Polizeigewalt bei Gezi-Protest Türkischer Junge stirbt nach neun Monaten Koma

Berkin Elvan wollte nur Brot holen, er hatte mit den Gezi-Protesten in Istanbul nichts zu tun. Ein Tränengas-Geschoss traf ihn am Kopf. Neun Monate lag er im Koma, jetzt ist der 15-Jährige gestorben. Der Staat verweigert die Aufklärung des Falls und deckt die Polizei.

REUTERS

Von , Istanbul


Am Ende wog Berkin Elvan nur noch 16 Kilogramm. Verdammt wenig für einen 15-Jährigen, lebensgefährlich wenig. Seit Freitag hielten Freunde und die Familie des Jungen Mahnwache vor dem Krankenhaus im Istanbuler Stadtteil Sisli. Ein paar Tage schaute die Polizei zu, dann beendete sie den Protest und nahm zehn Leute fest, angeblich weil sie Barrikaden errichtet hatten.

Berkin Elvan ist am Dienstagmorgen gestorben. Das teilte seine Familie über Twitter mit. "Möge er in Frieden ruhen", heißt es dort. Er ist das achte Todesopfer der Gezi-Proteste vom Sommer 2013 - sieben Zivilisten und ein Polizist. Damals entwickelte sich eine Demonstration von Umweltschützern im Istanbuler Gezi-Park gegen das Abholzen von Bäumen zu einem landesweiten Protest gegen den autoritären Regierungsstil von Premierminister Recep Tayyip Erdogan.

Seit dem 16. Juni lag Berkin im Koma. 269 Tage lang hofften die Menschen mit ihm. Der Junge war zum Symbol geworden für die Opfer der brutalen Härte der Sicherheitskräfte während der Gezi-Proteste. Er war von einem Tränengasgeschoss der Polizei am Hinterkopf getroffen worden, obwohl er mit Gezi nichts zu tun hatte.

An jenem Sonntagmorgen machte Berkin sich in aller Frühe auf den Weg, um Brot zu holen für das Frühstück. "Hier in unserem Viertel in Okmeydani war damals viel los", erzählte Sami Elvan, Berkins Vater, vor ein paar Tagen. "Es waren viele Demonstranten und Polizisten auf den Straßen, hier und da wurde mit Tränengas geschossen. Berkin sagte, er habe keine Angst, er werde sich beeilen."

Aber er kam nicht wieder zurück. Augenzeugen berichten, er sei vorsichtig gewesen, habe sich umgeschaut und die Menschenansammlungen gemieden. Als er um eine Straßenecke bog, stieß er auf Polizisten. Was die dachten, ob Worte fielen, all das lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Aber Beobachter berichten, dass einer von ihnen aus nur wenigen Metern Entfernung eine Tränengasgranate auf Berkin feuerte.

Der Junge fiel zu Boden, er blutete stark. Zufällig kamen Nachbarn vorbei, sie fuhren ihn sofort ins Krankenhaus und informierten Berkins Eltern. In den Tagen nach dem Vorfall las man in türkischen Zeitungen gelegentlich von dem Jungen. Dann hörten die Berichte auf. Ein Name wurde nie genannt.

Kritik unerwünscht

Türkische Journalisten berichten, sie seien unter Druck gesetzt worden, wenn sie über den Fall schrieben. "Die Regierung empfand das offensichtlich als Kritik an ihrem Vorgehen, das war nicht erwünscht", sagt einer, der seinen Namen nicht genannt wissen will. Mehrere Kollegen hätten Ärger bekommen, weil sie negativ über die Sicherheitskräfte schrieben. Die meisten Zeitungsbesitzer sind Industrielle, die mit den politisch Mächtigen gut verdrahtet sind.

Auch Sami Elvan, der Vater, fühlte sich unter Druck gesetzt. Er werde von Polizisten verfolgt, sagte er. Man habe von ihm erwartet, dass er seine Stimme nicht gegen den Staat erhebe.

Im Januar feierten sie noch den 15. Geburtstag von Berkin, im Krankenhaus, an seinem Bett. Freunde brachten Kuchen und Kerzen mit. Die Hoffnung, dass er überleben werde, war mal größer, mal kleiner. An jenem Tag sagte der Vater: "Heute ist ein schlechter Tag. Heute geht es meinem Jungen nicht so gut." Drei Operationen musste Berkin über sich ergehen lassen, dreimal überstand er einen Herzstillstand, zuletzt vergangene Woche.

"Der Staat deckt den Täter"

Nach Bekanntwerden von Berkins Tod kam es am Dienstagvormittag vor dem Krankenhaus erneut zu Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Polizei. Überall in der Türkei, vor allem an den Universitäten, kamen Menschen spontan zu Protesten zusammen.

Berkins Vater fordert Gerechtigkeit. Er möchte, dass die Verantwortlichen verurteilt und bestraft werden. Aber bislang ist nicht einmal der Name des Schützen bekannt. Anwälte haben die Herausgabe der Liste mit den Namen der diensthabenden Polizisten an jenem Tag in Okmeydani verlangt, außerdem Material von Kameras, die die Situation eingefangen hätten. Es war ein Tag, an dem die Polizei die Demonstranten mit Gewalt auseinandertrieb.

"Aber wir haben nichts erhalten, keine Liste, kein Filmmaterial. Der Staat deckt den Täter, weil er ein Polizist ist", sagt Sami Elvan. Die Regierung schere sich nicht um Gerechtigkeit. Sie schütze ihre Polizisten. Bestraft wird nur, wer es an Loyalität gegenüber der Regierung mangeln lässt. So wurden in Folge der Korruptionsaffäre, die die Regierung seit dem 17. Dezember erschüttert, mehrere tausend Polizisten, aber auch Staatsanwälte, Richter und Beamte strafversetzt oder vom Dienst suspendiert. Im Fall Berkin Elvan dagegen gibt es nicht einmal Ermittlungen. Regierungschef Erdogan hatte selbst stolz verkündet, er habe der Polizei den Befehl gegeben, mit Härte gegen "die Terroristen" vorzugehen, wie er die Demonstranten bezeichnete.

Immerhin rief am Montag Staatspräsident Abdullah Gül bei Sami Elvan an, als der Junge im Sterben lag. "Es tut mir leid, was passiert ist. Ich fühle mit Ihnen. Bitte lassen Sie mich wissen, wenn ich etwas für Sie tun kann", sagte er, berichtet die Zeitung "Hürriyet". Elvan beschwerte sich über das harte Vorgehen gegen die Teilnehmer der Mahnwache vor dem Krankenhaus am Montagmorgen. Gül versprach, der Sache nachzugehen.

Die Anwälte der Familie Elvan veröffentlichten eine Mitteilung, in der es heißt, Berkin habe "gegen die Verletzungen gekämpft wie unser Volk gegen diesen Faschismus kämpft".

Berkin jedenfalls hat diesen Kampf verloren.

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