Überblick zur Syrien-Krise Türkei gegen IS und PKK - wer will was?

Die Kurden bekriegen den IS - und die Türkei bombardiert nun beide Parteien. Was passiert in der Grenzregion? Welche Ziele verfolgen die Akteure? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

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Warum eskaliert der Konflikt?

Auslöser war der Bombenanschlag in der türkischen Stadt Suruc am vergangenen Montag. Dabei kamen 32 Menschen ums Leben; die Tat wird dem "Islamischen Staat" (IS) zugeschrieben. Zwei Tage später wurden zwei türkische Polizisten nahe der syrischen Grenze getötet. Zu dem Attentat bekannte sich die kurdische Arbeiterpartei PKK. Ihre Begründung: Die Sicherheitskräfte hätten nicht genug getan, um das Blutbad von Suruc zu verhindern.

Vor allem der Anschlag von Suruc setzt Ankara unter Druck, das bis dahin ein Erstarken des IS größtenteils geduldet hatte. Seit Freitag fliegt die türkische Armee Luftangriffe gegen den IS - aber auch gegen kurdische Kämpfer im Nordirak. In der Nacht zum Samstag gab es eine weitere Angriffswelle, es soll auch Angriffe vom Boden aus gegeben haben.

Wie hat der Westen auf die Angriffe gegen IS und PKK reagiert?

Uneins. Sowohl die deutsche Regierung als auch die EU kritisieren, dass bei dem türkischen Doppelschlag auch PKK-Lager angegriffen wurden. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sorgt sich vor allem um den Friedensprozess zwischen der Türkei und den Kurden. Deren militärischer Flügel hatte nach den ersten Angriffen am Freitag verkündet, der 2013 ausgehandelte Waffenstillstand habe keine Bedeutung mehr. Merkel mahnte den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu am Wochenende, am Friedensprozess festzuhalten. Außerdem erinnerte sie ihn an das "Gebot der Verhältnismäßigkeit".

Aus den USA hieß es hingegen, die Türkei habe das Recht, sich gegen Attacken der kurdischen Rebellen zur Wehr zu setzen.

Was haben die USA und die Türkei miteinander vereinbart?

Bereits am vergangenen Mittwoch gab es ein Telefonat zwischen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und US-Präsident Barack Obama. Darin vereinbarten beide, im Kampf gegen den IS stärker zusammenzuarbeiten. In einem ersten Schritt erlaubte die Türkei der US-amerikanischen Armee, den strategisch wichtigen Luftwaffenstützpunkt Incirlik für Schläge gegen den IS zu nutzen.

Wo das türkische Militär angreift

(Auswahl, da nicht alle Orte bekannt; Stand: 27. Juli)

Quellen: Reuters, AFP, dpa


Zudem wollen beide Länder eine Sicherheitszone entlang der türkisch-syrischen Grenze errichten, wie die "Washington Post" berichtet. Der Korridor soll etwa 110 mal 65 Kilometer umfassen. Dieses Gebiet wird derzeit noch vom IS kontrolliert. Es ist der letzte Streifen entlang der türkischen Grenze, über den die Dschihadisten ausländische Kämpfer aus der Türkei einschleusen können.

Welches Ziel verfolgt Washington?

Für die Vereinigten Staaten steht der Kampf gegen den IS an erster Stelle. Die "Washington Post" zitiert eine anonyme Quelle aus dem Militär: "Ziel ist es, eine IS-freie Zone zu errichten und die Sicherheit und Stabilität entlang der türkischen Grenze zu erhöhen." Der Plan werde die US-Armee und ihren Verbündeten näher als je zuvor an die Gebiete bringen, die sonst von syrischen Kampfflugzeugen bombardiert werden. Der US-Einfluss in Syrien würde also wachsen. Einen Einsatz von US-Einheiten am Boden lehnt Washington aber weiter ab.

Türkische Angriffe gegen IS und PKK: Wie der Konflikt eskaliert
Montag, 20. Juli 2015

Bei dem Selbstmordanschlag vor dem Kulturzentrum in Suruc im Südosten der Türkei werden 32 Menschen getötet, die meisten davon Studenten. Rund hundert Menschen werden verletzt. Suruc liegt nur zehn Kilometer von der zerstörten syrischen Stadt Kobane entfernt. Den türkischen Behörden zufolge ist die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) für das Attentat verantwortlich.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Zwei türkische Polizisten werden in der Stadt Ceylanpinar getötet. Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK bekennt sich zu den Morden. Sie seien als Vergeltung für das Attentat in Suruc verübt worden, heißt es in einer Erklärung. Viele Kurden werfen der türkischen Regierung schon lange vor, die Extremistenmiliz IS in Syrien heimlich zu unterstützen, um die Kurden zu schwächen. Die PKK kämpft seit Jahrzehnten für mehr Autonomie der Kurden.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Die Türkei verstärkt ihre Schutzmaßnahmen entlang der 900 Kilometer langen Grenze zu Syrien. Auf 150 Kilometern werde eine Mauer errichtet, kündigt die Regierung an. 20.000 Soldaten sind im Einsatz. Bei Gefechten in der türkischen Provinz Kilis an der Grenze zu Syrien sterben ein Soldat und ein IS-Kämpfer. Vier weitere Soldaten werden verletzt.

Freitag, 24. Juli 2015

Türkische Kampfjets bombardieren in den frühen Morgenstunden Stellungen des IS in Syrien. In der gesamten Türkei geht die Anti-Terror-Polizei mit einer groß angelegten Razzia gegen IS-Leute und kurdische Extremisten vor. Hunderte werden festgenommen. Präsident Recep Tayyip Erdogan erlaubt den USA, die Luftwaffenbasis Incirlik für Luftschläge gegen den IS zu nutzen.

Samstag, 25. Juli 2015

Die Türkei fliegt neue Angriffe gegen den IS und erstmals offiziell auch gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK. Die spricht von einem Bruch der Waffenruhe und ruft zum Kampf auf. In Ankara geht die Polizei gegen Anti-Kriegs-Demonstranten vor.

Sonntag, 26. Juli 2015

Die Türkei bombardiert erneut Stellungen der PKK im Irak (Eine Analyse lesen Sie hier). Kanzlerin Angela Merkel appelliert in einem Telefonat mit Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, den Friedensprozess mit den Kurden nicht aufzugeben. Ankara erbittet eine Sondersitzung der Nato-Botschafter.

Montag, 27. Juli 2015

Die Kurden-Miliz YPG wirft der Türkei vor, Stellungen ihrer Einheiten in Syrien angegriffen zu haben. Dem syrischen Ableger der PKK zufolge werden sie von der türkischen Armee gezielt beschossen. Das Außenministerium in Ankara dementiert.

Was will die türkische Regierung?

"Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen" - so beschreibt die türkische Tageszeitung "Hürriyet" das Ziel der Regierung in Ankara. Zwar wollten sie den IS von der türkischen Grenze zurückdrängen. Eine Sicherheitszone soll aber gleichzeitig die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) davon abhalten, volle Kontrolle über die türkisch-syrische Grenze zu übernehmen. Ankaras Sorge ist demnach, dass die Kurden die Region westlich von Kobane einnehmen und damit ihre Gebiete entlang der türkisch-syrischen Grenze verbinden.

Aufforderungen, die Kurden in Nordsyrien in ihrem Kampf gegen den IS zu unterstützen, hatte die türkische AKP-Regierung in der Vergangenheit stets zurückgewiesen. Mit einem Erstarken des IS konnte sich Ankara also bis zur vergangenen Woche arrangieren, mit einem kurdischen Staat nicht. Nun steigt sie zwar in den Anti-IS-Kampf ein - beschießt aber eben auch die Kurden.

Was will die PKK?

Die kurdische Arbeiterpartei kämpft für mehr Selbstverwaltung im Südosten der Türkei. Zuletzt hatte man sich mit der Türkei in einem mühsamen und zeitintensiven Prozess angenähert. Nach den Luftschlägen der Türken ist es damit vorbei. Die PKK wird von der türkischen Regierung, der EU und den USA jedoch als Terrororganisation eingestuft.

Wie verhält sich die Nato?

Die Nato wird am Dienstag ein Notfall-Treffen abhalten, um die Situation zu besprechen. Die Türkei hatte als Nato-Mitglied um den Termin gebeten. Ankara beruft sich dafür auf den Artikel 4 des Nato-Vertrags: "Die Parteien werden einander konsultieren, wenn nach Auffassung einer von ihnen die Unversehrtheit des Gebiets, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit einer der Parteien bedroht ist."

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Diyarbakir: Spannungen an der türkisch-syrischen Grenze
insgesamt 144 Beiträge
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Justitia 27.07.2015
1.
Nachdem die Türkei nun vor allem gegen die Kurden vorgeht, war der ursprüngliche nur eine Angriff auf ISIS wohl nichts anderes als eine Finte und Alibiaktion, um vor dem eigentlichen Ziel von Erdogan abzulenken, den fortwährenden Angriff auf die Kurden zu rechtfertigen.
tsk2k 27.07.2015
2. Terror, sponsored by SPON
Soll das eigentlich ein schlechter Scheez sein ? Die Pkk soll als Racheakt auf die Angriffe der türkischen Regierung die Polizisten hinterhältig erschossen haben? Was ist denn das für eine schlechte und falsche Berichterstattung? Nach dem Anschlag in Suruc der IS hat die PKK als Vergeltung türkische Polizisten umgebracht und erst auf diese Terroranschläge hat die türkische Armee reagiert und die PKK bombardiert.
syssifus 27.07.2015
3. Wann
kommt das Hilfeersuchen an die Nato-Mitglieder,weil der Bündnisfall eingetreten ist ? Wir werden dann die Drecksarbeit machen,so wie Peter Scholl Latour es ausdrückte !
go-west 27.07.2015
4. Es wird höchste Zeit,
daß EU und USA ihre Haltung gegenüber den Kurden überdenken. Deren Streben nach einem eigenen Staat ist nicht weniger als legitim, um zu entwickeln entwickeln sich als zuverlässiger Partner, ganz im Gegensatz zu der Türkei. Auch gegenüber Letzterem müssen wir unsere Haltung überdenken. Besser ein klar erkennbar Gegner als ein falscher Freund.
empörteuch! 27.07.2015
5. Kann man dulden
wie die Türkei vorgeht? ich kann es mit den "Mitteln" des Zeitungslesers nicht beurteilen. Einerseits agiert sie sehr menschlich - es sind viele Flüchtlingee dort aufgenommen worden, andererseits drehen sie in der Kurdenfrage durch - denn aus türkischer Sicht gibt es da keine Frage. Warum der Herr Kalif dem Herrn Palasterbauer imponiert scheint allerdings verständlich. Erdogan weiss, dass es einen türkischen Weg mit dem Kalifat klarzukommen geben würde.
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