Türkei Aus Gezi-Protest wird Gezi-Partei

Der Protest soll an die Macht: Eine Gruppe junger Türken hat die Gezi-Partei gegründet, mit einem Rockstar an der Spitze. Ihr Ziel ist, ab 2015 zu regieren - und alles anders zu machen. So mancher Gezi-Demonstrant findet das nicht gut.

Von , Istanbul

DPA

Gezi steht für Demokratie. Für Freiheit. Für Mitbestimmung und Eigenverantwortung. Für Parks und Bäume. Dafür, dass man Widerspruch wagen darf. Und dass man glauben, lieben, hoffen kann, wie man will und was man will. Auch das machte ja ein bisschen dieses kleine Wunder aus: Dass plötzlich ganz unterschiedliche Menschen an einem Strang ziehen.

Aber Gezi ist ins Stocken geraten. Die Proteste, die sich an den Plänen der Regierung entzündeten, eine der letzten Grünflächen im Zentrum des europäischen Teils von Istanbul, den Gezi-Park, in noch ein Einkaufszentrum zu verwandeln, sind abgeflaut. Noch im Juni gingen Tausende auf die Straße, zuerst in Istanbul, dann im ganzen Land. Jetzt wird nur noch gelegentlich demonstriert.

"Genau deswegen haben wir beschlossen, dass wir einen Schritt weiter gehen und eine Partei gründen müssen", sagt Cem Köksal. Der 37-Jährige hat schulterlange braune Haare, auf der Straße im Istanbuler Stadtteil Kadiköy grüßen ihn junge Leute. Köksal ist Rockmusiker, er spielt Gitarre, komponiert und produziert. Er und seine Mitstreiter wollen Premierminister Recep Tayyip Erdogan herausfordern. Aus der Demokratiebewegung soll eine politische Kraft erwachsen.

"Erdogan hat uns Demonstranten gesagt, wir sollten nicht auf der Straße protestieren, sondern uns zur Wahl stellen, wenn wir etwas ändern wollen", sagt Teoman Kumbaracibasi, 42. "Da sind wir!" Auch ihn kennen die Leute, Teo, wie er sich nennt, ist Schauspieler. Er spielt in TV-Serien mit.

"Unser Ziel ist nicht die Opposition, sondern die Regierung"

Zusammen mit 26 weiteren Menschen haben Kumbaracibasi und Köksal Anfang Oktober die Gezi-Partei gegründet. Die GZP ist bunt gemischt, Junge und Alte, Linke und Konservative, Handwerker und Studenten. Sie eint die Unzufriedenheit mit Erdogan und seiner autoritären Regierung. An diesem Samstag will die Gezi-Partei sich für Mitglieder öffnen. "Da sind Hunderte, die zu uns wollen, obwohl sie gar nicht wissen, was genau wir wollen", sagt Kumbaracibasi. "Tausende", korrigiert ihn Köksal. Einen Monat nach dem Start habe die Partei schon 31.000 Fans bei Facebook, sagt er.

Facebook ist die Plattform, auf der sie sich gefunden haben. "Vor ein paar Monaten kannten wir uns noch überhaupt nicht. Jetzt arbeiten wir ständig miteinander, mögen uns, lieben uns", sagt Nursun Gürbüz, die für eine Exportfirma arbeitet. Gemeinsam wollen sie Großes erreichen, das vermittelt auch ihr Parteilogo: ein Mann, dessen Beine wie Baumstämme in der Erde wurzeln, in den Armen hält er einen grünen Ball. Wir umarmen Gezi, wir umarmen die ganze Welt, ist die Botschaft. Sie wollen bei der Parlamentswahl 2015 antreten. "Und unser Ziel ist nicht die Opposition, sondern die Regierung", sagt Köksal.

Es klingt größenwahnsinnig. Denn selbst innerhalb der Gezi-Bewegung sehen viele die Partei kritisch. "Gezi war und ist eine lockere Bewegung, die man nicht in die Form einer Partei pressen kann", sagt die Studentin Merve, die tagelang im Gezi-Park demonstrierte. Andere Kritiker finden, die Macher der Partei seien zu unbekannt, um Erfolg haben zu können. Bekir Agadir, Chef der Meinungsforschungsagentur Konda in Istanbul, sagt, man könne noch nicht von einer "echten Alternative zu den herkömmlichen Parteien" sprechen.

Unzufriedenheit mit der regierenden Partei ist groß

Aber wer weiß: Wie groß die Unzufriedenheit mit der regierenden AK-Partei ist, lässt sich nur erahnen. Zwar hat Erdogan die vergangenen drei Wahlen gewonnen. Das liege aber daran, dass die Opposition so schlecht sei, glauben die Leute von der Gezi-Partei. "Außerdem haben wir eine Zehn-Prozent-Hürde, kleinere Parteien schaffen es nicht ins Parlament", sagt Gürbüz. Mindestens die Hälfte der Bevölkerung stehe nicht hinter der Regierung. "Die suchen nach einer echten Alternative", sagt Kumbaracibasi.

Eine "menschenwürdige Gesellschaft" wollen sie aufbauen und, vor allem, die Verfassung demokratischer machen. Eine gesellschaftliche Ordnung soll her, "die die Rechte aller Individuen und die Rechtsstaatlichkeit als Grundlage nimmt", heißt es im Programm. Über alles soll die Parteibasis abstimmen, per Internet. Die Basis sei mächtiger als der Parteichef, sagt Köksal. "Ich kann jederzeit abgesetzt werden." Sollte die Partei an die Macht kommen, wolle man ein "digitales Mandat" im Parlament einführen. Das Volk soll auch eine Stimme haben, eine einzige zwar nur, aber eine, auf die alle natürlich schauen.

Die GZP-Gründer glauben an ihre Chance. Auch auf dem Land, in Anatolien, in Erdogans Hochburgen, schwinde der Rückhalt für den Premier. "Warum haben türkische Medien so wenig über die Gezi-Proteste berichtet?", fragt Kumbaracibasi. "Damit die Proteste sich nicht zu sehr ausbreiten. Die Unzufriedenheit ist auch in Anatolien groß. Viele Millionen Menschen leben in Armut, trotz des wirtschaftlichen Erfolgs, den die Türkei angeblich erlebt." Wüssten sie mehr über die Demokratiebewegung, würden sie sich ihr anschließen.

Sie wollen jetzt durch das Land reisen und ihre Partei bekannt machen. Ein Erfolg bei den Kommunalwahlen im März 2014 hätte der Gezi-Partei einen kräftigen Schub geben können. Doch der Plan lässt sich nicht umsetzen - die Hürden des türkischen Wahlrechts sind zu hoch. Es verlangt, sagen die Gezi-Leute, dass eine Partei schon ein halbes Jahr lang vor dem Wahltermin in mindestens 41 Kommunen aktiv sein muss, um zugelassen zu werden.

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Zappa_forever 15.11.2013
1. Ich hoffe...
...sie haben genügend Kraft und Ausdauer und drücke die Daumen!
Bad_Species 15.11.2013
2. Schön wär's...
...aber nach den Piraten und Ägypten hab ich meine Zweifel. Trotzdem viel Glück.
ELIASS 16.11.2013
3. Demokratien sind nicht einfach übertragbar
Es eint sie der Wunsch, dass Erdogan verschwindet. Und was eint sie, wenn er weg ist? Demokratien sind nicht einfach auf jedes Volk übertragbar. Die Grundlage für die Entstehung von Demokratien ist eine Wertekultur die von der Mehrheit der Menschen getragen wird. Ein demokratisches Gesellschaftssystem ist als "Ganzes" mehr als die Summe seiner Teile. Dieses Ganze kommt jedoch erst dann zustande, wenn deren Teile - die gemeinsamen Werte - so beschaffen sind, dass sie in der Summe ein demokratisches Gesellschaftssystem hervorbringen können. Demokratie entsteht nicht, indem man einfach die Blaupause eines Gesellschaftssystems auf ein anderes Volk überträgt. Die Türkei braucht noch 150 Jahre, bis sich deren "Teile" zu einem Wertesystem summieren, das demokratische Strukturen hervor bringt. Mit anderen Worten: In dieser Kultur ist die Mehrheit der Bevölkerung noch nicht reif für eine Demokratie. Deswegen wird die demokratiefähige Minderheit in der Türkei noch für sehr lange Zeit scheitern.
Carlos Gardel 16.11.2013
4. nicht nur
die größe Mehrheit der Gezi-Teilnehmer sind dagegen byw. nicht vertreten weil unter Gezi versteht man dir Gesamtheit der Demonstrationen in der ganen Türkei. Der Geist Gezi darf man znd kann man nicht für eine Partei vereinnehmen. Es ist zuem Scheitern verurteilt aber wird der Gezi´Bewegung große Schöden zufügen.
Wichtig-Tuer1960 16.11.2013
5. GZP + Der Spiegel = Lachnummer
Nach Meinungsforschungsinstituten würde AKP aktuell ca. 51,8% der Stimmen erhalten.Nicht das türkische Volk ist unzufrieden mit AKP und Erdogan , sondern eine marginale Minderheit, die mit medialer Hilfe viel Krach macht. Die Wähler von MHP und CHP wählen traditionell im Fußballclubmanieren, es ist dabei egal , ob die "Mannschaft" gut oder schlecht ist. AKP ist "die" Partei der ärmeren Bevölkerung in Istanbul und auch in Anatolien. GZP-people haben sich bestimmt nicht so weit herabgelassen und sich mit den armen Menschen in Anatolien beschäftigt. Es ist auch nicht möglich, wenn diese sagenumwerbone GZPs in den Hochburgen der türkischen reichen Elite wie in Kadiköy leben und von dort aus die Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen von Landbevölkerung in den anatolischen Dörfern zu sehen , geschweige zu erahnen. Ein Nachrichten Magazin von "Der Spiegel" Format schreibt so einen absurden Bericht,dass ein Rockstar staatsmännische Qualitäten hat und in der Lage wäre , ein so kompliziertes Land wie die Türkei zu regieren. Der Spiegel wird mit seiner Berichterstattung über TR immer mehr zu einer LACHNUMMER !
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