Folgen des Putsches Türkische Offiziere beantragen Asyl in den USA

Aus Furcht vor Gefängnis, weil sie angeblich den Militärputsch befürworteten, haben mehr als zwei Dutzend türkische Offiziere in den USA Asyl beantragt. Sie waren dort auf Posten - und wollen nun auf gar keinen Fall zurück in ihre Heimat.

Ankara nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli
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Ankara nach dem gescheiterten Putschversuch im Juli

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Mehr als zwei Dutzend türkische Offiziere im Nato-Hauptquartier Norfolk, Virginia, in den USA weigern sich, nach Ende ihrer Dienstzeit dort in die Türkei zurückzukehren. Sie haben in den USA Asyl beantragt, weil ihnen bei einer Rückkehr in die Türkei Gefängnis drohe. Man beschuldige sie in ihrer Heimat fälschlicherweise, am gescheiterten Putschversuch in der Türkei am 15. Juli 2016 beteiligt gewesen zu sein, beziehungsweise Kontakte zu den Hintermännern des Coups gehabt zu haben, berichtet "National Public Radio" (NPR) in den USA.

Bei den Asylsuchenden handelt es sich demnach um Heeres-, Luftwaffen- und Marineoffiziere vom Dienstgrad Major und Korvettenkapitän aufwärts. Einige von ihnen seien bereits seit drei Jahren in den USA stationiert. Erfahren hatten sie von den drohenden Festnahmen durch Verwandte in der Türkei. Auf Angehörige werde bereits Druck ausgeübt, heißt es in dem Bericht. "Ich habe gestern mit meinem Bruder telefoniert. Er sagte mir, Polizisten wären gekommen, um mich zu verhaften", zitiert NPR einen Soldaten. "Wäre ich jetzt in der Türkei gewesen, wäre ich festgenommen worden." Er befürchte, dass auch Angehörige ins Gefängnis gesteckt werden könnten.

Ein anderer Offizier berichtete, er habe gerade seinen Masterabschluss in den USA gemacht und sich zum Zeitpunkt des Putschversuches bereits auf dem Nato-Posten befunden. Ankara beschuldigt vor allem die Gülen-Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, den Putschversuch geplant und durchgeführt zu haben. Gülen lebt im selbst auferlegten Exil im US-Bundesstaat Pennsylvania. Die Türkei verlangt von den USA dessen Auslieferung, die US-Regierung unter Präsident Barack Obama hat sich dem widersetzt.

Keine Beweise für Täterschaft

NPR berichtet, die Türkei habe von mehreren Dienststellen der Nato im Ausland Material von Überwachungskameras verlangt, das die türkischen Offiziere an ihren Arbeitsplätzen zwischen dem 15. und dem 20. Juli zeige. Offensichtlich sollten die Videos verwendet werden, um eine Beteiligung der Soldaten am Coup nachzuweisen. Aber die Nato habe der türkischen Regierung das Material nicht zur Verfügung gestellt.

Seit dem gescheiterten Umsturzversuch ließ Präsident Recep Tayyip Erdogan mehr als 100.000 Beamte von ihren Posten entfernen, viele davon festnehmen, darunter nicht nur Militärs, sondern auch Polizisten, Lehrer, Richter und Staatsanwälte, denen Nähe zur Gülen-Bewegung nachgesagt wird. Beweise für eine Täterschaft der Gülen-Bewegung blieb die türkische Regierung bislang jedoch schuldig. Erst am Mittwoch sind in der Türkei wieder 2000 Lehrer vom Dienst suspendiert worden.

Alle von NPR befragten Offiziere betonten, nichts mit dem Putsch zu tun zu haben. Aber weil sie Englisch beherrschten und im Ausland lebten, gälten sie automatisch als verdächtig. Sie berichteten von Kameraden, die bei ihrer Rückkehr in die Türkei festgenommen wurden. Einer sagte, er kenne "mehr als 50 Offiziere", die in der Türkei im Gefängnis säßen. Sie selbst würden keinen Sold mehr erhalten und seien nun auf die Unterstützung durch die USA angewiesen.

Spannungen zwischen Türkei und USA verschärfen sich

Aus Furcht vor Repressionen gegen Angehörige wollte keiner der Betroffenen namentlich genannt werden. Ein türkischer Offizier, der zurzeit in Europa stationiert ist, bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass es "mehrere Asylgesuche auch in den USA" gebe. Die Spannungen zwischen den USA und der Türkei dürften damit zunehmen. Washington will Ankara allerdings in der Koalition im Kampf gegen den "Islamischen Staat" halten. Amerikanische Kampfjets nutzen für ihre Einsätze in der Region den türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik.

Anfang Dezember war bekannt geworden, dass auch in Europa mehrere türkische Offiziere, die an Nato-Standorten ihren Dienst versahen, nicht in die Türkei zurückkehren wollten. Auch sie hatten, weil sie ins Visier der Regierung in Ankara geraten waren und beschuldigt wurden, in den Putschversuch verstrickt zu sein, Asyl beantragt. Dutzende Offiziere waren dem Befehl des türkischen Generalstabs, mit sofortiger Wirkung in die Heimat zurückzukehren, nicht gefolgt. Von der Order waren nach Informationen des SPIEGEL etwa 150 der 300 türkischen Soldaten betroffen, die in Nato-Hauptquartieren in Belgien, Italien und den Niederlanden stationiert sind, zudem mehrere Militärattachés an türkischen Botschaften.



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