Vergeltung für Granatenbeschuss: Türkei greift Ziele in Syrien an

Türkische Streitkräfte haben nach einem tödlichen Granatenbeschuss aus Syrien Vergeltungsschläge gestartet. "Dieser Angriff ist von unseren Streitkräften sofort erwidert worden", erklärte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Der Nato-Rat verurteilte den syrischen Angriff.

Türkei: Vergeltungsschlag an der Grenze Fotos
REUTERS

Ankara/Damaskus - Die Spannungen zwischen der Türkei und Syrien sind eskaliert. Nachdem am Mittwoch von Syrien abfeuerte Granaten fünf Menschen in der Türkei getötet hatten, reagierte die Regierung in Ankara ihrerseits mit dem Beschuss syrischer Ziele. "Dieser Angriff ist von unseren Streitkräften sofort erwidert worden", erklärte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Abend.

Die türkischen Streitkräfte feuerten demnach "auf Ziele entlang der Grenze, die mit Radar identifiziert" worden waren. Es seien Ziele ausgewählt worden, von denen aus das türkische Dorf Akcakale beschossen worden sei, hieß es. Weitere Einzelheiten waren zunächst nicht bekannt.

Zuvor waren bei Granateneinschlägen in Akcakale mehrere Menschen ums Leben gekommen. Laut dem Nachrichtensender CNN Türk handelte es sich dabei um eine Mutter und ihre vier Kinder. Fernsehbilder zeigten Dorfbewohner, die in Panik über die Straßen rannten oder Deckung suchten. Ob die Granaten von Truppen des Diktators Baschar al-Assad oder den Rebellen abgefeuert wurden, ist unklar. Syrien erklärte am Abend, dass es den Vorfall untersuchen werde, und sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. Weiterhin teilte das Land mit, dass das Land die Souveränität seiner Nachbarländer anerkenne.

Türkische Sicherheitskreise vermuteten, dass die in Akcakale eingeschlagenen Geschosse von syrischen Regierungstruppen abgefeuert wurden. Der Vize-Regierungschef Bülent Arinc hatte in einer ersten Reaktion erklärt, dieser Angriff gehe zu weit. Er verwies darauf, dass die Türkei als Nato-Mitglied Anspruch auf Beistand habe, wenn sie angegriffen werde.

Dringlichkeitssitzung des Nato-Rats

Der Nato-Rat hat der Türkei am Mittwochabend im Konflikt mit Syrien einhellig seine "Unterstützung" zugesichert. Der Grenzzwischenfall wurde von den 28 Mitgliedstaaten "verurteilt". Der Nato-Rat war aufgrund des Vorfalls auf der Grundlage von Artikel 4 des Nato-Vertrags kurzfristig zusammengerufen worden und ging nach einer etwa einstündigen Sitzung wieder auseinander. Artikel 4 sieht Konsultationen vor, wenn ein Mitglied seine Sicherheit gefährdet sieht.

Das Bündnis bekräftigte seine Stellungnahme vom 26. Juni, nach der es die Lage in Syrien "genau beobachtet". Die Grenzverletzungen durch Syrien wurden als "aggressive Handlungen" verurteilt und als "Verstoß gegen das internationale Recht" eingestuft. Die syrische Führung müsse die "Verletzung internationalen Rechts beenden", forderte der Nato-Rat.

Auch US-Außenministerin Hillary Clinton hatte der Türkei bereits vor dem Vergeltungsschlag ihre Unterstützung zugesagt. "Wir sind empört, dass die Syrer über die Grenze geschossen haben", sagte Clinton: "Wir bedauern den Verlust von Menschenleben auf der türkischen Seite." Ähnlich äußerte sich auch der deutsche Außenminister Guido Westerwelle: "Wir verurteilen diese Gewalt in aller Schärfe." Er forderte die syrische Regierung auf, sich für die Gewalt zu entschuldigen.

Die Uno zeigt sich zutiefst besorgt

Schon seit Monaten kommt es bei den Kämpfen zwischen syrischen Truppen und Rebellen zu Zwischenfällen auf türkischem Hoheitsgebiet. Mehrere Türken wurden von Schüssen aus Syrien verwundet. Im April waren nach türkischen Angaben mindestens fünf Menschen verletzt worden, als syrische Kugeln ein Flüchtlingscamp in Kilis, weiter westlich an der türkisch-syrischen Grenze trafen. Die türkische Armee hatte ihre Truppen an der 900 Kilometer langen Grenze bereits aufgestockt und die Luftüberwachung verschärft, nachdem Syrien im Juni ein türkisches Flugzeug abgeschossen hatte.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte sich bereits am Mittwochnachmittag zutiefst besorgt über das syrisch-türkische Verhältnis gezeigt. Die Türkei müsse alle Kommunikationskanäle zu syrischen Behörden offenhalten, um einen weiteren Aufbau von Spannungen zu vermeiden, sagte Ban nach Angaben eines Sprechers bei einem Telefonat mit dem türkischen Außenminister Davutoglu. Dieser hatte zuvor auch mit dem internationalen Syrien-Sondervermittler Lakhdar Brahimi über den Vorfall in Akcakale gesprochen.

In Syrien selbst gab es am Mittwoch Dutzende Tote. In den umkämpften Städten Aleppo und Deir as-Saur explodierten insgesamt fünf Autobomben vor öffentlichen Gebäuden. Bei allen fünf Explosionen seien vor allem Angehörige der Regierungstruppen getötet worden, meldeten Aktivisten.

Die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter sprach von 48 Toten und etwa 100 Verletzten alleine in Aleppo. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete, 31 Menschen seien durch die ersten drei Autobomben getötet worden. Aus Deir as-Saur, wo eine in einem Kleinlaster versteckte Bombe direkt vor dem Gebäude der sogenannten Behörde für "Politische Sicherheit" explodierte, lagen keine Opferzahlen vor.

stk/Reuters/dpa/AP

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1. Krieg unvermeidlich
abc-xyz 03.10.2012
Zitat von sysopAls Reaktion auf einen tödlichen Granatenbeschuss aus Syrien hat die türkische Arme Ziele im Nachbarland angegriffen. Die Regierung in Ankara teilte mit, der Angriff gehe "zu weit". Türkei greift Ziele in Syrien an - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-greift-ziele-in-syrien-an-a-859360.html)
Ich halte den Krieg für unausweichlich. Das Versagen des UN Sicherheitsrates, die fortwährende Auseinandersetzung am Boden und Engstirnigkeit einer unverbesslichen Despotie waren alle gleichermaßen daran verantwortlich. Der heutige Beschuss auf türkischen Boden war nur drt Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es ist verständlich, dass die Türkei ihre Bürger schützen will und muss.
2.
simon23 03.10.2012
Zitat von sysopAls Reaktion auf einen tödlichen Granatenbeschuss aus Syrien hat die türkische Arme Ziele im Nachbarland angegriffen. Die Regierung in Ankara teilte mit, der Angriff gehe "zu weit". Türkei greift Ziele in Syrien an - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-greift-ziele-in-syrien-an-a-859360.html)
Er weiß noch nicht mal, von wem der Angriff kommt, aber er greift schon an. Sowas nennt man Anlass, im Unterschied zu einem Grund. Jetzt geht die Idiotie richtig los. Und er zieht uns mit rein. Na dann, Gute Nacht.
3.
wobarch 03.10.2012
Zitat von sysopAls Reaktion auf einen tödlichen Granatenbeschuss aus Syrien hat die türkische Arme Ziele im Nachbarland angegriffen. Die Regierung in Ankara teilte mit, der Angriff gehe "zu weit". Türkei greift Ziele in Syrien an - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-greift-ziele-in-syrien-an-a-859360.html)
Einfach nur ein Wort. Endlich.
4. Bündnisfall
donlotis 03.10.2012
Droht jetzt etwa ein Bündnisfall?
5. Heuchlerei
Mr.GeldSchein 03.10.2012
Gibt es unabhängige bestätigungen woher die Granaten stammen und was wirkhc passiert ist? Was hat der Westen der Türkei versprochen wenn sie Syrien angreifen? Das wird sehr sehr schlimme Folgen haben. Die Region ist ein Pulverfass.
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Bomben in Aleppo: Zahlreiche Tote bei Anschlägen

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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