Erdogan in Soma "Warum rennst du weg, du israelische Brut?"

Der Besuch des Premiers Erdogan in der türkischen Bergarbeiterstadt Soma war von wütenden Protesten begleitet. Jetzt wird bekannt, wie ungehalten der Politiker reagierte: Er beleidigte einen Mann offenbar mit einem antiisraelischen Wutausbruch. Das mutmaßliche Opfer spielt den Vorfall herunter.

REUTERS

Soma/Hamburg - Der Umgang mit den Hinterbliebenen des Grubenunglücks von Soma wird für die türkische Regierung zum PR-Desaster. Zuerst ging das Bild von Yusuf Yerkel um die Welt, einem Berater von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der in Soma auf einen am Boden liegenden Demonstranten eintrat.

Nun sind Videos aufgetaucht, die auch das Verhalten des Regierungschefs selbst in ein schlechtes Licht rücken. Die Aufnahmen zeigen, wie Erdogan während seines Besuchs an dem Unglücksort am Mittwoch in einen Supermarkt flüchten musste. Zuvor hatte der Premier die Angehörigen der verschütteten Bergleute mit der lakonischen Aussage erbost, dass Minenunglücke seit dem 19. Jahrhundert in Großbritannien passierten.

Am Eingang zum Supermarkt stellen sich mehrere Menschen Erdogan in den Weg. Unter ihnen sind eine Frau, die schnell zur Seite gezogen wird, sowie ein junger Mann in einem blauen T-Shirt. Erdogan packt den Jungen mit seiner linken Hand im Nacken und brüllt ihn an: "Warum rennst du weg, du israelische Brut?", sagt Erdogan offenbar. Ganz genau ist der Ministerpräsident nicht zu verstehen. Möglicherweise sagt er auch: "Was rennst Du weg, du sagtest doch ich soll abtreten!" Anschließend lässt der Politiker den Mann los und versetzt ihm einen leichten Schlag mit der linken Hand.

Schlagopfer fordert Entschuldigung

Bei dem Mann, mit dem Erdogan aneinandergeriet, soll es sich um Taner Kuruca handeln. Er sagte dem Fernsehsender Kanal D, dass er gar nicht gegen den Regierungschef protestieren, sondern in dem Supermarkt einkaufen wollte. Er nimmt Erdogan in Schutz: "Ich glaube nicht, dass der Ministerpräsident das absichtlich getan hat. Ich werde ihn auch nicht verklagen, erwarte aber eine Entschuldigung."

Die antiisraelische Beleidigung des Premiers ist nur der jüngste Ausdruck der drastisch verschlechterten Beziehungen zwischen Ankara und Jerusalem. In den vergangenen Jahren hat sich das Verhältnis zwischen beiden Staaten deutlich abgekühlt, Erdogan warf Israel unter anderem Staatsterror und einen Genozid an den Palästinensern vor.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 66 Beiträge
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fatherted98 16.05.2014
1. Scheinbar...
...ist Erdogan nicht mehr ganz zurechnungsfähig. Finde ich gut...soll an der Macht bleiben...er ist eines der wichtigsten Argumente gegen ein Aufnahme der Türkei in die EU.
SchmidtPe 16.05.2014
2. Die Türken haben ihn schließlich gewählt
Wer wissen wollte wer Erdogan ist, konnte es schon lange wissen. Er hat sich immer wieder selbst verraten. Die Türken aber scheint es nicht zu kümmern...
donbilbo 16.05.2014
3.
Es scheint eine zutiefst verankerte kulturelle Eigenart zu sein, immer einen "Gesamtschuldigen" benennen zu müssen. In diesem Fall ist für die Bergleute am Grubenunglück Erdogan höchstpersönlich schuld. Die Wut gegen ihn liesse vermuten, er habe die Grube selbst zugeschüttet oder sei der Besitzer dieser Mine. Vielleicht sind aber auch einfach alle Kumpel die unter diesen Bedingungen malocht haben, all die Vorarbeiter, Minenbetreiber und nicht zuletzt die garantiert mit Bakschisch zum Schweigen gebrachten Sicherheitskontrolleure an dem Unglück "schuld".
danubius 16.05.2014
4. Ruhig immer weiter so!
Dies ist der beste Bären-Dienst, den Erdogan national und international der Türkei tun kann - Chapeau!
schobo 16.05.2014
5. Wegen eines blauen T-Shirts?
Was hat es denn mit dem blauen T-Shirt auf sich? Ich verstehe nicht, welche Relevanz die Farbe des T-Shirts für die Aggression des Erdogans hat. Wieso bezeichnet er den jungen Mann als israelische Brut? Es wäre schön, wenn da ein wenig mehr Infos vorhanden wären. Ansonsten ist es doch langsam leine Nachricht mehr wert. Hier hat doch schon der letzte verstehen müssen, dass dieser Erdogan mehr Krimineller als Politiker ist. Viel wichtiger wäre doch, dass die Menschen in der Türkei sich eine entsprechende Meinung bilden (können). Hier jedenfalls langweilt langsam die tägliche Ration Erdogan-Fettnäpfchen...
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