Wandel der Gesellschaft Die Türkei öffnet sich - Erdogan zum Trotz

Recep Tayyip Erdogan regiert seit 16 Jahren die Türkei - als frommer Muslim, der das Land formen will. Trotzdem hat die Religiosität laut einer Studie abgenommen. Die Gesellschaft steckt mitten im Kulturwandel.

Istanbul, Türkei
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Istanbul, Türkei

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Der türkische Präsident will sein Land nicht einfach nur regieren. Er will es nach seinen Vorstellungen formen. Aber während es Recep Tayyip Erdogan gelungen ist, immer mehr Macht anzuhäufen, kommt er mit dem Umbau der Gesellschaft weit weniger schnell voran.

Er werde eine "fromme Generation" erziehen, versprach Erdogan den Anhängern seiner konservativ-muslimischen AK-Partei. Doch in den fast 16 Jahren seiner Amtszeit als Präsident und Premier hat die Religiosität in der Türkei ab- und nicht zugenommen. Das jedenfalls besagt eine Studie, die in der Türkei gerade für Furore sorgt.

Das Meinungsforschungsinstitut Konda hat 5793 Türken in 36 Provinzen des Landes befragt, in Dörfern wie in Großstädten. Danach ist die Zahl der Bürger, die sich als "religiös" bezeichnen, in den vergangenen zehn Jahren von 54 auf 51 Prozent zurückgegangen, nur noch jeder zehnte Türke betrachtet sich als "tief religiös". Zwei von drei Türken fasten an Ramadan, 2008 waren es noch 77 Prozent. Die Zahl der Atheisten hat sich hingegen verdreifacht.

Religion lässt sich nicht verordnen

Für Erdogan dürfte das Ergebnis ein Ärgernis sein: Seine Regierung hat viel Geld dafür ausgegeben, gerade junge Menschen für einen muslimisch-konservativen Lebensstil zu gewinnen. Erst im vergangenen Jahr hat das Bildungsministerium den Etat für religiöse Erziehung um 68 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro erhöht. Unter Erdogan wurde die Zahl der religiösen Schulen von 450 auf 4500 verzehnfacht.

"Die Gesellschaft wird nicht religiöser, nur weil es der Staat so will", sagt der Soziologe Volkan Ertit. Es gibt Faktoren, die stärker auf die Gesellschaft wirken als Erdogans Politik: Globalisierung, Urbanisierung, Digitalisierung.

Die Türkei hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Binnenmigration erfahren wie kaum ein anderes Land. Vor einem halben Jahrhundert lebten drei von vier Türken auf dem Land. Heute sind es nur noch sieben Prozent. Allein die Einwohnerzahl Istanbuls hat sich seit 1950 auf mindestens 15 Millionen verfünfzehnfacht.

Die Verstädterung trägt zum Kulturwandel bei: Menschen geben Lebensgewohnheiten auf, Traditionen verlieren an Bedeutung. Für die Jungen in den Städten spielen islamische Regeln eine geringere Rolle als für ihre Eltern.

Soziale Netzwerke spielen eine enorm wichtige Rolle

Auch Geschlechterrollen verändern sich: Immer weniger Türken finden, dass Frauen die Erlaubnis ihres Ehemanns brauchen, um zu arbeiten. Junge Männer und Frauen wollen selbst entscheiden, mit wem sie zusammenleben, statt sich von ihren Familien verkuppeln zu lassen. Eltern sind häufiger bereit, Schwiegertöchter oder Schwiegersöhne zu akzeptieren, selbst wenn diese einen anderen Glauben oder eine andere Herkunft besitzen.

Die Regierung hat die traditionellen Medien weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht. Viele Türken suchen deshalb nach alternativen Wegen, um sich zu informieren. 72 Prozent der Türken nutzen soziale Medien - so viele wie in kaum einem anderen Land.

Erdogan bestimmt durch sein herrisches, patriarchales Auftreten das Bild der Türkei im Ausland. Doch unter ihm wächst eine Generation heran, die liberal ist, modern und global vernetzt.



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
der_beste 09.01.2019
1. Dieser Artikel ist eine Farce
jeden und alles was in der Türkei passiert wird mit Erdo?an verknüpft um den Eindruck zu verschaffen, dass Erdo?an zu allem seinen Senf dazu gibt, involviert ist und kontrollieren will. Das ist an der Realität vorbei. Natürlich ist eine der jüngsten Gesellschaften in Europa in einem Wandel. In einem stärkeren Wandel als Deutschland. Da nutzt man die neueste Technologie und auch soziale Netzwerke. In der Türkei steht es jedem frei sein Leben so zu gestalten wie der Einzelne das mag!
VadidWyle 09.01.2019
2. Ach so...
Tolle Studie - bringt der Politik nur leider gaaar nichts! Ich betrachte da eher die Realität, als dass ich irgendeine Studie heranziehe. Und diese Wahrnehmung der Tatsächlichkeit entspricht absolut nicht jener Studie. Aber macht nur weiter Eure Umfragen. Wird sicher alles gut werden.
ali_yildirim 09.01.2019
3.
Erdogan kam durch die Stimme des Volkes, kann auch zugleich mit dieser Stimme gegangen werden. Der Autor des Artikels hat es erkannt, man kann weder das eine noch das andere erzwingen. liberal, modern und global zu sein ist nicht die Folge des Erdoganregims sondern nur das was den Türken an sich ausmacht. Es kann weder verordnet noch verboten werden, und das ist gut so.
treime 09.01.2019
4. Ähm...
Zitat von der_bestejeden und alles was in der Türkei passiert wird mit Erdo?an verknüpft um den Eindruck zu verschaffen, dass Erdo?an zu allem seinen Senf dazu gibt, involviert ist und kontrollieren will. Das ist an der Realität vorbei. Natürlich ist eine der jüngsten Gesellschaften in Europa in einem Wandel. In einem stärkeren Wandel als Deutschland. Da nutzt man die neueste Technologie und auch soziale Netzwerke. In der Türkei steht es jedem frei sein Leben so zu gestalten wie der Einzelne das mag!
Nein, eben nicht. Agierst Du politisch/journalistisch/aktivistisch gegen Erdogangs Politik, landest Du im Knast. Das ist Fakt. Wird Erdogans Politik/Machen(schaften) kritisiert - landet man im Knast. Also, der Normalotto kann sich da eben nicht wirklich frei bewegen/ dort frei leben. Und dennoch glaube ich, der Artikelk schiesst an der Realität vorbei. Istanbul ist nicht die Türkei. Die Realität sieht anders aus.
Milch-Mueller 09.01.2019
5. Nicht trotz sondern wegen Erdogan
Der Wandel der Türkei ist nicht aufzuhalten. Das ist auch gut so. Das Erdogan der Antreiber dieses Wandels ist, wird im Westen leider nicht wahrgenommen, bzw. nicht richtig dargestellt. Vergleicht man die Türkei von heute mit der von 20 Jahren, gibt es keinen Bereich, wo die Türkei sich nicht im Sinne des westlichen Wertesystems weiterentwickelt hätte. Um das aber richtig beurteilen zu können, muss man die Türkei und die dortigen Zustände vor der Jahrtausendwende kennen, um vergleichen zu können. Diese Gegenüberstellung der "alten" mit der heutigen Türkei wird aber leider in den westlichen Medien nicht gemacht. Natürlich hat die Türkei noch viele Defizite, unbestritten. Doch alles Erdogan anzulasten ist höchst unfair, da diese Defizite in der Demokratie, im Justizwesen etc. historisch gewachsene Probleme sind, mit der die Türkei schon seit Jahrzehnten ihre Probleme hat. Und sie lassen sich nicht heute auf morgen lösen. Aber in Gegensatz zu den früheren Machthabern hat Erdogan den Mut, Hand anzulegen um Veränderungen zu bewirken. Diese Leistung Erdogans ist es auch, die ihm diese Popularität im Land ( und auch im Ausland ) zukommen lässt.
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