Debatte um Völkermord Türkei äußert Mitgefühl mit Armeniern

Die Türkei geht einen Schritt auf die Armenier zu: Sein Land teile den Schmerz der Hinterbliebenen, sagte Premier Davutoglu. In Istanbul soll in einer Gedenkstunde an die Opfer der Deportationen vor 100 Jahren gedacht werden.

Türkischer Premier Davutoglu: "Wir teilen den Schmerz"
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Türkischer Premier Davutoglu: "Wir teilen den Schmerz"


Die Türkei steht kurz vor dem 100. Jahrestag des Beginns der Massaker an den Armeniern schwer in der Kritik. Bis zu 1,5 Millionen Menschen wurden in den Jahren 1915/16 vom Osmanischen Reich, dem Vorgängerstaat der Türkei, vertrieben und getötet. Doch Ankara scheut davor zurück, sich dieser Verantwortung zu stellen.

Vier Tage vor dem offiziellen Gedenktag hat der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu nun Worte des Bedauerns gefunden. "Wir teilen den Schmerz der Kinder und Enkelkinder der Armenier, die ihr Leben bei Deportationen 1915 verloren", schrieb der Regierungschef in einer Erklärung. Der heutige Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte sich vor einem Jahr ähnlich geäußert.

Im armenischen Patriarchat in Istanbul werde es am Freitag eine Gedenkfeier geben, kündigte Davutoglu an. "Es ist die menschliche und historische Pflicht der Türkei, die Erinnerung an die osmanischen Armenier und das kulturelle Erbe der Armenier zu bewahren", sagte der Ministerpräsident. Das armenische Patriarchat in Istanbul zählt heute noch etwa 60.000 Gläubige in der Türkei.

Doch Davutoglu lehnte es in seiner Erklärung ausdrücklich ab, die Massaker vor 100 Jahren als Völkermord zu bezeichnen. "Alles auf ein einzelnes Wort zu reduzieren, alle Verantwortung der türkischen Nation aufzubürden und das mit einem hasserfüllten Diskurs zu verbinden, ist rechtlich und moralisch problematisch", sagte der Regierungschef. Stattdessen liege es in der Verantwortung von Türken und Armeniern "die Wunden zu heilen", so Davutoglu. "Die Türkei unternimmt ihr Möglichstes für Freundschaft und Frieden."

Armenische Interessenverbände in den USA wiesen Davutoglus Erklärung scharf zurück. "Diese heuchlerische Entschuldigung gibt keine Anerkennung, zeigt kein Verantwortungsbewusstsein, äußert kein Bedauern und bietet keine Entschädigung an", sagte Aram Hamparian, Direktor des Armenian National Committee of America. Er appellierte an US-Präsident Barack Obama, die Massaker an den Armeniern zum 100. Jahrestag endlich offiziell als Genozid anzuerkennen.

Die Bundesregierung hat bisher ebenfalls vermieden, die Massenmorde als Genozid zu bezeichnen. In einem am Montag bekannt gewordenen Text einigten sich die Spitzen von Union und SPD nun aber auf eine Formulierung, die den Begriff "Völkermord" enthält. In dem Antragsentwurf, über den der Bundestag am Freitag erstmals beraten soll, heißt es, das Schicksal der Armenier stehe "beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist".

Völkermord an den Armeniern
Worum geht es?

Millionen Armenier sind während des Ersten Weltkriegs aus dem Osmanischen Reich geflohen oder vertrieben worden. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in dem Vorläuferstaat der heutigen Türkei etwa 2,5 Millionen Armenier. Die osmanische Regierung sah in der christlichen Minderheit innere Feinde und zweifelte im Weltkrieg an deren Loyalität im Kampf gegen das christliche Russland.

Daher begann 1915 die systematische Vertreibung und Vernichtung der Armenier. Nach unterschiedlichen Schätzungen kamen bei den Deportationen 1915/16 zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Viele Armenier wurden gezwungen, zum Islam überzutreten.

Wie werden die Taten international bewertet?

Die Regierung im Südkaukasusstaat Armenien sieht in den Massakern einen "Genozid". Am 24. April gedenkt die Ex-Sowjetrepublik der Gräueltaten, die vor 100 Jahren begannen.

1987 stufte auch das Europaparlament die Tragödie als "Völkermord" ein und forderte die Regierung in Ankara auf, dies ebenfalls anzuerkennen. Zahlreiche Regierungen folgten. Am 12. April 2015 bezeichnete Papst Franziskus die Morde ebenfalls als Genozid.

Wie verhält sich die Türkei?
Die Türkei, wo nur noch eine armenische Minderheit lebt, bestreitet einen Völkermord vehement. Die fast hundert Jahre zurückliegenden "tragischen Ereignisse" seien etwas für Historiker, heißt es in der Türkei. Die Armenier hätten sich ihrerseits in einem Bürgerkrieg erhoben - und das Osmanische Reich habe nur reagiert. Die hohen Todeszahlen seien durch die Wirren des Krieges, Hunger und Witterung zu erklären, so eine verbreitete Darstellung.

syd/AFP/AP

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