Türkei Deutscher muss in Untersuchungshaft

Seit Freitag befindet sich Adil Demirci, Sozialarbeiter aus Köln, in der Türkei in Polizeigewahrsam. Nun hat ein Istanbuler Gericht nach SPIEGEL-Informationen Untersuchungshaft gegen ihn verhängt.

Istanbul
AP

Istanbul

Von , Istanbul


In der Türkei können Tatverdächtige bis zu zwei Wochen auf der Polizeiwache festgehalten werden, bevor sie an ein Gericht überstellt werden. Im Fall des Kölner Sozialarbeiters Adil Demirci, der am vergangenen Freitagmorgen in Istanbul festgenommen worden war, ging es nun sehr viel schneller: Am Dienstag sagte Demirci gegenüber der Istanbuler Staatsanwaltschaft aus. Noch am gleichen Tag verhängte ein Richter Untersuchungshaft gegen ihn. Das teilte seine Anwältin dem SPIEGEL mit.

Damit steht fest: Demirci, der einen deutschen und einen türkischen Pass besitzt, kommt auf unbestimmte Zeit ins Gefängnis. In der Türkei kann sich die Untersuchungshaft über mehrere Jahre erstrecken.

Der Fall Demirci dürfte die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei, die sich nach der Freilassung der JournalistenMesale Tolu und Deniz Yücel sowie des Menschenrechtlers Peter Steudtner gerade langsam wieder normalisiert hatten, erneut belasten.

Verdacht auf Mitgliedschaft in einer Terrororganisation

Demirci, 33 Jahre alt, hat als Berater für einen Verein in Nordrhein-Westfalen, der sich um Migranten kümmert, und nebenbei für die linke Nachrichtenagentur Etha gearbeitet, für die auch Mesale Tolu geschrieben hat. Er war gemeinsam mit seiner krebskranken Mutter für einen Kurzurlaub bei Verwandten in Istanbul.

Am frühen Freitagmorgen vergangener Woche wurde die Familie von einem lauten Knall aus dem Schlaf gerissen. Polizisten mit Masken und Waffen stürmten die Wohnung. Sie durchwühlten Schubladen und Schränke, nahmen Demirci fest und brachten ihn auf die Polizeiwache in der Istanbuler Vatan Straße. Dort werden in der Regel Terrorverdächtige festgehalten.

Zunächst war unklar, was genau Demirci vorgeworfen wird. Das Auswärtige Amt in Berlin teilte in einer ersten Stellungnahme mit, mit der Familie in Kontakt zu sein, aber nicht zu wissen, ob die Festnahme politisch motiviert war.

Der Richter nannte nun den Verdacht auf Mitgliedschaft in einer Terrororganisation und Terrorpropaganda als Grund für die Untersuchungshaft. Demircis Anwältin sagte dem SPIEGEL, die Behörden bezichtigen ihren Mandanten, Mitglied der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) zu sein, die vom türkischen Staat als Terrororganisation eingestuft wird. Demirci wird offenbar zur Last gelegt, dass er in den Jahren 2013, 2014 und 2015 an der Beerdigung von drei MLKP-Mitgliedern teilgenommen hat, die auf Seiten der kurdischen Miliz YPG in Syrien gekämpft hatten.



insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hugahuga 17.04.2018
1.
Wie wir alle gelernt haben, hat sich die deutsche Bundesregierung und leider auch die angeschlossenen Regierungspresse wenig daran gestört, dass Erdogan gegen das Völkerrrecht verstieß, als er in Syrien einfiel und in Afrin Bombardierungen durchführen ließ. Auch die Tatsache, dass er ethnische Säuberungen betreibt und Araber dort ansiedeln will, wo set eh und je Kurden lebten, störte hier anscheinend kaum jemanden. Allein Herr Yücel - wahrscheinlich durch sein Arbeitsverhältnis bei der "Welt" schaffte es, die Bundesregierung einzuspannen. Schon bei Frau Tolu war das in sehr viel geringerem Maß der Fall. Will sagen - es ist kaum anzunehmen, dass man sich hier wegen eines Sozialarbeiters aus fem Fenster lehnen wird. Herr Demirci hat das Pech, nicht für eine diese Regierung unterstützende Organisation zu arbeiten. Und im übrigen gilt wohl noch immer - Merkel hat eine Heidenangst davor, dass Erdogan ausrastet und die Schleusen öffnet. Sie ist nach wie vor nicht in der Lage, auch nur annähernd die Agenda zu bestimmen. sie ist eine Getriebene - die abwartet, zu welchen Regungen die Herren Erdogan, Trump und nun auch noch Macron sich hinreißen lassen. Führung sieht anders aus.
vubra 17.04.2018
2. Der Sultan ist der Megalomanie verfallen.
Der Sültan ist der Megalomanie verfallen. Leider hat dieses Leiden schon immer unter Politikern geherrscht, bei manchen wurde daraus die Lunte zum nächsten Weltkrieg. Und auch hier sehe ich diese bereits am glimmen. Es wäre Ratsam in Zukunft Politiker vor Amtsantritt vom Amtsarzt überprüfen zu lassen damit man solche Krankheiten im Vorfeld heilen kann ohne die Welt zu zerstören.
womo88 17.04.2018
3. Manche lernen es nicht!
Wer heutzutage als Deutscher noch in die Türkei reist, nimmt billigend in Kauf, dass er dort ein Jahr oder länger kostenlos bzw. auf Staatskosten leben darf, vor allem dann, wenn derjenige außer seinem deutschen auch noch einen türkischen Pass besitzt. Die Türkei ist zu einem Land der Wegelagerer und Geiselnehmer geworden mit Chef Erdogan. Das ist doch nun mehrfach bekannt geworden. Bei so viel Dummheit hält sich mein Mitleid in Grenzen. Man kann ja mal darüber nachdenken, was in der Türkei nicht stimmt, wenn eine türkische Delegation in Deutschland Cem Özdemir als Terroristen bezeichnet und fordert, dass er das Hotel verlassen müsse. Die haben doch nicht mehr alle Latten am Zaun!
hh-eimsbüttler 17.04.2018
4. Erdogan braucht wohl wieder Verhandlungsmasse.
Es ist schon seltsam wie blauäugig Deutsche in die Türkei in Urlaub fahren. Das ärgerliche ist nur das unsere Regierung jetzt wieder auf irgendeine Weise Lösegeld oder Addäquates zahlen muß.
zeichenkette 17.04.2018
5. Klar
Er wird letztlich nach einem Jahr Untersuchungshaft oder so wieder freigelassen werden, weil die Teilnahme an einer Beerdigung auch in der Türkei des Jahres 2018 nicht strafbar ist. Bis dahin ist er aber sowohl Verhandlungsmasse als auch Abschreckung für andere. Der Ausnahmezustand in der Türkei macht es möglich. Wenn die Bundesregierung und die EU aber schlau genug gewesen wären, die Aufhebung es Ausnahmezustands zur Voraussetzung für die Verhandlungen über die Visafreiheit zu machen, sähe das vielleicht anders. Bloss: Das wollen die auch wieder nicht. Letztlich lehnen sich da alle gegeneinander und es sind richtige, einzelne Menschen, die dazwischen zerquetscht werden. Und nicht vergessen: Auch in Frankreich herrscht noch der Ausnahmezustand und in Deutschland ist er nur einen Terroranschlag weit entfernt. Die warten nur drauf...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.