Frauen gegen Erdogan "Wir sind die anderen 50 Prozent"

Die Türkei ist nicht nur Erdogan. In Istanbul und anderen Städten gehen Tausende Frauen gegen Sexismus und für Demokratie auf die Straße. Was treibt Feministinnen wie Nisan Atalay an?

Maximilian Popp/ DER SPIEGEL

Aus Istanbul berichten und Nico Schmolke


Was war das? Ein Traum? Ein Versehen? Nisan Atalay lacht laut auf. "Das ist die Türkei", sagt sie.

Mehrere Tausend Frauen sind am Weltfrauentag, dem 8. März, in Istanbul und in anderen türkischen Städten gegen den Chauvinismus der Regierung und für die Demokratie auf die Straße gegangen. Sie lachten, sie tanzten. Sie sendeten Bilder in die Welt, wie man sie, zumindest im Westen, lange nicht mehr gesehen und schon fast nicht mehr für möglich gehalten hat: Bilder einer fröhlichen, progressiven, pluralistischen Türkei.

"Europa nimmt von der Türkei nur noch Erdogan war", sagt Atalay. "Aber auch wir sind Teil dieses Landes. Feministinnen, Sozialisten, Homosexuelle, Atheisten, Aleviten, Armenier, Kurden. Wir sind die anderen 50 Prozent."

Atalay, 22 Jahre alt, Jurastudentin, sitzt in einem Istanbuler Café, das sie gemeinsam mit anderen Frauen betreibt. Sie trägt Turnschuhe, Jeans, lange braune Haare. Atalay hat vor zwei Jahren "Yeryüzü Kadinlar" (Deutsch: Frauen der Welt) mitgegründet, die erste unabhängige feministische Organisation in der Türkei. Die "Yeryüzü Kadinlar" gehörten zu den wichtigsten Initiatorinnen der Demonstration am 8. März. "Wir glauben daran, dass eine andere, demokratische Türkei möglich ist", sagt Atalay.

"Erdogan kann Linke kriminalisieren, Kurden. Aber Frauen?"

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 eine Reihe von zivilgesellschaftlichen Kundgebungen verboten. Zehntausende Oppositionelle wurden ins Gefängnis gesteckt, mehr als 150 Medienhäuser geschlossen. Die "Yeryüzü Kadinlar" aber durften marschieren. Die Regierung habe Angst, wenige Wochen vor dem Referendum über das Präsidialsystem Frauen noch weiter gegen sich aufzubringen, vermutet Atalay. "Erdogan kann Linke kriminalisieren, Kurden. Aber Frauen?"

Atalay wuchs in dem Glauben auf, dass politisches Engagement gefährlich ist. Ihr Vater wurde in den Achtzigerjahren vom Militärregime ins Gefängnis gesteckt. Ihre Mutter, Mitglied der prokurdischen Partei HDP, war immer wieder Repressionen ausgesetzt. Atalay hielt sich von der Politik fern.

Ihre Haltung änderte sich mit den regierungskritischen Protesten im Istanbuler Gezi-Park im Mai und Juni 2013. Menschen aus den verschiedensten Milieus, Muslime, Ultras der Istanbuler Fußballklubs, Studenten, Rentner, stritten damals gemeinsam für eine freie Türkei.

Zwar kam die Revolte nach wenigen Wochen zum Erliegen, Erdogan blieb im Amt und festigte seine Macht. Trotzdem, davon ist Atalay überzeugt, habe der Frühsommer 2013 die türkische Gesellschaft verändert. "Meine Generation wurde durch Gezi politisiert", sagt sie. "Wir haben erkannt, dass wir eine Stimme haben."

Die Gewalt gegen Frauen ist unter der Regierung Erdogan gestiegen

Bei "Yeryüzü Kadinlar" engagieren sich Frauen jeden Alters. Die Organisation veranstaltet Demonstrationen in verschiedenen türkischen Städten, auch im Osten Anatoliens, bietet Workshops für Frauen an zur Selbstverteidigung oder zum Reden vor Publikum.

Die Gewalt gegen Frauen ist unter der Regierung Erdogan gestiegen. Im vergangenen Jahr wurden in der Türkei 397 Frauen ermordet. Doch zugleich sei der Widerstand gegen sexistische Gesellschaftsstrukturen gewachsen, erzählt Atalay. Etliche Gruppen, wie etwa "Muslime gegen Frauengewalt" oder "Akademikerinnen für den Frieden" setzen sich für die Rechte von Frauen ein. Erst vergangenen November ist es der Frauenbewegung gelungen, ein Gesetz zu kippen, das einvernehmlichen Sex mit Kindern legalisieren sollte.

Für Atalay ist der Kampf gegen Sexismus nicht zu trennen vom Kampf für Demokratie in der Türkei. Die "Yeryüzü Kadinlar" engagieren sich gegen das Präsidialsystem, das sämtliche Macht im Staat bei Erdogan bündeln würde. In dem Café der Organisation in Istanbul liegen Flyer aus mit dem Schriftzug "Hayir", türkisch für Nein. Atalay geht von Haus zu Haus, um Frauen für die Nein-Kampagne zu gewinnen. "Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem ein einzelner Mann darüber bestimmt, was wir zu tun und zu denken haben", sagt sie.

Atalay ist überzeugt davon, dass die Opposition das Referendum gewinnen und Erdogan schon bald seine Macht verlieren wird. "Wir bereiten uns schon jetzt auf den Tag danach vor", sagt sie. "Unsere Arbeit wird nicht weniger werden."

insgesamt 38 Beiträge
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fridericus1 17.03.2017
1. Mit Blick auf ...
... die Repressalien, die möglicherweile irgendwann auf diese Frauen zukommen, ist deren Zivilcourage und Mut in höchstem Masse zu bewundern.
Atheist_Crusader 17.03.2017
2.
"Atalay hat vor zwei Jahren "Yeryüzü Kadinlar" (Deutsch: Frauen der Welt) mitgegründet, die erste unabhängige feministische Organisation in der Türkei. Die "Yeryüzü Kadinlar" gehörten zu den wichtigsten Initiatorinnen der Demonstration am 8. März. "Wir glauben daran, dass eine andere, demokratische Türkei möglich ist", sagt Atalay." Bin ich ein Pessimist weil mein erster Gedanke bei dem Absatz war: "Na dann wissen wir ja schon, wer als nächstes auf der Liste staatszersetzender Terrororganisationen landet."?
werder11 17.03.2017
3. bei aller distanz
zur türkei und der akp immer daran denken, daß es m/m 45-50% türken gibt, vor allem wohl weibliche, die gegen erdogan und seine clique sind - wollen wir uns wünschen, daß für sie das referendum nicht seinen zweck erfüllt, den die akp sich wünscht - hoffen wir aber auch, daß sie im anderen fall alles gut überstehen - warum hört man eigentlich nichts von erdogan's feind nr.1?
gammoncrack 17.03.2017
4. Es ist vielleicht wirklich die letzte Chance,
Erdogan mittelfristig von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Man kann sich wohl sicher sein, sollte Erdogan die Wahl nur sehr knapp gewinnen, aber die weiblichen Wähler mehrheitlich gegen ihn gestimmt haben, wird über kurz oder lang das Wahlrecht der Frauen abgeschafft oder beschnitten werden.
sir wilfried 17.03.2017
5. Chapeau!
Gegen das Regime auf die Straße zu gehen, bedarf immer Mut. In faschistischen Regimen sogar Heldenmut.
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