Rede in Istanbul: Erdogan, der Hassprediger

Aus Istanbul berichtet Maximilian Popp

Erdogan-Rede: Spalten statt versöhnen Fotos
REUTERS

Er lässt mit brutaler Gewalt den Gezi-Park räumen, beschimpft die Demonstranten als Terroristen und hetzt gegen ausländische Medien: Premier Erdogan heizt den Konflikt in der Türkei erneut an. Ein Ende des Protests gegen ihn ist nicht in Sicht.

Für kurze Zeit sah es so aus, als würde der Premier einlenken, als hätte Recep Tayyip Erdogan aus der Revolte gegen seine Regierung in den vergangenen Wochen gelernt.

Mitte der Woche traf er sich mit Demonstranten, die sich für den Erhalt des Gezi-Parks in Istanbul einsetzen. Er sagte, die Richter würden über die Zukunft des umstrittenen Parks beraten und stellte ein Referendum in Aussicht. Erdogan, der Despot, als Schlichter? Spätestens seit Sonntagabend steht fest, dass daraus nichts werden wird.

Bereits am Samstag bekräftigte Erdogan bei einer Kundgebung in Ankara das Ende seiner Geduld. In der Nacht setzten seine Sicherheitskräfte diese Ankündigung um: Sie ließen den Gezi-Park, der in den vergangenen Wochen zum Symbol des Widerstands wurde, von Bulldozern räumen. Sie verfolgten Demonstranten und knüppelten sie nieder; sie schossen Tränengas in Cafés und Hotels, in die die Menschen flohen. Ärzte, die Verwundete behandelten, wurden verhaftet.

Am Sonntag gingen die Menschen in der Türkei trotzdem wieder gegen die Regierung auf die Straße. Zur gleichen Zeit hält Erdogan in Istanbul eine denkwürdige Rede. Liberale Kommentatoren werden sie später als "beängstigend" und "hasserfüllt" beschreiben.

Hunderttausende Anhänger Erdogans haben sich auf einem Feld an der Küste versammelt. Sie wurden mit Bussen aus der gesamten Region herangekarrt. Sie tragen türkische Fahnen und Porträts Erdogans bei sich. Funktionäre der AK-Partei, darunter Europaminister Egemen Bagis, stacheln die Zuhörer an.

Erdogan will den Konflikt

Dann betritt Erdogan die Bühne. Seine Anhänger skandieren "Türkiye! Türkiye!" Erdogan hebt triumphierend die Arme. Der Premier, daran besteht kein Zweifel, ist nicht als Moderator nach Istanbul gekommen. Er strebt keine Versöhnung an. Er will den Konflikt.

Erdogan beschwört ein türkisches Weltreich, grüßt seine Unterstützer auf dem Balkan, in Angola, im Irak. "Wo ist Sarajevo, wo ist Gaza heute Abend?", ruft er. Seine Stimme überschlägt sich. Er wirkt in diesem Moment nicht mehr wie der demokratisch gewählte Regierungschef einer der größten Volkswirtschaften der Welt. Er wirkt wie ein durchgedrehter Despot.

Erdogan richtet sich an die ausländischen Medien: "CNN, Reuters, bleibt allein mit euren Lügen!", ruft er. Seit Tagen versucht Erdogan die Proteste gegen ihn, die als Kampagne gegen den Abriss eines Parks in Istanbul begannen und sich zu einer landesweiten Revolte gegen die AKP-Regierung ausgeweitet haben, als Verschwörung ausländischer Mächte zu diskreditieren. "Diese Kräfte wollen der Türkei schaden."

Schließlich wendet er sich direkt an die Demonstranten. Er nennt sie erneut Terroristen, Plünderer. Sie seien keine wahren Türken und sollten sich in Acht nehmen. "Wer gegen die Türkei arbeitet, wird zittern vor Angst." Hoteliers, die diese "Terroristen" versteckten, werde er zur Rechenschaft ziehen.

Erdogans Rede könnte sich noch als fatal erweisen. Die Stimmung ist ohnehin angeheizt. Erdogan gießt nun weiter Öl ins Feuer. Anstatt auf die Protestierenden zuzugehen, verunglimpft er sie. Doch mit jedem Angriff treibt er nur noch mehr Menschen auf die Straße. Längst hat der Protest Bürger aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen vereint.

Während Erdogan spricht, sitzen in Istanbul junge Demonstranten vorm Fernseher, Studenten, Künstler, Anwälte. Sie sind fassungslos. Sie können nicht glauben, dass sie von ihrem Ministerpräsidenten als Staatsfeinde denunziert werden.

"Istanbul, sind wir eins? Istanbul, sind wir vereint? Istanbul, sind wir Brüder?", ruft Erdogan nach fast zwei Stunden. Zu dieser Zeit haben sich einige Kilometer weiter um den Taksim-Platz erneut zehntausende Demonstranten versammelt. Sie trotzen dem Tränengas der Polizei und fordern Erdogans Rücktritt.

Mitarbeit: Mirjam Schmitt

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 187 Beiträge
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1.
Vince Vega 16.06.2013
Die Berichterstattung ist echt erschreckend hier. Irgendwie geht es immer gegen die Regierung, immer nur einseitig. Dass die Demonstranten Steinschleudern und Murmeln als Munition haben wird z.B. nicht seitens SPON erwähnt. Und das ist nur ein Beispiel. Wir sind hier kein Kommunistisches Land, das von der Außenwelt abgeschirmt ist. Also bitte neutral Bericht erstatten.
2. na ja...
josefchristian 16.06.2013
...hunderttausende Unterstützer sind ja nicht gerade wenig. Und weshalb bitte wurden sie "herangekarrt"? Diese parteiische Wortwahl, diese Verleumdung der Erdogan-Unterstützer als dumme Bauern vom Lande, die nicht mal in die Hauptstadt finden, unterstreicht leider genau das, was Erdogan behauptet. Der Spiegel sollte etwas seriöser im Umgang mit seiner Sprache sein.
3. Provokation mit Nationalflagge
princecha 16.06.2013
Zitat von sysopEr lässt mit brutaler Gewalt den Gezi-Park räumen, beschimpft die Demonstranten als Terroristen und hetzt gegen ausländische Medien: Premier Erdogan heizt den Konflikt in der Türkei erneut an. Ein Ende des Protests gegen ihn ist nicht in Sicht. Türkei: Erdogan provoziert Gezi-Demonstranten mit Rede in Istanbul - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-erdogan-provoziert-gezi-demonstranten-mit-rede-in-istanbul-a-906049.html)
Nun startet Erdogan eine sogenannte Fahnenkampagne und fordert seine Anhänger auf ihre türkischen Fahnen aus den Fenstern und Balkonen zu hängen als symbolisches Zeichen gegen die "Feinde". Türkische Fahnen sind aber bereits an zahlreichen Häusern in der gesamten Türkei seitens seiner Kritiker als Zeichen des Protests gegen ihn angebracht. Mit seiner Fahnenkampagne will er es nun so darstellen, als wenn diejenigen, die ihre Fahnen aus dem Fenster hängen AKP Anhänge seien. Unfassbare Provokation!! Ich hoffe wenigstens, dass einige vernünftige AKP Anhänger dieses erbärmliche Spiel von Erdogan durchschauen.
4.
grover01 16.06.2013
Zitat von sysopEr lässt mit brutaler Gewalt den Gezi-Park räumen, beschimpft die Demonstranten als Terroristen und hetzt gegen ausländische Medien: Premier Erdogan heizt den Konflikt in der Türkei erneut an. Ein Ende des Protests gegen ihn ist nicht in Sicht. Türkei: Erdogan provoziert Gezi-Demonstranten mit Rede in Istanbul - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-erdogan-provoziert-gezi-demonstranten-mit-rede-in-istanbul-a-906049.html)
Wird Erdogan jetzt der neue Assad? So weit wird man wohl nicht gehen (also mit "Rebellengruppen" einschleusen usw), aber die Hoffnung scheint zu sein ihn von der Macht zu verdrängen. Wir sollten uns im Klaren darüber sein, dass die internationale Presse so gut wie jeden Regenten als Monster darstellen kann, wenn sie will. Vielleicht lesen wir irgendwann in der ausländischen Presse von "Hasspredigerin Merkel". Genügend Entscheidungen gegen das Volk hat sie ja getroffen, also leben wir ja quasi in einer Diktatur. Und Wasserwerfer und Schlagstöcke hat unsere Polizei auch. Nicht dass ich Merkel verteidigen möchte, aber auf von aussen initiierten Bürgerkrieg bin ich nicht besonders begierig.
5.
sistilos 16.06.2013
Jetzt nicht aufgeben...die Welt sieht, dass ihr für die Demokratie auf der Straße seit.
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Fotostrecke
Istanbul: Gewalt im Gezi-Park

Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt: Abdullah Gül

Regierungschef: Recep Tayyip Erdogan

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