Adil Demirci über das Ende seiner U-Haft "Froh, aber nicht ganz frei"

Der Kölner Sozialarbeiter und Journalist Adil Demirci kam vergangene Woche nach zehn Monaten U-Haft in der Türkei frei. Er darf das Land aber nicht verlassen - und fürchtet weiter eine Verurteilung.

Demonstration für die Freilassung von Adil Demirci
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Demonstration für die Freilassung von Adil Demirci

Ein Interview von , Istanbul


Adil Demirci war in Istanbul im Urlaub gemeinsam mit seiner krebskranken Mutter, als am frühen Morgen des 13. April 2018 Antiterrorpolizisten die Wohnung seines Onkels stürmten. Sie richteten Maschinengewehre auf ihn, sagten, er sei festgenommen, und brachten ihn auf die Polizeiwache.

Fast ein Jahr lang saß Demirci im Hochsicherheitsgefängnis Silivri ein, in dem auch der Journalist Deniz Yücel und der Menschenrechtler Peter Steudtner festgehalten wurden. Demirci schrieb für "Etha", jene linke, türkische Nachrichtenagentur, für die auch die Ulmer Journalistin Mesale Tolu arbeitete.

Deniz Yücel
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Deniz Yücel

Die Behörden werfen ihm vor, Mitglied der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) zu sein, die vom türkischen Staat als Terrororganisation eingestuft wird. Sie haben dafür bislang jedoch keinerlei Beweise erbracht.

Am vergangenen Donnerstag entließ ein Istanbuler Gericht Demirci aus der Untersuchungshaft. Der Prozess gegen ihn geht weiter. Demirci darf die Türkei nicht verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Demirci, fühlen Sie sich nach zehn Monaten in Untersuchungshaft nun wie ein freier Mann?

Demirci: Ich bin froh, aus dem Gefängnis raus zu sein. Aber ich fühle mich noch immer nicht ganz frei. Ich darf ja noch nicht einmal die Stadt verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie saßen im Hochsicherheitsgefängnis in Silivri ein, in dem zuvor auch die Deutschen Deniz Yücel und Peter Steudtner festgehalten worden waren. Wie waren die Haftbedingungen?

Demirci: Ich teilte mir eine Zelle mit zwei jungen Männern. Ich hatte sonst so gut wie mit keinem anderen Gefangenen Kontakt. In der Zelle gegenüber saß der Journalist Ahmet Altan. Wir haben uns manchmal über den Korridor hinweg verständigt.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie im Gefängnis schikaniert?

Demirci: Als der Notstand noch galt, waren unsere Rechte eingeschränkt. Es dauerte zwei Monate, bis ich mit Angehörigen telefonieren durfte. Ich durfte keine Briefe auf Deutsch schreiben. Einige Bücher wurden mir vorenthalten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Idee, warum Sie ins Visier der Behörden gerieten?

Demirci: Nein. Ich kann das bis heute nicht verstehen. Ich habe an drei Beerdigungen teilgenommen, eine davon war 2013. Ich bin danach immer wieder in die Türkei eingereist, ohne dass es irgendwelche Probleme gab.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland haben Menschen Solidaritätsaktionen für Sie organisiert. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Demirci: Nur wenig. Mein Bruder hat mir am Telefon davon erzählt. Aber viele Briefe und Postkarten aus Deutschland kamen zum Beispiel gar nicht oder nur verspätet bei mir an.

SPIEGEL ONLINE: Ende April wird der Prozess gegen Sie fortgesetzt. Haben Sie Angst, dass Sie wieder im Gefängnis landen und am Ende gar verurteilt werden könnten?

Demirci: Ich bin eigentlich optimistisch, dass es so weit nicht kommt. Ich gehe davon aus, dass ich genauso wie Deniz Yücel, Mesale Tolu oder Peter Steudtner die Türkei irgendwann verlassen kann. Aber die Gefahr einer Verurteilung besteht natürlich.

Mesale Tolu
DPA

Mesale Tolu

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie die Zeit im Gefängnis verändert?

Demirci: Ich hatte viel Zeit nachzudenken - über mein Leben, über meine Arbeit. Ich will mich weiter für Menschenrechte einsetzen. Ich fühle mich eher bestärkt als geschwächt.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Demirci: Ich muss mich erst mal ausruhen. Ich will mir Zeit geben, zu mir zu finden. Mindestens bis zu dem nächsten Verhandlungstermin am 30. April gilt die Ausreisesperre. Ich hoffe sehr, dass ich danach zurück nach Deutschland kann.

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Seite 1
thor.z1367 18.02.2019
1. Die türkische Inquisition
Wer heute in die Türkei fährt oder handelt ist selbst Schuld.So ein Terrorregiem sollte man weder direkte noch indirekt unterstützen.
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