Türkei Entsetzen über Mord an kritischem Journalisten

Das Attentat auf den prominentesten Vertreter der armenischen Minderheit in der Türkei sorgt europaweit für Entsetzen. In Istanbul kam es zu spontanen Protesten, Ministerpräsident Erdogan verurteilte den Mord. Auch die EU zeigte sich geschockt.


Istanbul - Die tödlichen Schüsse fielen, als Hrant Dink das Gebäude seiner Wochenzeitung "Agos" in Istanbul verlassen wollte. Die Kugeln trafen den prominentesten Vertreter der armenischen Minderheit in der Türkei in Hals und Kopf. Der 52-jährige Journalist und Herausgeber war auf der Stelle tot. Sicherheitskräfte nahmen auf der Suche nach dem Täter zwei Verdächtige fest.

Der Mord rief in der Türkei und in Europa Entsetzen hervor. Nach dem Anschlag kam es in Istanbul auf der Straße zu spontanen Protesten. Mit erhobenen Fäusten skandierten Dutzende von Menschen: "Es lebe die Brüderlichkeit der Völker", "Die Mörder werden Rechnung ablegen" oder "Leute wie Hrant sterben nicht". Gleich nach Bekanntwerden war eine große Menschenmenge am Ort des Attentats zusammengeströmt. In der Türkei sah sich der Journalist seit längerem Anfeindungen nationalistischer Kreise ausgesetzt.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte den Mordanschlag, sprach von einem Angriff auf die Einheit der Türkei und sicherte zu, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. "Auf die Freiheit des Denkens und unser demokratisches Leben sind Kugeln abgefeuert worden", sagte der Regierungschef. "Unsere Trauer ist groß". Die Regierung werde alles daran setzen, die Täter und möglichen Hintermänner so schnell wie möglich zu fassen.

"Ich bin schockiert und sehr traurig"

EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn würdigte Dink als respektierten Denker und einen Streiter für die Meinungsfreiheit in der Türkei. "Ich bin schockiert und sehr traurig über diesen brutalen Akt der Gewalt." Die Behörden müssten alles tun, um das Verbrechen aufzuklären.

Das tödliche Attentat dürfte die politischen Spannungen in der Türkei erhöhen, die einen Beitritt zur Europäischen Union (EU) anstrebt. "Hrant war ein perfektes Ziel für diejenigen, die die Demokratisierung der Türkei und den Weg in Richtung EU blockieren wollen", sagte "Agos"-Redakteur Aydin Engin. Im vergangenen Jahr erhielt Dink als Sprachrohr für die armenische Minderheit den Henri-Nannen-Preis für Pressefreiheit.

Wegen eines Artikels über armenische Identität war Dink wegen "Beleidigung des Türkentums" zu einer Haftstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Das Urteil war im vergangenen Jahr vom obersten Gericht der Türkei bestätigt worden. Wegen desselben Delikts drohte dem Journalisten ein weiterer Strafprozess, nachdem er die Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg in einem Interview als Völkermord bezeichnet hatte.

Das Ergebnis der Armenier-Vertreibungen im Osmanischen Reich spreche für sich, hatte Dink in dem Interview gesagt: "Wir sehen, dass ein Volk, das 4000 Jahre auf diesem Boden gelebt hat, ausgemerzt worden ist." Der Anklage lag der von der EU als Einschränkung der Meinungsfreiheit in der Türkei heftig kritisierte Paragraf 301 zu Grunde, der für Beleidigung des Türkentums Haftstrafen von bis zu drei Jahren vorsieht.

Wegen dieses Paragrafen waren in der Türkei auch der Literaturnobelpreisträger von 2006, Orhan Pamuk, und die Schriftstellerin Elif Shafak vor Gericht gestellt worden. Das Verfahren gegen Pamuk war eingestellt, Shafak freigesprochen worden. Beide hatten sich mit der Frage eines Völkermordes an den Armeniern auseinandergesetzt - ein Vorwurf, der von der Türkei heftig bestritten wird und noch heute weitgehend ein Tabu-Thema ist.

Der Völkermord an Armeniern ist ein politisch hoch sensibles Thema in der Türkei. Der Vorläufer der heutigen Türkei, das Osmanische Reich, hatte zwischen 1915 und 1923 Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern begangen. Die Türkei bestreitet die Vorwürfe. Sie räumt zwar ein, dass tausende Armenier von Soldaten des Osmanischen Reiches getötet wurden. Zugleich macht sie geltend, dass Armenier und ihre russischen Verbündeten auch Massaker an Türken und Kurden verübt hätten.

hen/dpa/AP/Reuters/AFP



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