Türkische Offensive in Syrien "Wer sich uns in den Weg stellt, wird weggefegt"

Präsident Erdogan inszeniert sich als Kriegsherr. Große Teile der türkischen Bevölkerung unterstützen den Militäreinsatz in Syrien, sogar Oppositionspolitiker. Kritische Stimmen werden unterdrückt.

Von , Istanbul


Der türkische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu hat aus seiner Verachtung für Recep Tayyip Erdogan nie einen Hehl gemacht: Er nannte den türkischen Präsidenten wahlweise einen Despoten, Antidemokraten, Islamisten.

Seitdem die türkische Armee jedoch am vergangenen Wochenende in der Provinz Afrin, im Nordwesten Syriens, einmarschiert ist, um Kämpfer der Kurden-Miliz YPG zu vertreiben, bemüht sich Kilicdaroglu plötzlich um versöhnliche Töne: "Wir unterstützen diese Operation voll und ganz." Er bete für Militär und Vaterland, ergänzte sein Stellvertreter, CHP-Sprecher Bülent Tezcan.

Nicht nur die Sozialdemokraten, fast alle Parteien, mit Ausnahme der prokurdischen HDP, begrüßen Erdogans Entscheidung, Truppen nach Syrien zu schicken. Der gemeinsame Feind PKK/YPG eint sie. "Unsere Gebete sind mit unserer ruhmreichen Armee und unseren heldenhaften Soldaten in Afrin", schrieb Meral Aksener, die Vorsitzende der neu gegründeten, rechtspopulistischen Iyi-Partei, auf Twitter.

Die Türkei, so scheint es, hat in diesen Tagen eine regelrechte Kriegseuphorie erfasst: In den türkischen Moscheen beten Imame für den Sieg in Afrin. Das Fernsehen sendet Bilder der "Operation Olivenzweig" in Dauerschleife. Türkische Zeitungen, die schon in Friedenszeiten weitgehend gleichgeschaltet sind, erscheinen mit beinahe identischen Titelseiten, die zur "Vernichtung der Terroristen" aufrufen.

"Wer dagegen ist, unterstützt Terroristen"

Die letzten kritischen Stimmen werden unterdrückt. "Jeder, der sich gegen die Afrin-Operation der Türkei stellt, unterstützt Terroristen", sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Erdogan drohte Demonstranten mit Repressionen: "Wenn ihr auf die Straße geht, dann werden euch unsere Sicherheitskräfte am Nacken packen."

Antikriegsdemonstrationen in Istanbul wurden von der Polizei gewaltsam aufgelöst. Mindestens 24 Journalisten, Aktivisten und Politiker, die sich kritisch über den Angriff auf Afrin geäußert hatten, wurden festgenommen - darunter auch Nurcan Baysal, eine kurdische Menschenrechtlerin.

Baysal, die sich seit Jahren für den Frieden zwischen Kurden und Türken engagiert, hatte auf Twitter die Afrin-Offensive in drastischen Worten verurteilt. Am Sonntagabend stürmten Polizisten ihre Wohnung in Diyarbakir, im Südosten der Türkei, und führten sie vor den Augen ihrer Kinder ab.

Drohung gegen die USA

Präsident Erdogan inszeniert sich in dem Konflikt als entschlossener Kriegsherr. Seine Regierung betrachtet die YPG, die weite Teile Afrins kontrolliert, als den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die USA hingegen schätzen die YPG als Partner im Kampf gegen den "Islamischen Staat". Nach Ansicht von Experten dürften Pläne Washingtons, in Syrien eine Grenzschutztruppe unter Führung der YPG zu etablieren, Anlass für die Offensive der Türkei gewesen sein.

Erdogan schürt nun bewusst antiamerikanische Ressentiments. Er bezeichnet die Grenzschutztruppe als "Terrorarmee" und droht offen damit, US-Soldaten anzugreifen. "Nehmt eure Flaggen runter von den Terrorbasen, sodass wir nicht gezwungen sind, es selbst zu tun und jene zu begraben, die auf der Seite der Terroristen sind", sagte er. In der Türkei erfährt er dafür breite Zustimmung. Die "Operation Olivenzweig" sei "Balsam" für die türkische Seele, schreibt die Autorin Amberin Zaman in dem Portal "Al Monitor". Sie zeige, dass sich die Türkei gegen ihre Feinde verteidigen könne - selbst gegen den Widerstand von Weltmächten wie den USA.

Der Krieg in Syrien könnte durch die Intervention der Türkei ein Stück weiter außer Kontrolle geraten. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte vermeldete am Sonntag 21 tote Zivilisten und Dutzende Verletzte in Afrin. Die Opferzahlen dürften in den kommenden Tagen weiter steigen.

"Wir haben Angst", sagte Ibrahim, ein Bewohner aus Afrin, dem SPIEGEL am Telefon. "Die Welt muss uns helfen, die Angriffe zu stoppen. Wir brauchen eine Flugverbotszone über Afrin."

Erdogan hat angekündigt, die Operation auf Manbidsch auszudehnen, eine Stadt östlich von Afrin, die die YPG 2016 mithilfe der USA vom IS eingenommen hat. Ein solcher Schritt würde den Konflikt nicht nur zwischen der Türkei und den Kurden, sondern womöglich auch zwischen der Türkei und den USA weiter eskalieren lassen. Erdogan scheint das nicht zu stören. "Wir haben unser Schicksal in die eigene Hand genommen", sagt er. "Wer sich uns in den Weg stellt, wird hinweggefegt."

Video von Schlägerei zwischen Kurden und pro-türkischen Fluggästen in Hannover

REUTERS

Mitarbeit: Hussein Ahmad, Eren Caylan

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schreckgespenst 23.01.2018
1.
"Nehmt eure Flaggen runter von den Terrorbasen, so dass wir nicht gezwungen sind, es selbst zu tun und jene zu begraben, die auf der Seite der Terroristen sind." Gab es in der Geschichte der NATO bereits vergleichbare Drohungen zwischen Bündnispartnern, an denen nicht die Türkei beteiligt war? Man darf gespannt sein, wie Trump (aber auch die gesamte USA) reagieren, wenn diese Aussage in die amerikanische Öffentlichkeit kommt. Und unser Außenminister Gabriel macht sich für Rüstungsdeal mit der Türkei stark...
HeisseLuft 23.01.2018
2. Hüstel
Das ist vermutlich eher nicht die türkische Armee auf dem Bild. Aber ansonsten herzlichen Glückwunsch zum gelungenen Fehler.
frank.huebner 23.01.2018
3. Natürlich Unterstützung
Wen wundert es, dass weite Teile der Bevölkerung den Einsatz gutheißen? Wenn die staatlichen Medien eifrig vom nötigen Waffengang erzählen und die YPG als große Bedrohung für die Türkei und die Sicherheit des Grenzgebietes bezeichnen, dann sitzt das irgendwann in den Köpfen. Mal sehen, was Assad macht, wenn die Türkei wirklich eine 30 bis 100km breite Besatzungszone als "Sicherheitszone" besetzen wird. Und was die NATO und die EU dazu sagen.
SPONU 23.01.2018
4. Erdogan hat viele Anhänger in Deutschland...
...sollten die alle mal ein politisches Amt in Deutschland anstreben wird sich ggf. auch die deutsche Politik gegenüber der Türkei ändern. Wer weiss, vorausgesetzt es entstehen neue Mehrheiten....man könnte sogar über einen Anschluss Deutschlands an die Türkei nachdenken. Nein, das ist sicher Utopie und ich bin paranoid. Aber zumindest Waffen- und abtrünnige Regierungskritiker wird man dann sicher leichter Richtung Bosporus liefern können.
Him 23.01.2018
5. Und keiner unternimmt etwas
Warum wird eigentlich nie etwas gegen diese Autokraten unternommen? Ob ein Putin einfach die Krim einnimmt oder nun ein Erdogan einfach in Syrien einmarschiert, scheint niemanden zu interessieren. Wie kann es sein, dass die da immerwieder mit durchkommen?
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