Türkei gegen Kurden Der Krieg vor Europas Haustür

Leichen auf den Straßen, Schüsse, Granateneinschläge: In Städten der Südosttürkei tobt ein erbitterter Häuserkampf zwischen türkischen Sicherheitskräften und kurdischen Kämpfern. Tausende sind auf der Flucht.

AFP

Eine Reportage aus der Kampfzone von


Als Hamid Zengin seine Tasche packt, um seine Wohnung in der Altstadt von Diyarbakir für immer zu verlassen, weiß er, dass er zum zweiten Mal in seinem Leben alles verlieren wird, was er besitzt. Dass er für etwas büßen muss, woran er keine Schuld trägt.

Kürzlich saß er für ein paar Tage im Gefängnis, die Polizei hatte ihn abgeholt. Warum? Er zuckt mit den Schultern. "Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich weil ich Kurde bin." Dann ließen sie ihn, den Rentner und früheren Straßenhändler, wieder frei.

Er ging nach Hause, doch das Gebäude war jetzt von Polizisten besetzt. "Verschwinde!", sagten sie ihm.

Er packt also ein paar Kleidungsstücke zusammen und flüchtet. Seine Familie hat sich schon in Sicherheit gebracht, ein Sohn bei einem Onkel, ein anderer Sohn bei Freunden, seine Frau bei ihrem Bruder.

Hamid Zengin aus Diyarbakir
Hasnain Kazim

Hamid Zengin aus Diyarbakir

Zengin läuft dicht an den Hauswänden entlang. Seit dem 2. Dezember gilt im Bezirk Sur in der Altstadt Diyarbakirs eine Ausgangssperre. Wer sich nach draußen wagt, läuft Gefahr, von einem der Scharfschützen auf den Dächern oder in den Gebäuden erschossen zu werden. Mitten auf der Straße ist es besonders gefährlich.

Tote im Schnee

Auf einem Gehweg liegen drei leblose Körper, bedeckt von einer zentimeterdicken Schneeschicht. Es sind drei junge Männer, vor einigen Tagen erschossen. Die türkischen Sicherheitskräfte sagen, es handele sich um Terroristen, gewalttätige Mitglieder der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die Anwohner sagen, es seien Zivilisten gewesen, Jungs aus der Gegend. Niemand wagt es, die Leichen fortzuschaffen, aus Angst, selbst erschossen zu werden.

Wie viele Menschen in den vergangenen Monaten gestorben sind, wie viele Zivilisten, wie viele Sicherheitskräfte, wie viele PKK-Mitglieder, darüber gehen die Angaben weit auseinander, je nachdem, wen man fragt. Die Regierung in Ankara sagt, im vergangenen Jahr seien "mehr als 3000 Terroristen und 200 Sicherheitskräfte" getötet worden. Von Zivilisten spricht sie nicht. Nach kurdischen Angaben wurden allein seit Weihnachten "mindestens 30 Zivilisten" getötet und deutlich weniger "Mitglieder der kurdischen Bewegung". Prüfen lassen sich die Zahlen nicht.

Seit Sommer 2015 tobt im Südosten der Türkei ein Krieg zwischen Polizei und Militär auf der einen Seite - etwa 10.000 Uniformierte sind im Einsatz - und kurdischen Aufständischen auf der anderen. Ein Krieg, den keine Seite gewinnen kann.

Gekämpft wird in mehreren Orten, besonders heftig aber in den Städten Cizre und Silopi - auch dort gilt eine Ausgangssperre - sowie in Sur, jenem Viertel innerhalb der alten Stadtmauern von Diyarbakir, das schon immer als Zentrum des kurdischen Widerstands galt.

Türkei, Südostanatolien

Quelle: Mapbox

Kurz vor Weihnachten haben die türkischen Sicherheitskräfte ihren Kampf verschärft. Manche Straßenzüge erinnern an Syrien: eingestürzte, zerschossene Gebäude, nur noch Betongerippe.

Sommer 2015: Der Konflikt bricht wieder auf

In der Region flammt nun ein Konflikt wieder auf, der erstmals 1925 ausbrach, zwei Jahre nach Gründung der Republik Türkei, als die Kurden sich gegen die Bevormundung durch die Zentralregierung auflehnten. Im Ersten Weltkrieg hatten sie auf Seiten der osmanischen Truppen gegen die Briten und Franzosen gekämpft, in der Hoffnung auf Autonomie. Doch Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk wollte davon nichts mehr wissen.

Von 1984 bis 1999 kämpften die PKK, von der Türkei als Terrororganisation eingestuft, und türkische Sicherheitskräfte gegeneinander. Der Krieg, vor allem in den Bergen im Osten des Landes geführt, kostete mehr als 40.000 Menschen das Leben.

Nach der Wahl in der Türkei im Juni 2015, bei der die über ein Jahrzehnt lang allein regierende islamisch-konservative AKP ihre Regierungsmehrheit verlor und der HDP die Sensation gelang, als erste prokurdische Partei ins Parlament zu kommen, brach der Konflikt wieder auf. Koalitionsverhandlungen brachten kein Ergebnis, und Erdogan setzte eine Neuwahl an, die der AKP im November die absolute Mehrheit sicherte.

Im Wahlkampf hatten AKP-Politiker immer wieder betont, nur mit einer Alleinregierung könne die Gewalt ein Ende haben. Die Friedensverhandlungen der vergangenen drei Jahre waren gescheitert und damit Hoffnungen geschwunden, die Türkei würde diesen Konflikt endlich lösen. Nun wird wieder gekämpft, nicht in den Bergen, sondern in den Städten. Der Häuserkampf wird mit großer Brutalität geführt.

Ausgangssperre für alle

"Wir haben seit Tagen keinen Strom, die Lebensmittel werden knapp und das Wasser bleibt aus, weil Leitungen gesprengt werden oder weil sie zufrieren", sagt Zengin. Er reibt sich die Hände am Rohr eines alten Kohleofens. Kalt ist es in diesen Tagen, um die null Grad Celsius. Neulich sank die Temperatur auf minus 19.

Zengin hat sich in einem Gemeindezentrum eingefunden, wo er um Lebensmittelhilfe und Winterkleidung bittet. Es riecht nach verbranntem Holz, eine Frau verteilt Tee. Das Zentrum liegt auch in Sur, aber die Polizei hat die Ausgangssperre für diesen Teil des Viertels gelockert. Sicher sind die Menschen hier trotzdem nicht. Keine hundert Meter entfernt wird geschossen.

Die Mächtigen in der Türkei haben deutlich gemacht, welches Ziel sie verfolgen: Man wolle die PKK auslöschen und so lange kämpfen, "bis das Gebiet von allen Terroristen gesäubert ist", sagt Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Und Premierminister Ahmet Davutoglu droht, man werde die PKK "Viertel um Viertel, Haus um Haus und Straße um Straße bekämpfen".

Ziel der Ausgangssperre ist, dass alle Zivilisten in ihren Häusern bleiben. Wer diese Anordnung ignoriert, wird als Terrorist eingestuft und darf bekämpft werden.

"Dem Militär wäre es am liebsten, wir Zivilisten würden alle verschwinden. Dann könnten sie mit schweren Waffen gegen die PKK vorgehen", sagt ein Bewohner von Sur, der namentlich nicht genannt werden möchte. "Deshalb werden wir wieder und wieder eingeschüchtert, deshalb lässt man Leichen tagelang auf der Straße liegen, deshalb lässt man uns nicht einmal einkaufen gehen. Wer es doch tut, weil der Kühlschrank leer ist, begibt sich in Lebensgefahr."

Restaurantbetreiber in Sur, Diyarbakir: Seit Monaten tobt ein Krieg zwischen Polizei und Militär auf der einen und kurdischen Aufständischen auf der anderen Seite. Viele Geschäftsleute sagen, sie stehen vor dem wirtschaftlichen Aus.

Tabakhändler in Sur, Diyarbakir: Kurz vor Weihnachten haben die türkischen Sicherheitskräfte ihren Kampf gegen die PKK verschärft.

Hamid Zengin bittet im Gemeindezentrum in Sur um Lebensmittelhilfe und Winterkleidung.

Verlassene Wohnungen in Sur, Diyarbakir: Premierminister Ahmet Davutoglu sagt, man werde die PKK "Viertel um Viertel, Haus um Haus und Straße um Straße bekämpfen".

Ausgangssperre in Sur: Alle Zivilisten sollen in ihren Häusern bleiben. Wer diese Anordnung ignoriert, wird als Terrorist eingestuft und darf bekämpft werden.

Protest vor dem Rathaus von Diyarbakir: Ärzte verlangen ein Ende der Gewalt und ein Ende der wochenlangen Ausgangssperren.

Gerüchte von Todesschwadronen machen die Runde, von Männern, die in Geländewagen mit schwarz getönten Scheiben durch die Stadt fahren, verdächtig aussehende junge Männer festnehmen und mit ihnen verschwinden. "Niemand weiß, wohin sie sie mitnehmen", sagt einer. Ein anderer erzählt, er habe vergangene Woche gesehen, wie zwei Jugendliche an einem Platz am Stadtrand aus einem Geländewagen geladen und erschossen wurden. "Einfach so. Das waren zwei ganz normale junge Männer, keine Kämpfer."

Die Kugel geht durch beide Hände

"Der Staat geht vor wie in den Neunzigerjahren", sagt Zengin. Damals lebte er in einem Dorf rund hundert Kilometer von Diyarbakir entfernt. Unter dem Vorwand, die PKK zu bekämpfen, wurden die Menschen vertrieben und viele Dörfer niedergebrannt. "Ich zog nach Diyarbakir", erzählt Zengin. In jener Zeit wurden Orte wie Diyarbakir zu Großstädten, die Bevölkerung dort vervielfachte sich. "Nun muss ich mir wieder ein neues Zuhause suchen, weil ich mein altes verloren habe."

Ein Beispiel für die Einschüchterungstaktik ist Halis Karsu. Er füttert am Dienstag seine Tauben auf dem Dach seines Wohnhauses mitten in Sur, als plötzlich ein Schuss fällt. Karsu sitzt in der Hocke, als die Kugel ihn trifft. Sie durchschlägt beide Hände und bleibt im rechten Knie stecken. Karsu sackt zusammen. "Ich habe Glück, dass ich noch am Leben bin", sagt er. Seine Frau findet ihn und nimmt das Risiko in Kauf, ihn ins Krankenhaus zu bringen.

Verletzter Halis Karsu
Hasnain Kazim

Verletzter Halis Karsu

Karsu ist Putzmann an einer Schule, mit Politik hat er nichts am Hut. "Aber jetzt habe ich Angst und würde am liebsten wegziehen. Aber wohin? Ich hab doch kaum Geld." Wer auf ihn geschossen hat, weiß er nicht. Vielleicht türkische Sicherheitskräfte, vielleicht kurdische Kämpfer. Karsu sagt, das Töten müsse endlich ein Ende haben, alles andere sei ihm egal. Im Krankenhaus macht er sich Gedanken, wie es für seine Familie weitergehen soll. "Ich kann ja vorerst nicht mehr arbeiten. Irgendjemand muss uns also helfen."

Viele Bewohner in den kurdischen Gebieten der Türkei fühlen sich "wie Menschen zweiter Klasse", sagt eine Frau in Sur. "Nicht wie Menschen", wirft eine andere ein, "die Türken behandeln uns wie Tiere."

Wut auf die Soldaten - und auf die PKK-Jugend

Aber die Wut richtet sich nicht nur gegen die Sicherheitskräfte, sondern auch gegen die Anhänger der PKK-nahen Jugendorganisation YDG-H. Es sind Söhne und Töchter von Eltern, die in den Neunzigern aus ihren Dörfern vertrieben wurden. Manche sind Kinder von PKK-Mitgliedern, die im Kampf gegen den türkischen Staat starben. Jetzt stehen sie an vorderster Front, heben Gräben aus, errichten Straßenblockaden, legen Sprengfallen und schießen mit Kalaschnikows auf Polizisten und Soldaten.

"Das sind keine netten Jugendlichen, die uns beschützen", sagt ein kurdischer Geschäftsmann, dessen Laden in Sur liegt. "Sondern das sind radikalisierte Leute, die ihren Kampf in unsere Städte getragen haben." Dass den YDG-H-Anhängern trotz monatelangen Kampfes nicht Munition, Waffen und Sprengstoff ausgehen, spricht dafür, dass es sich um eine professionell organisierte Miliz handelt, nicht um eine Bürgerwehr, wie manche ihrer Mitglieder glauben machen wollen.

Und die PKK verübt seit Monaten Terroranschläge und bezeichnet das als Selbstverteidigung. Dabei greift sie auch Zivilisten an. Zuletzt starb am 23. Dezember bei einer Explosion auf dem Istanbuler Flughafen Sabiha Gökcen eine Putzfrau, ein Flugzeug wurde beschädigt.

Ein Geschäftsmann in Sur hat dennoch Sympathien für die PKK und die YDG-H-Kämpfer: "Wer, wenn nicht diese jungen Männer, sollen uns vor der Gewalt des türkischen Staates schützen?" Er zeigt auf Einschusslöcher in Hauswänden. "Gäbe es die YDG-H nicht, wäre hier längst alles komplett zerstört."

Europa? Hat andere Sorgen

Im Haus von Melek Alpaidin klafft ein Loch in der Außenwand. Drinnen, im Wohnzimmer, liegen ein blutverschmierter Teppich, Geschirr und Lebensmittelreste. Die 38-jährige Mutter und ihre drei Kinder saßen beim Frühstück, als eine Mörsergranate die Wand durchdrang und die Frau traf. Alpaidin war sofort tot, ihre Kinder überlebten und sind jetzt bei Verwandten.

Polizisten und Soldaten in Sur dürfen nicht mit Journalisten sprechen. Einige sind aber doch so frustriert darüber, dass sie als die Bösen dastehen, dass sie reden. "Das hier ist unser Land, die Türkei, aber wir haben keinen Zutritt. Und warum? Weil irgendwelche selbsternannten Verteidiger uns daran hindern", sagt einer.

Tatsächlich haben kurdische Kämpfer in mehreren Orten das Sagen, sie untergraben das staatliche Gewaltmonopol. Auf der anderen Seite trägt der Staat nichts dazu bei, die Akzeptanz der Sicherheitskräfte in der Bevölkerung zu erhöhen. Kurden sucht man in den Reihen der Soldaten und Polizisten vergeblich. Kein Wunder, dass sie von vielen als Besatzer wahrgenommen werden.

In einem sind sich die Bewohner von Sur einig: Die EU schaue weg und lasse die Kurden im Stich. "Europa sorgt sich doch nur darum, dass die Türkei nicht so viele Flüchtlinge kommen lässt", sagt ein Ladenbesitzer in Sur, dessen Geschäft seit vier Wochen geschlossen ist. "Deshalb wollen die Politiker in Deutschland, Frankreich und anderswo es sich nicht mit der Türkei verscherzen. Und wie immer in der Geschichte sind wir Kurden am Ende die Verlierer."

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Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

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Seite 1
warkeinnickmehrfrei 10.01.2016
1. Das macht doch nichts, das merkt doch keiner....
Psst...nicht darüber berichten, Frau Merkel braucht den Erdogan doch zur Lösung der Flüchtlingskrise. Wäre man jetzt ein Schelm, der Arges dächte, dann könnte man auf die Idee kommen , dass Erdogan die Situation in der Hoffnung gezielt eskaliert , dass demnächst irgendwann die versprochene Visafreiheit greift und sich sein "Kurdenproblem" dann auf nach Deutschland macht.
thelix 10.01.2016
2. Bitte!
Liebe SpOn-Redaktion, bittebitteBITTE hört mit dieser unsäglichen Sitte der Auto-Start-Videos auf! Es gibt wirklich kaum was nervenderes!!!
ex2012 10.01.2016
3. Passt, doch noch mehr Flüchtlinge!
Wetten, dass die auch nach D. wollen und kommen werden? Bravo, Merkel! Krauss Maffei Wegmann und Heckler und Koch freuen sich trotzdem.
chico 76 10.01.2016
4. Erdogan scheint die
nächste Flüchtlingswelle zu erzeugen, dafür waren die 3 Milliarden nicht gedacht. Da die türkischen Wähler dies anscheinend nicht bestrafen, sehe ich für die Türkei keinen Weg in die EU. Dass die grosse Mehrheit der bei uns lebenden Türken Erdoganwähler sind, bekommt man ein Gespür dafür, wie sich Integration von Muslimen gestaltet. Köln u.s.w. dürften erst der Anfang gewesen sein. Wenn Juden, wie in F., massenhaft nach Israel auswandern, haben wir das Werk vollbracht. Danke Fr.Merkel, gut gemeint schlecht gemacht.
Havel Pavel 10.01.2016
5. Die nächste Flüchtlingswelle ist schon vorprogrammiert
Die nächsten Kriegsflüchtlinge werden dann wohl aus der Türkei nach Europa strömen, vornehmlich natürlich nach Deutschland, da hier ja schon die Grundsteine für eine neur türkische Volksgruppe gelegt sind. Vielleicht sollte man die Türkei aufgrund der aktuellen Ereignisse noch schnell in die EU aufnehmen, damit wird die Einreise nach Deutschland für die Betroffenen doch wesentlich vereinfacht und man könnte damit solche Flüchtlingstragödien wie sie sich zur Zeit abspielen vermeiden.
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