Proteste gegen Erdogan Türkische Anti-Terror-Polizei nimmt Dutzende Menschen fest

In der Türkei laufen großangelegte Razzien: Anti-Terror-Einheiten durchsuchen Wohnungen von Regierungsgegnern in mehreren Städten. Dutzende Menschen wurden festgenommen, darunter sind Anhänger einer linksextremen Partei.

Polizisten führen Demonstranten nahe des Taksim-Platzes ab: Wohnungsdurchsuchungen in Istanbul und Ankara
DPA/ Anadolu

Polizisten führen Demonstranten nahe des Taksim-Platzes ab: Wohnungsdurchsuchungen in Istanbul und Ankara


Istanbul/Ankara - Seit Wochen gibt es in der Türkei wütende Proteste gegen Recep Tayyip Erdogan, jetzt lässt die Regierung die Wohnungen der Beteiligten durchsuchen. Dutzende Teilnehmer der Demonstrationen wurden bei Razzien am Dienstagmorgen festgenommen, berichteten türkische Medien. Nach Angaben des Staatssenders TRT wurden allein in der Hauptstadt Ankara 25 Personen festgenommen.

Es handelt sich nach Angaben der Istanbuler Staatsanwaltschaft um Anhänger einer linksextremen Partei. Die Polizei habe etwa 90 Mitglieder der Sozialistischen Partei der Unterdrückten (ESP), einer bei den Protesten aktiven Gruppierung, in ihren Wohnungen festgenommen, teilte die Behörde nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP mit.

Die Fernsehsender NTV und CNN-Türk berichteten zudem, die Polizei habe die Büros der Zeitung "Atilim" und der Nachrichtenagentur Etkin durchsucht. Diese stehen der Partei nahe.

Laut NTV wurden zudem 30 Menschen in der Hauptstadt Ankara und 13 weitere in der nordwestlichen Stadt Eskisehir festgenommen. Außerdem habe es Einsätze in 18 weiteren Provinzen des Landes gegeben.

600 Menschen in Gewahrsam

Die Regierung erhöht damit den Druck auf die Protestierenden. Am Montag hatte sie in dem Machtkampf mit dem Einsatz der Armee gedroht, sollte die Polizei die Lage nicht in den Griff bekommen. Die Botschaft ist nun: Wer weiter protestiert, muss mit Gefängnis rechnen.

Seit über zwei Wochen demonstrieren Tausende Menschen in mehreren türkischen Städten gegen Erdogan und seine Politik. Die Regierung hatte am Wochenende Demonstrationen gewaltsam mit Wasserwerfern und Tränengas auflösen lassen. Regierung und Behörden hatten in den vergangenen Tagen immer wieder erklärt, es sei bekannt, wer die Demonstrationen mitorganisiert und unterstützt habe. Zudem hatte sie angekündigt, die Beteiligten strafrechtlich verfolgen zu wollen.

Der Staatsanwaltschaft Istanbul zufolge wurden bereits am Sonntag bei Protesten in Istanbul und Ankara knapp 600 Menschen festgenommen. Gemäß dem Gesetz können Verdächtige bis zu vier Tage in Gewahrsam gehalten werden, bevor sie einem Richter vorgeführt werden.

Aussetzung der EU-Beitrittsverhandlungen?

Im Ausland wächst die Kritik an dem harten Vorgehen Erdogans. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte am Montag das gewaltsame Vorgehen der türkischen Polizei in Istanbul. Aus ihrer Sicht seien die Sicherheitskräfte dort "viel zu hart vorgegangen", sagte sie vor ihrer Abreise zum G-8-Gipfel im Fernsehsender RTL. "Das, was im Augenblick in der Türkei passiert, entspricht nicht unseren Vorstellungen von Freiheit der Demonstration, der Meinungsäußerung." Zu den Fernsehbildern von der Räumung des Gezi-Parks in Istanbul sagte sie: "Ich bin erschrocken, wie viele andere Menschen auch."

Angesichts der Gewalt gegen Demonstranten forderte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, die Aussetzung der EU-Beitrittsverhandlungen. Solange die türkische Regierung sich mit den Protesten in Istanbul und anderen Städten nicht auseinandersetze "und diese Form der Gewalt weiterführt", sollte die EU "zunächst abwarten mit der Eröffnung von weiteren Kapiteln", sagte er im Deutschlandfunk. Es sei "wichtig, dass die Regierung hier noch mal ein Zeichen bekommt".

heb/dpa/Reuters/AFP

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insgesamt 97 Beiträge
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berliner68 18.06.2013
1. Regierungsgegner...?
das müsste man schon etwas differenzierter erklären. Es werden die Verhaftet, die offen zu Gewalt gegen den Staat aufgerufen haben. Es werden die verhaftet, die offen Gewalt gegen die Sicherheitskräfte geübt haben. Natürlich sind das Regierungsgegner, aber Sie werden nicht verhaftet, weil Sie gegen die Regierung protestieren, sondern weil sie gewalttätige kriminelle sind!
parasitär 18.06.2013
2. So doll das also in Zukunft laufen?
Zitat von sysopDPA/ AnadoluIn der Türkei laufen großangelegte Razzien: Anti-Terror-Einheiten durchsuchen Wohnungen von Regierungsgegnern in Istanbul und Ankara. Allein dort sollen 25 Menschen festgenommen worden sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-anti-terror-polizei-nimmt-zahlreiche-menschen-fest-a-906334.html
Wenn jemand demonstriert wird er einfach zum Terroristen gemacht. Sind ja schöne Aussichten für unsere sogenannten Demokratien.
Ottokar 18.06.2013
3. Meine Meinung
Es sind meiner Ansicht nach gute Rebellen die Unterstützung brauchen. Wann liefert Deutschland Gasmaskken und medizinische Hilfsmittel. Schutzwesten werden noch nicht gebraucht.
pierrotlalune 18.06.2013
4. optional
Anti Terror Einheiten gegen einfache Bürger, die eine Wandlung möchten. Der einziger Terrorist ist Erdogan selber. Sein Personal sinds ebenfalls. Diktator und Terrorist in einem. Für sein Tun, müsste man bei seinem nächsten Bes'uch ihn empfangen mit Schuhen an den Händen und diese ihm an den Kopf werfen. Verachtung
Markuz 18.06.2013
5. Was geschieht mit den Verhafteten?
Was mit den Verhafteten geschieht und wie sie behandelt werden, das macht mir schon Angst, bevor darüber berichtet wird. Ich hoffe, ich bin ein Pessimist ...
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