Beitrittsverhandlungen: Die türkische Generation Europa

Von Maximilian Popp

Demonstration in Istanbul: Junge Türken fordern mehr Demokratie und Freiheit für ihr Land Zur Großansicht
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Demonstration in Istanbul: Junge Türken fordern mehr Demokratie und Freiheit für ihr Land

Der türkische Regierungschef Erdogan mag noch nicht bereit für Europa sein, doch die Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul sind es allemal. Sie reagieren erleichtert auf die Entscheidung der EU, die Beitrittsgespräche mit der Türkei trotz der Unruhen fortzusetzen.

Die immer gleichen Bilder haben den Blick der Deutschen auf die Türkei in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten geprägt: Stereotype von anatolischen Hirten, verhüllten Frauen, Moscheen - und in letzter Zeit, um den Wirtschaftsboom zu symbolisieren, Wolkenkratzer.

Einer der vielen Verdienste der Demonstranten vom Taksim-Platz in Istanbul ist es, mit diesen Klischees, die der türkischen Wirklichkeit schon sehr lange nicht mehr entsprachen, ihr nie entsprochen haben, zu brechen.

Wochenlang haben Bürger friedlich gegen ihre autoritäre Regierung demonstriert; junge Männer und Frauen, die Chucks und bunter Banner trugen, über Facebook und Twitter kommunizierten und in geschliffenem Englisch erklärten, warum sie sich mehr Demokratie und Freiheit für ihr Land wünschen.

Vernünftiger Kompromiss der EU

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat versucht, die Demonstranten als "Terroristen" zu denunzieren. Doch seine Ausfälle zeigen nur, wie wenig er versteht. Es ist eine junge, urbane Mittelschicht, die in Istanbul, Ankara und vielen anderen Städten der Türkei auf die Straße geht. Sie fordern offensiv die Werte ein, die auch Europa angeblich vertritt.

Die EU, die seit 2005 Beitrittsgespräche mit der Türkei führt, steht vor einem Dilemma: Wie kann sie die Zivilgesellschaft in der Türkei bestärken, ohne die Regierung Erdogan zu belohnen? Die EU-Mitgliedstaaten haben sich am Dienstag auf Initiative Deutschlands auf einen Kompromiss geeinigt: Die Eröffnung des 22. Verhandlungskapitels, das sich mit Regionalpolitik befasst, wird eröffnet - allerdings nicht, wie geplant, an diesem Mittwoch, sondern einige Monate später, nach Veröffentlichung des Türkei-"Fortschrittsberichts" und nach der Bundestagswahl, Mitte Oktober.

Es ist trotz allem ein vernünftiger Kompromiss. Denn er ist einerseits ein Zeichen an die türkische Regierung, dass ihr brutales Vorgehen gegen friedliche Demonstranten nicht widerspruchslos hingenommen werden. Gleichzeitig kappt die EU nicht alle Bande zur Türkei.

"Gut, dass ihr uns jetzt nicht allein lasst"

Dies wäre vor allem für die Zivilgesellschaft ein fatales Zeichen gewesen. Zwar hat die EU-Euphorie in der Türkei in den vergangenen Jahren stark nachgelassen, der Blick der Demonstranten vom Taksim-Platz ist dennoch eindeutig in Richtung Europa gerichtet. Viele junge Türken zeigten sich deshalb auch erleichtert über die Entscheidung der EU, die Beitrittsverhandlungen mit ihrem Land weiterzuführen. Gut, dass ihr uns jetzt nicht allein lasst, kommentierten sie auf Twitter.

Die Distanzierung von der Türkei in den vergangenen Jahren hat Deutschland weitgehend der Einflussmöglichkeiten auf die Regierung in Ankara beraubt. Doch es ist noch nicht zu spät.

"Die EU sollte die Türkei in diesem großen Moment ihrer demokratischen Reise noch enger umarmen", sagt Heather Grabbe, die Direktorin des Open Society European Policy Institute. Es sei nun an der Zeit, mit der Regierung Erdogan über Pluralismus und Freiheitsrechte zu sprechen.

Die EU-Verhandlungskapitel 23 und 24 böten dafür eine gute Gelegenheit: Sie befassen sich mit Innerer Sicherheit, Justiz - und Grundrechten.

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insgesamt 100 Beiträge
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1. Beitrittsgespräche erstmal verschoben
mundi 26.06.2013
Zitat von sysopDPADer türkische Regierungschef Erdogan mag noch nicht bereit für Europa sein, doch die Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul sind es allemal. Sie reagieren erleichtert auf die Entscheidung der EU, die Beitrittsgespräche mit der Türkei trotz der Unruhen fortzusetzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-beitrittsgespraeche-fortgesetzt-vernuenftiger-kompromiss-a-907970.html
Das ist in der Türkei nur eine Minderheit. Sie soll erst die Türkei nach westlichem Vorbild umbauen. Es wäre sogar im Sinne des Gründers Atatürk. Was hat das aber mit Beitritt zu tun? Nebenbei: Die Gespräche werden nicht fortgesetzt, sondern der Beginn von heute erst mal auf den Herbst verschoben.
2. Genau! Her mit den Leuten!
Karl_Knapp 26.06.2013
Zitat von sysopDPADer türkische Regierungschef Erdogan mag noch nicht bereit für Europa sein, doch die Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul sind es allemal. Sie reagieren erleichtert auf die Entscheidung der EU, die Beitrittsgespräche mit der Türkei trotz der Unruhen fortzusetzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-beitrittsgespraeche-fortgesetzt-vernuenftiger-kompromiss-a-907970.html
Dieses ist die Türkei, die wir in der EU wollen, die wir in der EU brauchen! Wir haben es hier in D leider nicht geschafft, die 2. oder sogar 3. Generation so weit in dieses dort gelebte Europa zu überführen: Statt dessen laufen hier kopftuchvermummte Jugendliche herum und finden das möglicherweise auch noch cool. Offenbar sind die urbanen Türken Jahrzehnte weiter als die Hiesigen.
3. begriffsstutzig
Gustav Struve 26.06.2013
"Die Distanzierung von der Türkei in den vergangenen Jahren hat Deutschland weitgehend der Einflussmöglichkeiten auf die Regierung in Ankara beraubt." Verzeihung, aber das ist Unsinn. Wer tatsächlich meint, Erdogan und seine AKP ließen sich umgekehrt durch Morgengaben von ihren gesellschaftspolitischen Vorstellungen abbringen, der ist einfach begriffsstutzig.
4. Die Türkei gehört nun einmal nicht zu Europa
edmond_d._berggraf-christ 26.06.2013
Es verwundert ja ohnehin wie einige Geisteskoryphäen überhaupt auf den Gedanken gekommen sind der Türkei den Eintritt in einen europäischen Staatenbund zu versprechen, weil diese nun einmal ein morgenländisches Land ist und daher weder kulturell, religiös oder politisch zu Europa gehört und nicht zuletzt spätestens seit der Eroberung Konstantinopels bis weit ins XVIII. Jahrhundert hinein der Todfeind Europas gewesen ist und als solcher zwei Mal selbst Wien belagerte und nur durch die gewaltigen Waffentaten des Prinzen Eugen in die Schranken gewiesen wurde; ebenso gut hätten also die alten Griechen auf die Idee kommen können Persien in einen ihrer Staatenbünde aufzunehmen. Wobei eine Aufnahme der Türkei auch die arabisch-mohammedanischen Mittelmeerstaaten zu einem solchen Vorhaben bewegen dürfte und setzt die Partei, die gegenwärtig die Aufnahme der Türkei betreibt, dies durch, so dürften diese Staaten folgen und Europa in wenigen Jahrzehnten dem Mohammedanismus anheimfallen.
5. Was ist an einem asiatischen Land Europäisch?
beschwingt 26.06.2013
Die Türkei - auch die (noch) Sekuläre ist ein asiatische Staat mit dementsprechender Kultur und Historie. Es gibt KEINEN Grund die Türkei in die europäische Union aufzunehmen. .... Und bitte komme uns niemaqnd mit dem europäischen Teil des heutigen Istanbul. - Frankreich ist auch trotz Guyana kein Teil Südamerikas....
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Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Ahmet Davutoglu

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