Prozess in der Türkei Journalisten zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt

Im Prozess gegen regierungskritische Journalisten in der Türkei ist der Chefredakteur der Zeitung "Cumhuriyet" zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt worden. Sein Kollege Erdem Gül soll fünf Jahre ins Gefängnis.

Journalisten Gül und Dündar vor der Urteilsverkündung
REUTERS

Journalisten Gül und Dündar vor der Urteilsverkündung


Im umstrittenen Prozess gegen zwei türkische Journalisten ist ein Urteil gefallen. Der Chefredakteur der Zeitung "Cumhuriyet", Can Dündar, wurde zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Sein mitangeklagter Kollege, der Hauptstadtkorrespondent Erdem Gül, wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Das Gericht habe die beiden Journalisten der Veröffentlichung geheimer Dokumente für schuldig befunden, berichtete eine Reporterin der Nachrichtenagentur dpa.

Bereits vor der Urteilsverkündung hatte Dündars Anwalt Bülent Utku für den Fall eines Schuldspruchs Berufung angekündigt. Nach Utkus Angaben müssen Dündar und Gül vor einem rechtskräftigen Urteil nicht ins Gefängnis. Wenige Stunden vor der Urteilsverkündung hatte ein Mann vor dem Gerichtsgebäude auf Dündar geschossen, der Journalist blieb unverletzt.

Nicht schuldig befand das Gericht die beiden Journalisten in den Anklagepunkten, in denen ihnen vorgeworfen wurde, die Regierung stürzen zu wollen und Spionage betrieben zu haben. Weiterhin verantworten müssen sich Dündar und Gül für angebliche Unterstützung einer Terrororganisation. Das Gericht gab dem Antrag der Staatsanwaltschaft statt, dass dieser Punkt in einem gesonderten Verfahren abgeurteilt werden soll.

Hintergrund der Anklage war ein Bericht der "Cumhuriyet" über angebliche Waffenlieferungen der Türkei an Extremisten in Syrien aus dem vergangenen Jahr. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte Anzeige gegen Dündar und Gül erstattet. Sowohl Erdogan als auch der türkische Geheimdienst MIT wurden im Prozess als Nebenkläger zugelassen.

Die Anklage war international als Schlag gegen die Pressefreiheit in der Türkei gewertet worden. Der Prozess hatte unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit am 25. März begonnen. Schon am ersten Verhandlungstag wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen, was zu scharfer Kritik führte.

Dündar und Gül verbrachten drei Monate in Untersuchungshaft, bevor das Verfassungsgericht Ende Februar ihre Freilassung anordnete.

Die Staatsanwaltschaft hatte ursprünglich lebenslange Haft für Dündar und Gül gefordert. Für den angeblichen Geheimnisverrat hatte sie 25,5 Jahre Haft für Dündar und zehn Jahre Gefängnis für Gül gefordert.

Im Video: Schüsse auf "Cumhuriyet"-Chefredakteur Dündar

brk/dpa

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