Erdogans Bildungspolitik Zurück ins Osmanische Reich

Der türkische Staatschef Erdogan sieht sich als Verteidiger des Islam und alter Werte: Schüler sollen Osmanisch lernen, die Vorgängersprache des modernen Türkisch - ohne lateinische Buchstaben.

Erdogan: Zurück ins Osmanische Reich
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Erdogan: Zurück ins Osmanische Reich

 Von , Istanbul


Rückbesinnung auf alte Größe und alte Werte - das ist der Kurs des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Schüler in der Türkei sollen künftig wissen, wie groß und mächtig das Osmanische Reich einmal war. Dazu sollen sie erst einmal wieder das osmanische Türkisch lernen, das einst gesprochen und mit arabischen Schriftzeichen geschrieben wurde.

Erdogan will Osmanisch zum Pflichtfach machen, vorerst an den Imam-Hatip-Schulen, die vor allem auf religiöse Erziehung Wert legen. "Ob sie [die Kritiker; Anm. d. Red.] es wollen oder nicht, diese Sprache wird in diesem Land wieder gelernt und gelehrt", sagte er am Montag vor dem staatlichen Amt für Religionsangelegenheiten (Diyanet) in Ankara. "Es gibt jene, die dagegen sind, Osmanisch in den Lehrplan aufzunehmen. Das ist eine große Gefahr", sagte er.

Die vergangene Woche bekannt gewordenen Pläne haben hitzige Debatten entfacht. Konservative befürworten den Sprachunterricht, während Kritiker den verpflichtenden Charakter bemängeln. "Ein Schulsystem, das komplett versagt hat, den Schülern Englisch und andere weltweit gesprochene Fremdsprachen beizubringen, konzentriert sich nun auf Osmanisch, die Sprache unserer Vorfahren, in deren Tradition sich unsere derzeitige politische Führung sieht", schreibt der Journalist Serkan Demirtas von der Zeitung "Hürriyet".

Islamunterricht ab der ersten Klasse

Ebenso soll Religionsunterricht, genauer: sunnitischer Islamunterricht, künftig schon ab der ersten Klasse unterrichtet werden. Die Stundenzahl soll von einer auf zwei Stunden pro Woche erhöht werden. Diesen Plan erarbeitete der einmal im Jahr tagende Nationale Bildungsrat.

Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu von der CHP nannte das Vorhaben "reaktionär" und "hinderlich für den Fortschritt unserer Gesellschaft". Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg teilte mit, die Türkei könne nicht Andersgläubige verpflichten, an einem Religionsunterricht teilzunehmen, der auf der sunnitischen Interpretation des Islam basiere. Manche Kritiker sehen in dem Vorhaben einen Angriff auf das säkulare Schulsystem der Türkei. Bildungsminister Nabi Avci ließ denn auch wissen, er unterstütze keinen verpflichtenden Religionsunterricht ab der ersten Klasse.

Erdogan versteht sich als Verteidiger des Islam in einer zunehmend islamfeindlichen Welt, wie er es formuliert. "Wir stellen die Fragen, die in den vergangenen zweihundert Jahren nicht gestellt wurden: weshalb uns die Welt angreift", sagte er vor den Geistlichen. "Ich wurde angegriffen, als ich fragte, warum Koranstunden nicht genauso verpflichtend sein könnten wie Physik." Der Islam unterstütze Bildung, werde aber als eine Religion dargestellt, die Wissenschaft ablehne. Osmanisch als Sprache sei wichtig, "damit unsere Jugend ihre Geschichte lernt".

Erst kürzlich hatte Erdogan kritisiert, türkische Jugendliche könnten mit dem Namen Albert Einstein etwas anfangen, wüssten aber nicht, wer der berühmte Mediziner, Theologe und Philosoph Ibn Sina aus dem elften Jahrhundert sei. Mit neuen Lehrplänen aber, glaubt er, würde die Türkei zu alter Größe wachsen.

"Ihr seid diejenigen, die eine Zivilisation auferstehen lassen werden, die einst zusammengebrochen ist", richtete er sich an die Geistlichen. Der Islam müsse beschützt werden. "Diese Verpflichtung lastet auf unseren Schultern." Es sei seine "persönliche Verpflichtung, zu einer offenen Diskussion über alle Fragen der Religion in diesem Land zu ermutigen". Ziel sei, Streitigkeiten innerhalb des Islam zu beenden. Politiker, die die Rechte von Gläubigen verteidigten, dürften nicht länger als "rückständig" diffamiert werden.

In der Vergangenheit hat Erdogan mehrfach betont, dass er sich eine Jugend wünscht, die sich stärker an islamischen Werten orientiert. Kritiker sehen darin eine Abkehr von den laizistischen Prinzipien von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk. Der hatte in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts zum Teil mit Gewalt die osmanische Sprache verbieten lassen.

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kraus.roland 08.12.2014
1. Die grössten Feinde des Islam..
..sind reaktionäre Islamisten wie Erdogan und der IS. Der Mann ist schlicht übergeschnappt, wie an seinem Selbstbildnis, dem neuen Präsidentenpalast deutlich abzulesen ist.
muffelkopp 08.12.2014
2.
Wenn man bedenkt, wie viele Zehntausende seiner "Mitbürger" dieser Mann in Deutschland aktivieren kann, quasi per Knopfdruck, bekommt dieser viel belächelte Satz einen anderen Geschmack: ---Zitat--- „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ ---Zitatende--- Wer sich interessiert, hätte die Vorboten erkennen können, siehe Huntington. Aber nun bläst der Recep ins Horn und zum großen Halali. Dass die Wiederherstellung des Osmanischen Reiches sein Ziel ist, ist derart offenbar, dass es selbst dem verblendetsten Menschen klar sein sollte. Hier wäre die Hölle los, wenn Gauck das Kaiserreich wieder erstehen lassen wollte. In der Türkei passiert was genau dagegen (zumindest laut unseren Medien)? Nada! Und der Erdogan kommt tatsächlich mit seinem Kram durch und grinst sich einen. Das finde ich sehr schlimm.
002614 08.12.2014
3. Eine große Gefahr
ist nicht sich zu weigern, Osmanisch in den Lehrplan aufzunehmen, die Gefahr ist der Größenwahnsinn, der sich bei Erdogan herausgebildet hat. Allein wenn es ihm gelänge, die Streitigkeiten innerhalb des Islam zu beenden, dann könnte man das gutheißen. Allerdings wurde das Osmanische Reich nur unter Druck und militärischer Herrschaft aufrecht erhalten. Das wird wohl heutzutage schwierig werden.
klareduchblick007 08.12.2014
4. Er ist einfach nur ein Islamische Terrorist... deswegen wird er irgenwann mal fallen, wie alle Verbrecher...
Auszug Wikipedia - sofern es stimmt... Im April 1998 wurde Erdoğan vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakır wegen Missbrauchs der Grundrechte und -freiheiten gemäß Artikel 14 der türkischen Verfassung nach Artikel 312/2 des damaligen türkischen Strafgesetzbuches (Aufstachelung zur Feindschaft auf Grund von Klasse, Rasse, Religion, Sekte oder regionalen Unterschieden) zu zehn Monaten Gefängnis und lebenslangem Politikverbot verurteilt. Anlass war eine Rede bei einer Konferenz in der ostanatolischen Stadt Siirt, in der er aus einem religiösen Gedicht, das Ziya Gökalp zugeschrieben wurde, zitiert hatte: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ – Recep Tayyip Erdoğan[8][9]
gogo-mani 08.12.2014
5. Was würde Ata-Türk
dazu sagen? Dies sind genau die Menschen, die dem Islam schaden. Er meint natürlich nur die Sunniten.Zurück in das 19. Jahrhundert. Da hat einer nicht mitbekommen das sich die Zeit geändert hat. So wird die Türkei auch eine Gefahr für das Zusammenleben der Menschen. Nicht nur in der Türkei.
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