung der griechischen Insolvenzverschleppung. Am Ende bekommt der deutsche Steuerzahler eine saftige Rechnung
demokroete 23.03.2015
2. Wir müssen uns besser vestehen ...
Klar ! Dazu muss er erstmal verstehen, dass in etwa gleicher Steuerbedingungen hergestellt werden müssen. Dazu hatten die Griechen 10 Jahre Zeit und haben nichts getan. Stattdessen haben sie ihren Staatshaushalt auf Krediten aufgebaut. In so eine Situation gerät man nicht unverschuldet, sondern sehenden Auges ! Irgendwann ist halt Schluss damit, und dieser Zeitpunkt ist jetzt da.
Rätselrater 23.03.2015
3. Verständigungsprobleme?
Wann findet der OECD-Bericht vom Februar endlich mal die ihm zustehende Verbreitung, wonach der den Griechen (u.A.) auferlegte Sparkurs durch die Troika als gescheitert angesehen werden muss? Die Bundesregierung wird mit ihrer ins Peinliche gehende Sturheit auch am Sankt-Nimmerleins-Tag keinen Erfolg mit ihren Erpressungsversuchen haben noch jeden Euro-Staat in die Knie zu zwingen. Und wann werden wir Bürger endlich begreifen, dass nicht nur die Völker im Süden die sinnlose Glorifizierung des Handelsbilanzüberschusses bezahlen. Auch wir deutschen Normalos haben in den letzten 10 Jahren bereits massiv für diesen Wahn durch Lohndumping blechen müssen. Ich schäme mich für dieses chauvinistische Deutschland mehr als ich es schon zu Zeiten des 'Dicken' tat!
danduin 23.03.2015
4. Zuerst Reformen
Wenn Griechenland seine Reformen in Angriff nimmt,eine moderne Demokratie werden und halbwegs konkurrenzfähig werden,dann könnte man über Hilfe reden.Sofern allerdings in Gr es üblich bleibt keine Steuern zu zahlen und Beamte nur hoch entlohnt aber nicht ihrer Verantwortung nach gehen,wird das nichts.
zornesfalte 23.03.2015
5. Wir müssen uns besser verstehen
...mit unseren Geldgebern! Prima! Gleich morgen früh werde ich das Verständnis von meiner Bank einfordern .... mal sehen, was sie sagt ....ja, Politiker ... egal, ob links oder rechts greifen verantwortungslos in fremde Taschen ...
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