Syrien-Konflikt: Türkei droht Assad mit Intervention

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Schüsse an der Grenze und immer massivere Drohungen: Der Konflikt zwischen der Regierung in Ankara und dem Regime in Damaskus droht zu eskalieren. Die Türkei bereitet sich auf eine mögliche Intervention in Syrien vor. Ihre Soldaten könnten eine Schutzzone für Assads Gegner einrichten.

Premier Erdogan (Archivbild): Türkei will "alle nötigen Schritte" unternehmen Zur Großansicht
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Premier Erdogan (Archivbild): Türkei will "alle nötigen Schritte" unternehmen

Sie hörten Schüsse, die aus Syrien herüberschallen, erzählen die Flüchtlinge. Sie wüssten, wo sich Scharfschützen verstecken, erzählen die Nachschub-Schmuggler. Sie hätten Sprengfallen entschärft, die das Regime gelegt habe, erzählen Widerstandskämpfer.

Bislang markierte die Grenze zwischen Türkei und Syrien für Flüchtlinge, Aktivisten, Kämpfer den Übergang von Gefahr zu Schutz. Auf der türkischen Seite der Grenze waren sie weitgehend in Sicherheit, auch wenn Häscher des Assad-Regimes immer wieder versuchten, desertierte Offiziere zu entführen und Oppositionelle im Ausland zu jagen. Über 24.000 Syrer retteten sich bislang ins nördliche Nachbarland, und niemand weiß, wie viele noch kommen.

Am Ostermontag dann, am Tag vor der eigentlich vereinbarten Waffenruhe zwischen Regime und Rebellen, peitschten Schüsse aus Syrien herüber in die Türkei, offenbar gezielt abgegeben auf ein Flüchtlingslager. Zwei Syrer und zwei Türken wurden verletzt. Eine "klare Grenzverletzung", klagte der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan - doch es ist viel mehr als das: Der Zwischenfall liefert der türkischen Regierung ein weiteres Argument, selbst einzugreifen und eigene Soldaten zu schicken, um eine Schutzzone im Norden Syriens einzurichten. Es droht die Eskalation. Allerdings wird der Nato-Staat Türkei mit dem zweitgrößten Heer im westlichen Bündnis kaum ohne internationale Unterstützung intervenieren.

"Jeden Tag tötet er 60, 70, 80, 100 Menschen"

Verbal jedenfalls lässt sich kaum noch weiter aufrüsten. Von China aus verdammte Erdogan das syrische Regime, es lasse Frauen und Kinder hinterrücks erschießen. Er griff Baschar al-Assad, den er noch vor wenigen Jahren einen Freund genannt hatte, scharf an: "Jeden Tag tötet er 60, 70, 80, 100 Menschen", sagte Erdogan. Und der Premier drohte erneut, die Türkei werde alle nötigen Schritte unternehmen. Seinen Außenminister schickte er bereits zurück aus China.

Wie genau die "Schritte" aussehen, die Erdogan androht, lässt er offen. Er spricht davon, künftig so zu reagieren, "wie andere Staaten auf solche Verletzungen in der Vergangenheit reagiert haben". Aber es ist klar, dass er damit die Einrichtung einer Pufferzone im Norden Syriens meint.

Seit Monaten verstärkt die Türkei ihre Grenztruppen. Immer wieder sprachen Erdogan und seine Berater öffentlich darüber, einen Schutzkorridor im Grenzgebiet zu schaffen. Eine solche Zone würde, abgesichert von türkischen Soldaten, syrischen Zivilisten Schutz bieten und potentielle Deserteure in Assads Truppen zur Fahnenflucht ermutigen, das ist die Idee. In mehreren Zeitungsberichten heißt es, die Vorbereitungen dafür seien abgeschlossen. Erst in der vergangenen Woche hatte Erdogans Nahost-Berater im "Wall Street Journal" bestätigt, dass es solche Pläne gibt und sich die Türkei darauf vorbereite, sie umzusetzen - sollte der Syrien-Konflikt die nationale Sicherheit seines Landes bedrohen.

Die Türken fürchten eine Zuspitzung des Kurden-Konflikts

Damit waren nicht nur der Flüchtlingsstrom und die gespannte Lage an der Grenze gemeint, die Erdogans Regierung Sorgen machen und sie zur Intervention treiben könnte. Es ist auch die Angst, der Konflikt mit den Kurden könnte sich weiter zuspitzen. Es mehren sich die Anzeichen, die Kurdische Arbeiter Partei (PKK) und das syrische Regime würden wieder enger zusammenarbeiten. Erst im März hatte ein türkischer Diplomat genau das als Grund für einen möglichen Militäreinsatz genannt.

Einem "Time"-Reporter erzählten syrische Kurden, die gegen Assad demonstrierten und in die Türkei flohen, die PKK würde Proteste gegen das Regime zerschlagen und Oppositionelle bedrohen. Es heißt zudem, Assads Truppen würden die PKK gewähren lassen und sie unterstützen - ein taktisches Bündnis, das bereits vor Jahren erprobt wurde. In den neunziger Jahren beherbergte Syrien den PKK-Chef Abdullah Öcalan und ließ seine Kämpfer in Ausbildungslagern an der Grenze trainieren. Syrien schickte Öcalan erst fort, als die Türkei mit einem Angriff drohte.

Auf die türkischen Drohungen antwortete am Dienstag der syrische Außenminister Walid al-Muallem: Die Türkei sei selbst Teil des Problems, weil sie bewaffnete syrische Gruppen unterstütze, sagte er. "Sie geben ihnen Waffen, helfen beim Aufbau von Lagern und unterstützen sie dabei, illegal auf syrisches Gebiet zu gelangen." Das stimmt allerdings nur zum Teil: Die türkische Regierung unterstützt die Opposition humanitär und politisch.

Die Türkei nimmt Tausende Flüchtlinge auf, duldet den Schmuggel mit Hilfsgütern und Medikamenten, ließ den oppositionellen Syrischen Nationalrat ein Büro in Istanbul eröffnen und beherbergt übergelaufene Offiziere. Sie betreibt offensiv den Sturz Assads und duldet es, dass seine Gegner das Grenzgebiet als Rückzugsraum nutzen. Doch ob auch Waffen über die Türkei ins Land gelangen, dafür gibt es keine Beweise. Widerstandskämpfer und Aktivisten sagen, sie würden ihr militärisches Gerät eher über den Libanon beziehen oder im Gefecht erobern.

Ob die Türkei es wirklich wagt, in Syrien einzugreifen, ist fraglich, zumal es sich Erdogan mit Iran nicht verderben will. Doch deeskalierend klingt es nicht, wenn Erdogan sagt, die Türkei wolle keinen Militäreinsatz in Syrien. Denn er sagt auch: Nur das Verhalten des syrischen Regimes könne dazu führen.

Mit Material von Reuters und dpa

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insgesamt 93 Beiträge
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1. Es kann beginnen!
canizmirli 10.04.2012
Assad sollte sich warm anziehen. Er hat es herbeigesehnt. Die Türkei hat eh noch eine Rechnung mit Syrien offen!
2. Heureka
axiom 10.04.2012
Go, Türkiye go!
3.
Mimimat 10.04.2012
Zitat von canizmirliAssad sollte sich warm anziehen. Er hat es herbeigesehnt. Die Türkei hat eh noch eine Rechnung mit Syrien offen!
Fragt dich nur, ob der Verteidigungsfall eintritt, wenn die Türkei wegen anhaltender Grenzverletzungen zurückschlägt. Das würde dann wieder die NATO auf den Plan rufen, was mich dann wiederum etwas stutzig machen würde. Kriegsbeginn wegen anhaltender Grenzverletzungen? Gab es das nicht schon mal etwas weiter nordwestlich?
4. Genial...
yolander 10.04.2012
Die Rechnung geht auf...,sollte die Türkei militärisch intervenieren. geht bei der NATO das grüne Licht an.
5. kein Titel
alexander_demontfort 10.04.2012
...Hunde die bellen beißen nicht...
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Syrien: Schlepper unter Lebensgefahr

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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