Gastbeitrag in der "New York Times" Erdogan droht USA mit Ende der Partnerschaft

Mit einer Verdopplung der Strafzölle hat Donald Trump die Wirtschaftskrise in der Türkei angeheizt. Deren Präsident Recep Tayyip Erdogan warf der US-Regierung Rücksichtslosigkeit und Alleingänge vor - die Partnerschaft sei in Gefahr.


Der Niedergang der türkischen Wirtschaft setzt Präsident Recep Tayyip Erdogan enorm unter Druck. US-Präsident Donald Trump hat die Krise zusätzlich befeuert, indem er eine Verdoppelung der Sonderzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei angeordnet hat. Erdogan reagierte nun in einem Gastbeitrag für die US-Zeitung "New York Times" und hat die USA vor einem Ende der Partnerschaft mit seinem Land gewarnt.

"Wenn die Vereinigten Staaten die Souveränität der Türkei nicht respektieren und beweisen, dass sie die Gefahren, denen unsere Nation ausgesetzt ist, verstehen, könnte unsere Partnerschaft in Gefahr sein", schrieb Erdogan in dem am Freitagabend veröffentlichten Meinungsbeitrag.

Der türkische Präsident forderte, Washington müsse "die fehlgeleitete Vorstellung aufgeben, dass unsere Beziehung asymmetrisch" sei. Die Türkei habe "Alternativen". Erdogan warf der Regierung von US-Präsident Trump Rücksichtslosigkeit und Alleingänge vor. "Wenn wir diesen Trend des Unilateralismus und der Respektlosigkeit nicht umkehren, werden wir uns auf die Suche nach neuen Freunden und Verbündeten machen müssen", schrieb der türkische Präsident.

Erdogan orientiert sich schon seit Längerem in Richtung Moskau, obwohl die Türkei Nato-Mitglied ist.

Erdogan vergleicht Putsch mit dem 11. September 2001

Hintergrund der aktuellen Eskalation zwischen Washington und Ankara ist der Streit über den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson. Die USA fordern die Freilassung Brunsons und weiterer amerikanischer Staatsbürger. Türkische Ermittler werfen dem US-Pastor Verbindungen zum Prediger Fethullah Gülen vor. Brunson weist die Vorwürfe zurück.

In dem Gastbeitrag kritisiert Erdogan die Weigerung der Trump-Regierung scharf, den türkischen Prediger Gülen auszuliefern. Dieser lebt in Pennsylvania. Gülen steht nach Darstellung Erdogans hinter dem Putschversuch in der Türkei vor zwei Jahren. Erdogan schrieb nun, der Putschversuch in der Türkei 2016 ähnele dem, "was das amerikanische Volk zweifellos nach Pearl Harbor und den Angriffen vom 11. September erlebt habe".

Erdogan verwies in seinem Beitrag auch auf gemeinsame Militäraktionen der USA und der Türkei, etwa in Afghanistan. Die Türkei ist seit 1950 Nato-Partner der USA. Die türkische Luftwaffenbasis in Incirlik wird von US-Streitkräften genutzt.

Trumps Tweet ließ Lira auf Rekordtief absacken

Trotz der langen Zusammenarbeit hätten es "die Vereinigten Staaten wiederholt und konsequent versäumt, die Bedenken der türkischen Bevölkerung zu verstehen und zu respektieren", schrieb Erdogan nun. "Und in den letzten Jahren wurde unsere Partnerschaft durch Meinungsverschiedenheiten auf die Probe gestellt. Leider haben sich unsere Bemühungen, diesen gefährlichen Trend umzukehren, als sinnlos erwiesen."

Nachdem US-Präsident Trump am Freitag die Verdoppelung der Sonderzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei angeordnet hatte, sackte die Lira auf ein Rekordtief ab. Für einen Dollar wurden zeitweise 6,87 Lira fällig, zu Monatsbeginn mussten weniger als 5 Lira für einen Dollar ausgegeben werden. "Unsere Beziehungen zur Türkei sind derzeit nicht gut", twitterte Trump. Er verwies ausdrücklich darauf, dass die Lira "schnell gegenüber unserem sehr starken Dollar abrutscht!"

Bereits am Freitag hatte das türkische Außenministerium Vergeltung angekündigt. Verantwortung für den dramatischen Absturz der Lira übernahm Erdogans Regierung bislang nicht. Der Präsident sprach bei öffentlichen Auftritten von "Wirtschaftsmanipulationen" und sogar von einem "Wirtschaftskrieg" gegen die Türkei. Er rief die Bevölkerung dazu auf, Dollar und Euro in Lira umzutauschen. Solidarität werde die wichtigste Reaktion auf den Westen sein. Die Krise sei "künstlich".

Trumps Strafzollankündigung platzte genau in eine Rede des türkischen Finanzministers Berat Albayrak. Er hatte am Freitag ein Maßnahmenpaket vorgelegt, mit dem die Regierung die angeschlagene Wirtschaft in der Türkei sanieren will. Der Minister beteuerte , dass die Regierung eine "unabhängige Geldpolitik" voll unterstützen werde. Die Regierung wolle das Vertrauen in die Lira stärken und werde die Inflation effektiv bekämpfen. Wie genau das geschehen soll, ging aus der Präsentation nicht hervor. Die Rede überzeugte Investoren nicht.

Albayrak ist der Schwiegersohn Erdogans, der im Frühjahr eine stärkere Einflussnahme der Regierung auf die Zentralbank angekündigt hatte - also das Gegenteil einer unabhängigen Geldpolitik. Erdogan lehnt Zinserhöhungen ab, um die Inflation zu bekämpfen, die inzwischen die 15-Prozent-Marke überstiegen hat. Mit dieser Haltung widerspricht er diametral der gängigen Wirtschaftslehre.

Vom Lira-Verfall betroffen ist vor allem der Bankensektor. Einem Medienbericht zufolge sorgt sich inzwischen auch die Europäische Zentralbank (EZB) um Bankhäuser mit starkem Engagement in der Türkei. Vor allem Großbanken wie die spanische BBVA, die französische BNP Paribas und die italienische Unicredit stünden deshalb unter besonderer Beobachtung, berichtete die "Financial Times" unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen.

Wie sich der Lira-Verfall auf Deutschland auswirken könnte, lesen Sie hier.

Videoanalyse zu Rekordtief: "Anzeichen für eine existenzielle Krise"

SPIEGEL ONLINE

mmq/dpa/Reuters



insgesamt 201 Beiträge
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sven2016 11.08.2018
1.
Klappt doch. Putin hätte die Türkei gerne als Partner in der zentralasiatischen Sicherheitsgruppe, zusammen mit Afghanistan, Iran, den Ex-Sowjetrepubliken und dem Irak. Und Trump liefert. Der ist das Geld wert.
klawoll 11.08.2018
2. Cui bono?
Türkei evtl. bald kein Nato Mitglied mehr? Wer hätte am meisten etwas davon? Man muss sich doch langsam wirklich Fragen welches Ziel Trump mit seinem undiplomatischen Kurs verfolgt. Falls er denn überhaupt weiß was er da macht.
jwcotton 11.08.2018
3. Zwei Dumpfbacken streiten
Man wüßte nicht wer von beiden dümmer und schädlicher ist. So gesehen bin ich neutral. Es würde der Welt ein bisschen besser gehen, wenn beide menschenverachtenden Machtfiguren Geschichte sind.
gesell7890 11.08.2018
4. Mein Gott,
kann dieser Erdogan noch was anderes, als Blödsinn reden? Merkt er nicht, daß er sich lächerlich macht mit seinem dauernden Hin- und Herpendeln zwischen Möchtegernherrscher der Welt und plärrendem Kleinkind, dem man das Schäufelchen weggenommen hat? Ein Satz warme Ohren könnt ihm helfen!
tomdabassman 11.08.2018
5. Die NATO-Karte
Daß er wie erwartet diesen Trumpf ausgerechnet in der NYT ausspielt, wird Trump mal wieder zur Weissglut bringen. Allein, der Trumpf sticht nicht. Des Sultans osmanisches Reich ist in weiter Ferne, und sonst bliebe ihm nur noch Putin. Das wird er aber kaum ernsthaft anstreben. Es bleibt spannend.
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