Journalist Yigit Hamburg will Erdogan-Kritiker in die Türkei abschieben

Seit 35 Jahren lebt der türkische Journalist Ertugrul Yigit in Hamburg. Auf einmal will die Stadt seine Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängern - obwohl dem Regimekritiker in der alten Heimat Haft droht.

Journalist Ertugrul Yigit
Maria Feck / DER SPIEGEL

Journalist Ertugrul Yigit

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In einem Kellerbüro im Hamburger Bahnhofsviertel legt Ertugrul Yigit seine Hand auf den Tisch. Lange Narben durchziehen die Innenfläche. Der Fingernagel des Ringfingers ist verkümmert. "Im Winter 1979 machten die Grauen Wölfe Jagd auf linke Studenten", sagt der heute 59-jährige Journalist. "Eine Handgranate flog in meine Istanbuler Wohnung. Sie explodierte, als ich sie zurück auf die Straße werfen wollte."

Die Wunden waren kaum verheilt, da floh Yigit in den Westen. Als Mitglied der "Revolutionären Linken", Dev Sol, war sein Leben in der Türkei gefährlich geworden. So kam Yigit vor fast 35 Jahren nach Hamburg. Nun will ihn die Hamburger Ausländerbehörde in die Türkei zurückschicken. Dorthin, wo Linke, Oppositionelle und kritische Journalisten wie er in Haft sitzen.

Die geplante Abschiebung fällt in eine Zeit, in der ein Zeitungsbericht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ausreichen kann, um im Gefängnis zu landen. In Deutschland am prominentesten ist der Fall von Deniz Yücel, dem Türkei-Korrespondenten der "Welt". Der Journalist sitzt seit fast einem Jahr in einer türkischen Haftanstalt. (Lesen Sie hier mehr über seine Haftbedingungen.)

Eine Abschiebung bedeutet Gefängnis

Prominent ist Ertugrul Yigit nicht. Er schreibt als freier Journalist für die "Tageszeitung" ("taz"), die "Zeit" und mehrere türkische Oppositionsblätter. Außerdem betreibt er die türkischsprachige Internetzeitung "Avrupa Postasi". Das Onlinemedium ist klein, aber bis in die Türkei bekannt für seine Erdogan-kritische Haltung. "Wie kann Hamburg so jemanden wie ihn in die Türkei abschieben?" fragt Rechtsanwalt Mahmud Erdem, der Yigit vertritt. "Mein Mandant wird mit Sicherheit ins Gefängnis kommen."

In den Achtzigerjahren tauchte Ertugrul Yigit in die linksextreme Szene der Hansestadt ein, fälschte Pässe für die Genossen von Dev Sol und schrieb erste Artikel für die "taz". Bei einer Razzia in einer Wohnung, für die er die Miete zahlte, fand die Polizei ein Waffendepot und eine Fälscherwerkstatt. Unter anderem eine Maschinenpistole und Plastiksprengstoff.

Anfang 1999 wurde er in Hamburg zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt. Nach seiner Haftentlassung arbeitete Yigit als Journalist. Er nannte sich "Adil", nicht mehr Ertugrul. Er berichtete über die türkische Gemeinde in Deutschland, den Brandanschlag in Mölln und die Morde des NSU an seinen Landsleuten. Privat begann er ein neues Leben. Seine erste Ehe war geschieden. Yigit hatte eine in der Türkei geborene Deutsche kennengelernt und bekam mit ihr zwei Töchter. Sie sind heute elf und 17 Jahre alt.

"Die hätten mich gelyncht"

Dass Yigit zu den Kritikern des türkischen Staatspräsidenten zählt, blieb dessen Gefolgsleuten nicht verborgen. Im Sommer 2016, als einige Offiziere erfolglos gegen Erdogan putschten, fuhr Yigit zum türkischen Generalkonsulat in Hamburg. Als sie ihn erkannten, skandierten die Anhänger des türkischen Präsidenten: "Verräter! Verräter!" Yigit: "Wenn die Polizei nicht eingeschritten wäre, hätten die mich gelyncht."

Schon im Jahr davor hatte ein Mitarbeiter des Generalkonsulats eine Strafanzeige gegen den Journalisten erstattet, wegen "Beleidigung". Das Verfahren wurde eingestellt. Das Klima in der türkischen Gemeinde ist seit dem Putschversuch und der anschließenden Verhaftungswelle vergiftet. Yigit: "Jeder, der nicht für Erdogan ist, gilt seither als ein Feind der Türkei."

Der Journalist ließ sich aber nicht einschüchtern, auf seine Internetseite Avrupa Postasi stellte er kritische Kommentare und Erdogan-Karikaturen. Eine davon zeigte den Staatschef als Hund. Im Sommer 2017 berichtete er über den G20-Gipfel an der Elbe. Er gehört zu jenen akkreditierten Journalisten, denen der Zutritt für das Treffen der Staats- und Regierungschefs zunächst gestattet und dann plötzlich verwehrt wurde. Das Bundeskriminalamt entschuldigte sich später bei ihm.

Yigit wollte zurück - dann kam der Putschversuch

Im November kam der Brief vom Bezirksamt Hamburg-Mitte, Fachbereich Ausländerangelegenheiten. Es sei beabsichtigt, seinen Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis abzulehnen. In früheren Jahren seien diese Anträge nur eine Formsache gewesen, sagt Yigit. Jetzt nicht mehr. "Wie können die das machen?"

Die Begründung der Behörde: "Die familiäre Lebensgemeinschaft mit Ihren deutschen Kindern besteht nicht, da diese sich in der Türkei befinden. Ferner sind Sie nicht erwerbstätig."

Tatsächlich verdient Yigit mit seiner Internetseite kein Geld. Auch von seiner Arbeit als freier Journalist kann er nicht leben. Yigit ist auf Sozialleistungen angewiesen. Im Herbst begann er eine Fortbildung zum Sozialarbeiter. Seine zweite Beziehung ist zerbrochen, seine Partnerin zog mit den Töchtern an die türkische Mittelmeerküste.

Yigit blieb in Deutschland. Dabei wäre er gerne ebenfalls in die Türkei zurückgekehrt. Vor vier Jahren war das. Im Gezi-Park demonstrierten Tausende gegen die Erdogan-Regierung. Zeitungen schrieben vom "Türkischen Frühling". Damals habe Yigit erstmals seit seiner Flucht vor mehr als 30 Jahren einen türkischen Reisepass beantragt - und ihn bekommen. Der Türke konnte damit offiziell in seine Heimat zurückkehren. Kurz bevor er soweit war, kam der Putsch, und alles war anders.

Yigit und sein Anwalt haben Ende Dezember Widerspruch gegen den Bescheid eingelegt. "Formal gesehen kann die Hamburger Ausländerbehörde ihn wohl abschieben", sagt Rechtsanwalt Erdem, "sie müsste es aber nicht tun, und es wäre unverantwortlich."

insgesamt 38 Beiträge
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ambulans 10.01.2018
1. nun,
also eine weitere nagelprobe (nach dem ach ja so "geglückten" G20-gipfel) für BM scholz - wie weit will er denn noch gehen, um (irgendwann einmal - hoffentlich nie!) BK dieses bereits jetzt nicht mehr so richtig glücklichen deutschlands zu werden? mann gottes ...
londonpaule 10.01.2018
2. mal wieder Absurdistan
Hochkriminelle werden wegen Menschenrechten vor der Abschiebung bewahrt, offensichtlich gerechtfertigte Faelle schiebt man ab - deutsche Buerokratie
marko1969 10.01.2018
3.
Er wird abgeschoben,aber die Kriminellen dürfen bleiben.
Join_Me 10.01.2018
4.
So wie ich das sehe hätte man ihn schon viel früher abschieben sollen. Im Artikel steht ---Zitat--- In den Achtzigerjahren tauchte..... ---Zitatende--- Danach hätte man ihn abschieben müssen.
alex2k 10.01.2018
5. soweit ich weiss,
kann man nach 7 Jahren legalen Aufenthaltes in DE eine Staatsbürgerschaft beantragen. Da er dies nicht für notwendig hielt, hatte er wohl keine Bedenken und Angst. Oder sorry - einfach aus Dummheit. Nun kommt die Rechnung. Oder er ist einfach ein überzeugter Türke.
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