Wahlkampf in der Türkei Erdogan soll Sexvideo in Auftrag gegeben haben

Ein Sexvideo brachte den türkischen Oppositionschef Deniz Baykal 2010 zu Fall. Kurz vor den Wahlen in der Türkei sind jetzt heimlich aufgenommene Gespräche aufgetaucht: Premierminister Erdogan soll das Komplott eingefädelt haben.

Von , Istanbul

  Premier Erdogan: Neuer Gesprächsmitschnitt sorgt für Wirbel
AFP

Premier Erdogan: Neuer Gesprächsmitschnitt sorgt für Wirbel


Der Film, der die Türkei vor vier Jahren erschütterte, ist nicht einmal drei Minuten lang: Deniz Baykal ist da zu sehen, damals Chef der Oppositionspartei CHP. Man sieht die nackten, haarigen Beine des damals 71-Jährigen, sitzend zieht er sich Socken an. Eine unbekleidete Frau läuft durchs Bild, seine frühere Sekretärin, spätere Abgeordnete seiner Partei. Die beiden sind sich nähergekommen, zeigt das Video. Es ist ein kompromittierender Film, zumal die beiden verheiratet sind, aber eben nicht miteinander. In der konservativen Türkei ist das nicht nur ein privates Problem - es ist ein Skandal.

Ein Skandal, der nun, wenige Tage vor der wichtigen Kommunalwahl wieder hochkocht, in einer ganz neuen Dimension. Im Mittelpunkt: Premierminister Recep Tayyip Erdogan.

Baykal, der nach der Veröffentlichung des Films zurücktreten musste, hatte seinem Erzrivalen Erdogan schon damals vorgeworfen, ein "Komplott" gegen ihn eingefädelt zu haben. "Dies ist kein Sexvideo, dies ist eine Verschwörung", sagte er. Die Macher verfolgten "politische Ziele". Das außereheliche Verhältnis bestritt er nicht, aber er sagte, der Film sei "mit der Macht und dem Wissen der Regierung" gemacht worden. Erdogan wies das zurück. Manche Beobachter mutmaßten auch, innerparteiliche Gegner hätten das Video lanciert, weil die sich sozialdemokratisch nennende CHP unter Baykal erstarrt war, geprägt von nationalistischen, antieuropäischen Parolen.

Jetzt aber haben anonyme Kritiker der Erdogan-Regierung erneut heimlich mitgeschnittene Gespräche auf YouTube hochgeladen. Darin ist zu hören, wie angeblich der Premierminister Anordnungen gibt, Baykal bei einem Treffen mit seiner Geliebten zu filmen und das bloßstellende Material zu veröffentlichen. "Leider geschehen hier sehr unanständige und unmoralische Dinge. Da müssen wir eingreifen", sagt die Stimme, die Erdogan zugeschrieben wird.

An einer anderen Stelle fragt die Stimme: "Wir haben solche Sachen in der Hand. (…) Wenn ich es euch gebe, wie würdet ihr es anstellen? Stellt ihr das ins Internet?" Und später sagt der Mann: "Alles klar, so machen wir's. Lasst es mich zuerst auf eine Festplatte speichern. Aber die Aufnahme ist sehr schlecht. Könnte er behaupten, dass das Fälschungen oder so sind?"

Baykal spricht von "großem satanischen Szenario"

Veröffentlicht wurden diese Gespräche am Mittwochabend von einer Gruppe, die sich DLMHACK nennt, das D geformt aus Hammer und Sichel. Die Gruppe behauptet, diese Mitschnitte von einem gehackten E-Mail-Konto eines Beraters von Erdogan bekommen zu haben. Die Gespräche seien also von Vertrauten des Premierministers selbst erstellt worden, soll diese Information nahelegen.

Dass ausgerechnet ein geleaktes Video den Skandal um ein geleaktes Video wenige Tage vor den Kommunalwahlen in der Türkei am Sonntag wieder hochkochen lässt, ist die absonderliche Seite der Geschichte.

Baykal verlangt jetzt eine Erklärung von Erdogan. Bei einem Wahlkampfauftritt in der westanatolischen Stadt Afyon sagte er, man könne die Angelegenheit nicht "mit Vernunft, Logik, Gewissen und Recht" begründen. Er sprach von einem "großen satanischen Szenario". Sollten die jetzt veröffentlichen Gespräche echt sein, habe "niemand der Beteiligten mehr das Recht herumzulaufen, als sei nichts geschehen".

Erdogan weist die Behauptung zurück, er stecke hinter dem Sexvideo. Im Gegenteil, seine Regierung habe "alles getan, um das Video aus dem Netz entfernen zu lassen", sagte er. Tatsächlich war der Film nach einigen Tagen wieder verschwunden. Baykal wiederum erklärt, seine Anwälte hätten die Entfernung des Videos durchgesetzt, nicht die Regierung. Erdogan hatte im Wahlkampf 2011 mehrmals bei öffentlichen Auftritten das Sexvideo erwähnt. Als Baykal forderte, er möge das unterlassen, immerhin sei seine Privatsphäre verletzt worden, erwiderte Erdogan: "Das ist nicht privat, das ist öffentlich!" Baykal sei schließlich nicht in seinem eigenen Schlafzimmer gefilmt worden.

Serie von heimlichen Mitschnitten

Ausgerechnet von Baykal hatte Erdogan kürzlich verlangt, er möge die Veröffentlichung von heimlichen Telefonmitschnitten kritisieren, die Erdogan als korrupten Politiker dastehen lassen. "Baykal sollte Stellung dagegen beziehen, da er selbst Opfer einer solchen Kampagne wurde", forderte er. Durch die in den vergangenen Wochen nacheinander veröffentlichten Gespräche ist Erdogan in Erklärungsnot geraten.

Zuletzt veröffentlichten die anonymen Kritiker, hinter denen das Netzwerk des islamischen Predigers und Erdogan-Gegners Fethullah Gülen vermutet wird, Gespräche eines Mannes, der mal mit seiner Freundin flirtet und sie in einem späteren Gespräch beschimpft und droht, sie umzubringen. Dabei soll es sich um einen weiteren Erdogan-Sohn und dessen Geliebte, eine Schweizerin, handeln.

Laut Regierung sind die Telefonate illegal abgehört und aufgenommen worden. Dennoch dokumentieren sie zum einen auf erschütternde Weise, wie korrupt und wenig gesetzestreu die Mächtigen in der Türkei sind, die friedliche Demonstranten wegprügeln und Twitter sperren lassen. Zum anderen zeigen sie aber auch, wie verzweifelt Regierungsgegner versuchen, einen übermächtigen Erdogan zu stürzen. Am Sonntag haben die Wähler in der Türkei erstmals seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013 die Gelegenheit zu zeigen, wie sie zur Politik ihres Landes stehen.

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