Frauen gegen Erdogan "Unser Widerstand ist ungebrochen"

Feministinnen in der Türkei führen den Protest gegen Präsident Erdogan mit an. Zum Weltfrauentag rufen sie zu Massendemonstrationen auf. Kann der Feminismus die türkische Demokratie retten?

Selime Büyükgöze, türkische Frauenrechtlerin
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Selime Büyükgöze, türkische Frauenrechtlerin

Von , Istanbul


Recep Tayyip Erdogan war gerade als türkischer Regierungschef wiedergewählt worden, als er 2012 eines seiner umstrittensten Gesetze auf den Weg brachte: Frauen, so kündigte er an, sollten in der Türkei nicht länger abtreiben dürfen. Um zu beweisen, wie ernst er das meinte, verglich er Schwangerschaftsabbrüche mit einem Massaker von Soldaten an Zivilisten.

Selime Büyükgöze erinnert sich noch gut an das Entsetzen, das sie damals empfand. Ein Entsetzen, das rasch in Wut umschlug und eine Reaktion hervorrief: Büyükgöze trat gemeinsam mit weiteren Feministinnen eine Kampagne gegen die Pläne der Regierung los. Sie organisierte Demonstrationen, verteilte Flugblätter, schrieb Texte in den sozialen Medien. Die EU unterstützte die Proteste. Erdogan zog das Gesetzesvorhaben schließlich zurück.

Büyükgöze bezeichnet die Kampagne gegen das Abtreibungsverbot als einen "Meilenstein". Sie habe damals zum ersten Mal gespürt, dass sie als Feministin in der Türkei nicht alleine ist, dass sie etwas bewirken kann. "Ich habe mir diesen Glauben bis heute bewahrt."

Tausende Demonstranten werden erwartet

An einem Märznachmittag sitzt Büyükgöze, Medienwissenschaftlerin und Aktivistin, 34 Jahre alt, in einem Café im Istanbuler Stadtteil Beyoglu. Sie sieht müde aus. Büyükgöze hat die vergangenen Wochen vor allem damit verbracht, mit anderen Freiwilligen den Frauenmarsch in ihrer Heimatstadt zum Weltfrauentag am 8. März vorzubereiten. Nun sind die Planungen weitgehend abgeschlossen. Büyükgöze ist in gespannter Erwartung.

Seit 16 Jahren gehen Frauen in Istanbul am 8. März auf die Straße. Die Demonstration wurde mit jedem Jahr größer. 2017 beteiligten sich mehr als 10.000 Menschen an dem Marsch. Sie lachten, sie tanzten. Sie sendeten Bilder in die Welt, wie man sie, zumindest in Deutschland, lange nicht mehr gesehen und schon fast nicht mehr für möglich gehalten hat: Bilder einer fröhlichen, progressiven, pluralistischen Türkei.

Büyükgöze ist überzeugt davon, dass sich in diesem Jahr wieder mindestens genauso viele Frauen dem Protest anschließen werden - wenn nicht noch mehr. "Unser Widerstand ist ungebrochen", sagt sie.

Feministinnen als Stützen der Demokratie

Erdogan hat die Zivilgesellschaft in der Türkei demontiert: Nichtregierungsorganisationen wurden geschlossen, Regierungskritiker verhaftet, Demonstrationen verboten. Am vergangenen Sonntag attackierte die Polizei eine Kundgebung von Feministinnen in Ankara. Die Frauen in Istanbul und in mindestens 13 weiteren türkischen Städten marschieren zum Weltfrauentag trotzdem.

Die türkische Gesellschaft ist gespalten in Linke und Rechte, Säkulare und Konservative. Die Organisatorinnen des Marschs wollen diese Polarisierung überwinden: Am 8. März demonstrieren Frauen aus den unterschiedlichsten Milieus und Lagern für Gleichberechtigung und gegen den Chauvinismus der Regierung.

Die Veranstaltung wird von einem losen Zusammenschluss von Feministinnen getragen; Parteien, Verbände, Organisationen sind außen vor. Erdogan steht dem Protest weitgehend machtlos gegenüber: Er kann Frauen nicht, wie andere Gesellschaftsgruppen, pauschal zu Terroristinnen erklären.

Feministinnen spielten bei der Demokratisierung der Türkei seit jeher eine wichtige Rolle. Bereits zwölf Jahre nach der Gründung der Republik 1923 besetzten Frauen fünf Prozent der Plätze im türkischen Parlament - eine der weltweit höchsten Quoten zu dieser Zeit. Unter den Aktivisten, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren gegen die Militärdiktatur kämpften, waren etliche Frauen. Gleichberechtigt waren Frauen in der Türkei aber nie.

Autoritäre und patriarchalische Politik

Als Erdogan 2003 an die Macht kam, versprach er, die Rechte von Frauen zu stärken. Er liberalisierte das Familienrecht, stellte sogenannte Ehrenmorde unter verschärfte Strafe. Er hob das Kopftuchverbot an Universitäten auf, was frommen Musliminnen ermöglichte zu studieren. Doch letztlich richteten sich seine Reformbemühungen vor allem an eine konservativ-islamische Wählerschaft. Und je mächtiger er wurde, umso autoritärer und patriarchaler wurde seine Politik.

Der Sexismus in der Türkei habe nicht mit Erdogan begonnen, sagt Büyükgöze, aber er habe sich durch ihn verschärft. Der Präsident betont selbst immer wieder die Ungleichheit von Männern und Frauen. Er sieht Frauen vor allem als Mütter und Hausfrauen, deren vorrangige Aufgabe es ist, für Männer zu sorgen und Kinder zu bekommen. In dieser Haltung unterscheidet er sich kaum von Sexisten in Deutschland und anderen Ländern.

  • REUTERS
    Erdogan ist in der Türkei überall: in den Medien, auf Plakaten. Ständig hält er irgendwo eine Rede, die im Fernsehen live übertragen wird, eröffnet ein Gebäude, hetzt gegen Widersacher.

    Doch es gibt auch eine andere, liberale Türkei. SPIEGEL ONLINE stellt in dieser Reihe Menschen vor, die sich, trotz aller Repressionen, der Regierung widersetzen, die die Hoffnung auf Demokratie in der Türkei längst noch nicht aufgegeben haben.

In einem Ranking des World Economic Forum zu Geschlechtergerechtigkeit belegt die Türkei Platz 133, dahinter kommen nur noch Länder wie Iran, der Jemen und Saudi-Arabien. Frauen stellen in der Türkei weniger als ein Drittel der Arbeiterschaft. Sexistische Gewalt ist weit verbreitet. Im vergangenen Jahr wurden in der Türkei mehr als 400 Frauen ermordet.

"Zivilgesellschaft nach wie vor am Leben"

Zugleich jedoch wächst auch in der Türkei der Widerstand gegen sexistische Gesellschaftsstrukturen. Büyükgöze engagiert sich ehrenamtliche für Mor Carti, eine NGO, die Frauen hilft, die Opfer von sexueller Gewalt wurden. Unter #sendeanlat, dem türkischen Pedant zu #MeToo, berichten Frauen über Gewalterfahrungen.

Gruppen wie "Muslime gegen Frauengewalt" oder "Akademikerinnen für den Frieden" setzen sich für die Rechte von Frauen ein. Im Herbst 2016 verhinderten Aktivistinnen ein Gesetz, das einvernehmlichen Sex mit Kindern legalisieren sollte. Die feministische Bewegung ist eine der erfolgreichsten sozialen Bewegungen in der Türkei.

Aktivistin Büyükgöze hofft, dass von dem Marsch am Donnerstag ein Zeichen ausgeht, dass sich andere Gruppen durch den Protest ermutigt fühlen. "Wir wollen beweisen, dass die Zivilgesellschaft in der Türkei nach wie vor am Leben ist", sagt sie.

Im Video: Mein Leben unter Erdogan

dbate
insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
sincere 08.03.2018
1. Schlecht recherchiert
Feminismus ist in der Türkei nichmal annähernd ein Thema mit dem sich genug Leute ernsthaft befassen, weshalb das auch keinerlei Faktor ist. Ich muss schon sagen, Herr Popp fällt immer wieder mit schlecht recherchierten Artikeln auf. Er sucht einen Einstieg bzw Fragestellungen wo von Anfang an klar ist, dass sie in einer Sackgasse landen. Die Recherche gehört zu den elementaren Aufgaben eines Journalisten, vielleicht sollte man sich bereits zu Beginn mehr damit befassen, statt halbe Sachen abzuliefern. 6 - setzen.
keine Zensur nötig 08.03.2018
2. Die Frage ist wohl eher spasshaft gemeint -
der Erhalt der Demokratie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe - immer. Und die Mehrheit der Türken hat sich ganz demokratisch für den Sultan E. aus. A. entschieden. Feministinnen? Ich empfehle diesen türkischen Femistinnen zur Nachhilfe einen Trip nach Deutschland. Die Frau Dr. Merkel liefert wohlwollend Waffen in die Türkei, dient wahrscheinlich deren Demokratisierung. Noch demokratischer geht es bei den Sozen zu. Eine nicht gewählte Schattenfrau Nahles verteilt Ministerposten in einer Regierung. Beide Damen nehmen es hin, dass in Deutschland ein Zwei-Geschlechter-Wahlsystem herrscht und den großen Städten sich eine orientalische Subkultur entfalten kann, die eher den finstersten Provinzen des Großosmanischen Reiches entspricht. Wer im Glashaus sitzt, der sollte nicht mit Steinen werfen. Demokrtaie ist Teilhabe und Mitmachen - genau das aber schafft Deutschland gerade ab und errichtet eine wenn auch sanftere neue Feudalherrschaft.
astellas 08.03.2018
3. erst vor der eigenen Haustür kehren
ich würde dem Autor des Beitrages empfehlen genauer zu recherchieren. Er soll doch bitte mal nachschauen, wie hoch der Anteil der CEO`s und der Professorinnen in Leitungspositionen in der Türkei ist. Da kann sich Deutschland eine Scheibe davon abschneiden. Außerdem darf man in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass auch die kulturellen Aspekte und die Mentalität einer Gesellschaft einen erheblichen Einfluss auf die Sichtweise haben. Man kann und sollte auf gar keinen Fall gerade solche Themen aus der Sicht der Deutschen bewerten. Erstens, weil gerade Deutschland sich in dieser Diskussion nicht gerade mit Ruhm bekleckert und zum anderen die Haltung, dass nur die eigene Sicht auf bestimmte Dinge das Maß aller Dinge sind. Sicherlich gibt es auch in der Türkei einige Dinge, die im Umgang mit Frauen verbesserungswürdig sind. Aber mal ganz ehrlich, wo gibt es diese nicht? In Deutschland oder Europa oder USA? Das wäre heuchlerisch und verlogen. Also, erst vor der eigenen Haustür kehren, bevor man mit dem Finger auf andere zeigt. Und Türkei, verbunden mit dem Namen Erdogan ist ja in diesen Zeiten immer gut, um alles Negative damit zu verbinden.
monolithos 08.03.2018
4. Feminismus rettet keine Demokratien
Den berechtigten Forderungen der Frauen zum Trotz: Feminismus ist die Fortsetzung der Diskriminierung mit anderen Mitteln und kann daher niemals irgendwo eine Demokratie retten.
post.scriptum 08.03.2018
5. Die türkischen Frauen sollen ...
... am Weltfrauentag zeigen, was sie gegen Erdogan unternehmen. Dies wäre ein wichtiges Signal. Hierzulande sind Frauen bereits privilegiert (Zweidrittel aller Medizinstudenten sind weiblich), so dass Männer häufig bei gleicher Qualifikation beruflich das Nachsehen haben. Wir brauchen daher eine Männerquote nicht nur bei bei der Zulassung von Numerus-Clausus-Studiengängen, sondern auch bei bestimmten Jobs, wie im Kindergarten oder in der Grundschule. Weibliche Neubesetzungen sollten erst dann erfolgen, wenn Gleichstand erreicht ist. Jungen benötigen dringlichst männliche Bezugspersonen und nicht zuvorderst Lehrerinnen, die (bewusst oder unbewusst) Mädchen beispielsweise mit weiblichen Lesethemen und dann ggf. auch noch mit Noten bevorzugen.
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