Türkische Militärs in Griechenland Das Schicksal der Helikopter-Soldaten

Präsident Erdogan hält sie für Verräter, sie selbst hoffen auf Asyl in Griechenland: Die per Hubschrauber geflohenen Soldaten belasten das Verhältnis Athen-Ankara.

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Aus Alexandroupolis berichtet


Die acht türkischen Militärs geben ein trauriges Bild ab. Auf zwei Reihen verteilt, in Jeans, Hemd und Turnschuhen, sitzen sie in dem kleinen Gerichtssaal von Alexandroupolis. Die Anspannung ist ihnen anzusehen, kaum ein Wort wird gewechselt - und wenn, dann nur flüsternd. Als der Richter den Saal betritt, ist von einem der Soldaten ein langes Seufzen zu hören.

Es ist gar nicht der Ausgang dieses Verfahren, der ihnen Angst macht. Wegen Vergehen wie unerlaubter Grenzüberschreitung drohen in Griechenland vergleichsweise geringe Strafen. Ihre viel größere Sorge: Verwehren ihnen die Griechen das politische Asyl, werden sie in die Türkei abgeschoben.

Dort fürchten die acht Soldaten "eine Hinrichtung", wie Anwalt Ilia Marinaki SPIEGEL ONLINE sagte. Sogar im griechischen Gerichtssaal seien ihnen von nicht identifizierten Erdogan-Anhängern Beleidigungen entgegengeschleudert worden. Man habe sie als Hunde beschimpft, berichtet ein Gerichtssprecher nach der Verhandlung.


Video: SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Giorgos Christides aus Griechenland:

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Für die griechische Regierung ist der Fall der Soldaten, die am Samstag mitten im Putsch-Chaos mit einem Armeehubschrauber in Alexandroupolis gelandet sind, ein echtes Problem. Unter der Hand berichten Regierungsvertreter, dass Athen sie am liebsten sofort zurückschicken würde.

Das hat zwei Gründe:

  • Die griechische Regierung will unbedingt vermeiden, in die internen Spannungen des schwierigen Nachbarn Türkei hineingezogen zu werden. In der Ägäis kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen beiden Ländern, in der Vergangenheit stand man mehrmals kurz vor bewaffneten Auseinandersetzungen.
  • Stabilität in der Türkei ist entscheidend für die Bewältigung der Flüchtlingskrise. Bisher kontrolliert Ankara die Migrantenbewegungen in Richtung der griechischen Inseln. Die Befürchtung: Sollte Griechenland den Soldaten tatsächlich Asyl gewähren, könnte ein aufgebrachter Präsident Recep Tayyip Erdogan die Flüchtlinge wieder zu Zehntausenden über die Grenze ziehen lassen.

Verteidigungsminister Dimitris Vitsas ließ sich zuletzt zu der Aussage hinreißen, dass es "eine sehr starke Tendenz" hin zu einer Ausweisung gebe. Dies wurde ihm in Griechenland bereits als Beeinflussung der Behörden ausgelegt. Ein Regierungssprecher versuchte, diesen Eindruck im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zu revidieren. Vitsas habe sich nur auf die diplomatischen Implikationen des Falls bezogen. Natürlich könnten die Behörden unabhängig arbeiten.

Trotz dieser Beteuerungen scheint die Linie der griechischen Regierung klar: Die acht Türken sind keine Flüchtlinge, sondern uniformierte Offiziere, die in ihrem Land, einem Nato-Partner, die gewählte Regierung stürzen wollten. Erdogan selbst hat dem griechischen Präsidenten Alexis Tsipras eindeutig klargemacht, dass er die Soldaten wiederhaben will.

Bei den acht Männern handelt es sich um die Besatzung eines militärischen Rettungshubschraubers. Sie sind zwischen 1976 und 1982 geboren, unter ihnen befindet sich mindestens ein Major.

Will Erdogan ein Exempel statuieren?

Es scheint also, als ginge es Erdogan vor allem um eine symbolische Bestrafung vermeintlicher "Verräter" - und weniger um zentrale Figuren in dem gescheiterten Umsturzversuch. Ihre Anwälte schildern die Vorgänge an jenem schicksalhaften Freitagabend ohnehin so: Die Crew habe von einem Putsch nichts gewusst und nur die Anweisung befolgt, Verletzte von den Straßen Istanbuls zu retten. Ihr Hubschrauber vom Typ "Black Hawk" sei von türkischen Polizisten beschossen worden, sagten sie. Zur selben Zeit hätten sie auf ihren Telefonen Textnachrichten empfangen, dass ein Putsch im Gange sei.

Ihr weiteres Schicksal hängt nun von der Entscheidung der griechischen Asylbehörden ab. Diese arbeiten, ähnlich wie die deutschen, normalerweise äußerst langsam. Es scheint aber, als könnte in diesem besonderen Fall eine rasche Entscheidung bevorstehen. Wie SPIEGEL ONLINE aus Behördenkreisen erfuhr, laufen die Befragungen der Männer zu ihrem Asylgesuch bereits.

Ein weiteres Entgegenkommen soll es aber nicht geben. Griechenland will das Anliegen der acht Soldaten strikt nach den Regeln des Völkerrechts und der Abkommen zum Schutz der Menschenrechte prüfen. Per Gesetz sind die Asylbehörden in Griechenland unabhängig, eine weitere Beschleunigung scheint ausgeschlossen.

Ein mit dem Fall vertrauter Mitarbeiter der Behörden sagte SPIEGEL ONLINE: "Niemand kann von außen bestimmen, wann die Entscheidung fällt - und wie sie ausfällt."

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