Gewalt im Südosten der Türkei Der Krieg ist schon da

Nachts fliegen die Molotowcocktails der kurdischen Jugendlichen - und die Kugeln der Polizei: Im südosttürkischen Cizre, an der Grenze zu Syrien und dem Irak, ist der Krieg längst angekommen. Ein Besuch.

Straßenblockade in Cizre: Wenn es dunkel wird, fallen die Schüsse
Hasnain Kazim

Straßenblockade in Cizre: Wenn es dunkel wird, fallen die Schüsse

Aus Cizre berichtet


Als der gepanzerte Polizeiwagen um die Ecke biegt, zieht sich der junge Kommandeur der kurdischen Miliz die Maske ins Gesicht. "Feuerzeug!", befiehlt er einem Kerl, der neben ihm steht. Der Maskierte nimmt eine Feuerwerksrakete und schießt sie in den nächtlichen Himmel. Seine Mitstreiter in den umliegenden Straßenzügen wissen nun: Die Polizei ist da - der Kampf kann beginnen.

Kurdische Jugendliche gegen die türkische Staatsmacht, so verläuft die Front in Cizre. Wer in Istanbul oder Ankara befürchtet, die Türkei könnte in den Bürgerkrieg der Achtziger- und Neunzigerjahre zurückfallen, muss nur hierher kommen. In den äußersten Südosten des Landes. Hier ist der Krieg längst angekommen.

Cizre ist eine Stadt mit gut hunderttausend Einwohnern. Die Grenze zu Syrien liegt nah, nur zwei Kilometer entfernt. Bis in den Nordirak fährt man etwa 30 Kilometer. Die meisten Einwohner sind Kurden, die Polizisten aber allesamt Türken. Die jugendlichen Kämpfer gehören der YDG-H an, einer Jugendorganisation der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Unterstützt wird sie vom syrischen Ableger der PKK (YPG).

Seit die Türkei vor zwei Wochen mit Luftschlägen nicht nur gegen Stellungen des "Islamischen Staats" (IS) in Syrien, sondern vor allem gegen kurdische Kämpfer in Syrien, im Irak und sogar im eigenen Land begonnen hat, liefert sich die YDG-H in dieser Stadt eine blutige Schlacht mit der Polizei.

"In Deckung!", schreit der Kommandeur, der für die PKK-Jugend kämpft. Aus Richtung des Polizeiwagens wird geschossen. Es ist scharfe Munition, die Geschosse schlagen in eine Wand ein, Steinsplitter regnen herab. "Hurensöhne!", murmelt einer der kurdischen Kämpfer. Er stopft Lunten in mit Benzin gefüllte Bierflaschen. Als das Polizeifahrzeug sich langsam weiterbewegt, zündet er den Molotowcocktail an und wirft ihn in Richtung der Sicherheitskräfte. Die Flasche zerplatzt auf der Straße, eine Stichflamme schießt in die Höhe.

Weitere Kämpfer mit Pistolen und Kalaschnikows tauchen auf. "Wir schießen damit nicht auf die Polizei", sagt einer.

Aber wozu dann diese tödlichen Waffen?

"Damit unsere Feinde uns ernst nehmen." Als der gepanzerte Wagen einen Moment stehen bleibt, stellt er sich für ein paar Sekunden mit seiner Maschinenpistole demonstrativ in die Mitte der Gasse. Auf Provokation folgt Gegenprovokation, auf Gewalt Gegengewalt. Der Irrsinn des Krieges wird in diesen Tagen in den Straßen von Cizre deutlich.

Eine erste Eskalation hatte der 7. Juni gebracht, als die HDP als erste prokurdische Partei ins Parlament einzog. Sie holte 13 Prozent und nahm der bis dahin mehr als ein Jahrzehnt lang allein regierenden AKP die Macht. Danach gab es im ganzen Land Hoffnung, dass der vor zwei Jahren begonnene Friedensprozess fortgesetzt und die Türkei ein friedliches, pluralistisches Land werden könnte. In Cizre dagegen wuchsen die Spannungen.

Die Menschen hier verheimlichen nicht, dass sie Sympathien für die PKK hegen. Die Kämpfer der Milizen werden als Beschützer empfunden: vor Polizeigewalt und Kriminellen. "Seit die jungen Männer hier für Ordnung sorgen, gibt es kaum noch Verbrechen, keine Drogen und keine Prostitution", sagt ein Händler. So oder ähnlich äußern sich viele. An Hauswände und Mauern ist das Konterfei des inhaftierten PKK-Anführers Abdullah Öcalan gesprüht.

Kurdischer Wandspruch in Cizre: Zeichen des Widerstandes
Hasnain Kazim

Kurdischer Wandspruch in Cizre: Zeichen des Widerstandes

"Erdogan hat mit Luftangriffen gegen die PKK begonnen", sagt der Kommandeur mit der Maske. Das Bombardement auf Stellungen kurdischer Milizen sei "eine Kriegserklärung an alle Kurden".

Er verschweigt, dass die PKK noch vor Beginn des Bombardements der türkischen Luftwaffe damit begonnen hatte, Polizisten und Soldaten zu erschießen oder sie mit Bomben in die Luft zu sprengen. Er nennt das, was die PKK macht, nicht beim Namen: Terror.

"Wer terrorisiert wen?", fragt der Kommandeur nun aufgebracht. "Töten wir schuldlose Teenager? Treten wir wie Besatzer auf und unterdrücken alle, die nicht so sind wie wir? Nein, die türkische Polizei macht das!" Ihr gehe es nicht darum, die PKK zu bekämpfen, schon gar nicht, den IS zu besiegen. Sondern nur darum, Chaos zu verbreiten. "Erdogan und seine Leute wollen Neuwahlen und sich selbst als die Guten und Starken präsentieren. Die HDP soll aus dem Parlament gedrängt werden."

Seit vergangenen Oktober sind in Cizre acht Jugendliche von Sicherheitskräften getötet worden, bei Solidaritätskundgebungen für die syrische Grenzstadt Kobane vor ein paar Monaten, einfach so. Die Polizei behauptete jedes Mal, es habe sich um Terroristen gehandelt, um Mitglieder von YDG-H oder YPG.

Kaputte Straßen in Cizre: Spuren der Nacht
Hasnain Kazim

Kaputte Straßen in Cizre: Spuren der Nacht

Wie im Fall von Hasan Nerse, einem 17-jährigen Schüler. Er war vergangenen Mittwoch zu später Stunde mit drei Freunden unterwegs. Sie fuhren mit dem Auto, als Polizisten sie in der Stadt stoppten und zum Aussteigen auffordern. Die Freunde liefen weg, Hasan blieb stehen. Trotzdem eröffneten die Polizisten das Feuer und trafen ihn in beide Knie. Hasan fiel zu Boden, schrie vor Schmerzen. Die Polizisten legten ihm Handschellen an und fesselten seine Füße.

"Bist du Kurde oder Türke?", brüllte ihn ein Polizist an. "Kurde", antwortete Hasan. Der Polizist zückte seine Pistole und drückte ab. Eine Kugel traf Hasan in die Brust. Er verblutete.

Zumindest die Tötung lässt sich überprüfen. Mehrere Augenzeugen haben die Schüsse gefilmt und fotografiert. Die Bilder belegen, dass die Polizei einen in diesem Moment wehrlosen Jungen erschossen hat.

Hasans Vater, Haci Nerse, ein Lastwagenfahrer, sitzt in seinem Garten. "Mein Junge", sagt er und schaut sich Bilder von ihm auf seinem Smartphone an. "Er war niemals ein Kämpfer", sagt er. "Heute genügt es wieder, ein Kurde zu sein, um dafür umgebracht zu werden."

Löcher in den Gartenmauern

Das Gefecht in dieser Nacht dauert an. Die kurdischen Milizen haben Barrikaden aus Autoreifen errichtet, Straßen mit Steinen abgesperrt und Gräben ausgehoben, damit die Polizei nicht zu ihnen vordringen kann. Im Gegenzug hat die Polizei Gartenmauern zerstört und fährt nun über private Grundstücke, um die Hindernisse zu umgehen.

Straßensperren und Barrikaden in Cizre: Nachts toben die Kämpfe
Hasnain Kazim

Straßensperren und Barrikaden in Cizre: Nachts toben die Kämpfe

Aus mehreren Stadtteilen steigen Feuerwerksraketen in die Luft. Schüsse hallen über die Viertel. Die Berge rings um die Stadt brennen. Auf mehr als tausend Metern Höhe lodern die Flammen in den Himmel, im Mondschein sieht man den Qualm aufsteigen. Der Geruch von Feuer mischt sich mit dem von Tränengas. Die Armee hat die Wälder angezündet, weil sie glaubt, dass sich dort PKK-Mitglieder verstecken.

Am nächsten Morgen zeugen Einschusslöcher in den Wänden und zerstörte Mauern von den Kämpfen. Und auch bei Tageslicht hört die Gewalt nicht auf. Ein Mann geht eine Straße entlang. Plötzlich sackt er zusammen. Aus seiner Brust quillt Blut. Eine Kugel hat ihn in den Rücken getroffen und seinen Körper durchdrungen. Der Schütze, vermuten Männer, die herbeieilen, ist ein Polizist. Sie bringen den Schwerverletzten ins Krankenhaus. Die Ärzte schicken ihn ins nächstgrößere Hospital in die Stadt Diyarbakir, drei Autostunden von Cizre entfernt. Er wird überleben, sagen sie.

Die Polizei feuert - die Medien schweigen

Dort, wo der Mann zusammengebrochen ist, stehen eine Stunde später einige Nachbarn. Plötzlich taucht ein gepanzerter Polizeiwagen auf und schießt mit Tränengas auf sie. Dreimal feuert die Polizei. Vielleicht, um zu demonstrieren, dass sie die Macht hat in dieser Straße. Dass sie noch eine Menge Kartuschen übrig hat vom nächtlichen Kampf.

Wandbotschaften der kurdischen Kämpfer in Cizre
Hasnain Kazim

Wandbotschaften der kurdischen Kämpfer in Cizre

Die türkischen Medien schreiben nichts über den Schuss auf den Mann, so wie sie auch über den toten Hasan Nerse kaum ein Wort verlieren. Dafür berichten sie über den Tod von zwei Soldaten, die in der Nacht bei einem Bombenattentat der PKK im 30 Kilometer entfernten Sirnak ums Leben gekommen sind. Es ist ein Terrorakt, den die Regierung wieder dazu nutzen wird, ihrerseits Gegenmaßnahmen zu rechtfertigen. Aber die Öffentlichkeit erfährt nur von der Gewalt der einen Seite.

Doch wer angefangen hat, spielt ohnehin fast keine Rolle mehr.

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