Medienbericht Türkei foltert Gülen-Anhänger in geheimen Gefängnissen

Laut einem Medienbericht betreibt der türkische Geheimdienst geheime Einrichtungen, in denen Gülen-Anhänger gefoltert werden. Menschenrechtler gehen von einem System hinter den Verschleppungen aus.

Recep Tayyip Erdogan
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Recep Tayyip Erdogan


Zweieinhalb Jahre ist der Putschversuch in der Türkei mittlerweile her. Es folgten Zehntausende Festnahmen und Entlassungen mutmaßlicher Anhänger der Gülen-Bewegung. Präsident Recep Tayyip Erdogan macht den Prediger Fethullah Gülen für die Geschehnisse im Juli 2016 verantwortlich. Eine internationale Medienrecherche bestätigt nun, wie drastisch mutmaßliche Gülen-Anhänger in der Türkei behandelt werden.

Der türkische Geheimdienst betreibt laut der Recherche geheime Gefängnisse, in denen Anhänger der Bewegung inhaftiert und gefoltert werden. Zwei Opfer berichteten dem ZDF-Magazin "Frontal 21" und anderen Medien, sie seien wochenlang in geheimen Gefängnissen festgehalten, verhört und gefoltert worden, um sie zu Aussagen gegen andere Gülen-Anhänger zu zwingen.

Die als "Tolga" und "Ali" bezeichneten Männer gaben an, auf offener Straße von Männern in dunkle Transporter gezerrt worden zu sein. Mit einem Sack über dem Kopf seien sie an einen unbekannten Ort gebracht worden, wo sie über Wochen immer wieder geschlagen, bedroht und gedemütigt worden seien. Ihnen seien Fotos gezeigt worden von anderen Gülen-Anhängern, um sie in Prozessen zu Aussagen gegen sie zu bewegen.

"Nach einiger Zeit hält man das nicht mehr aus"

Die Aussagen decken sich mit Fällen, die Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch (HRW) dokumentiert haben. Der Direktor der Organisation, Wenzel Michalski, geht davon aus, dass diese Verschleppungen "systematisch" passieren. Das sagte er "Frontal 21".

In ihren Zellen seien sie ständig überwacht und mit lauter Musik beschallt worden, berichteten die Männer bei der Recherche unter Leitung des Rechercheverbunds Correctiv. Er habe gefesselt, mit einem Sack über dem Kopf nur in Unterwäsche stundenlang stehen müssen, sagte "Ali". "Nach einiger Zeit hält man das nicht mehr aus, man ist durstig, müde. Wenn man nicht mehr kann, fällt man auf den Boden und dann gab es Faustschläge und Tritte."

Gedenkveranstaltung in Istanbul zum zweiten Jahrestag des Putschversuchs in der Türkei
DPA

Gedenkveranstaltung in Istanbul zum zweiten Jahrestag des Putschversuchs in der Türkei

Die islamisch-konservative Partei für Entwicklung und Gerechtigkeit (AKP) von Präsident Erdogan war lange mit der Bewegung des islamischen Predigers Gülen verbündet, bevor sich Gülen und Erdogan 2013 im Kampf um Posten und Macht überwarfen. Heute wirft Erdogan der religiösen Bruderschaft vor, die staatlichen Institutionen unterwandert und versucht zu haben, ihn bei dem Militärputsch im Juli 2016 zu stürzen.

Auch "Ali" und "Tolga" sagten aus - und wurden freigelassen

Gülen lebt im Exil in den USA, Erdogan forderte schon mehrfach seine Auslieferung - vergeblich. Die Gülen-Bewegung gilt in der Türkei mittlerweile als Terrororganisation und ist verboten. Auf dieser Grundlage folgten die Entlassungen und Inhaftierungen. Kritiker werfen der Regierung vor, neben tatsächlichen Putschbeteiligten auch zahllose Unschuldige zu verfolgen, die Rechte der Beschuldigten nicht zu wahren und sie aufgrund dürftiger Beweise zu langen Haftstrafen zu verurteilen.

Fethullah Gülen
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Fethullah Gülen

Insbesondere wird kritisiert, dass bei den Prozessen oft geheime Zeugen auftreten. Auch "Ali" und "Tolga" erklärten sich laut der Recherche von "Frontal 21" nach wochenlangen Verhören bereit, als geheime Zeugen gegen andere Gülen-Anhänger auszusagen. Daraufhin seien sie freigelassen worden, hätten jedoch ins Ausland fliehen können, wo sie heute leben. Die Türkei äußerte sich auf Nachfrage der Medien nicht zu den Vorwürfen.

aev/AFP



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