Türkei in Syrien Erdogan riskiert einen Flächenbrand

Präsident Erdogan will einen Kurdenstaat verhindern, dafür bereitet er offenbar einen weiteren Einmarsch in Syrien vor. Er riskiert damit den Bruch mit den USA - und die Ausweitung des Bürgerkriegs auf die gesamte Region.

Türkischer Soldat an der Grenze zu Syrien
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Türkischer Soldat an der Grenze zu Syrien

Von Eren Caylan und , Istanbul


An kaum einem anderen Ort in der Türkei war man dem Krieg in Syrien in den vergangenen Jahren so nah wie in Kilis. Immer wieder schlugen Raketen von syrischen Dschihadisten in der Grenzstadt ein. Im Krankenhaus werden Flüchtlinge aus dem Nachbarland versorgt.

Nun rückt der Krieg noch ein weiteres Stück näher an Kilis heran. Die türkische Armee hat in der Region etwa 7000 Soldaten zusammengezogen, Panzer und Artilleriegeschütze stationiert. Sie stellt sich offenbar auf eine weitere Operation in dem Nachbarland ein.

Türkische Soldaten waren vergangenen Sommer erstmals in Syrien einmarschiert, um IS-Terroristen und Rebellen der kurdischen YPG aus dem Grenzgebiet zu vertreiben. Jetzt legt Präsident Recep Tayyip Erdogan nach: Er will die Kurden im nordsyrischen Kanton Afrin bekämpfen.

Es droht eine weitere Eskalation

Beobachter berichten bereits von ersten Artilleriegefechten zwischen türkischen Soldaten und der YPG in Afrin. "Wir werden den Aufbau eines (kurdischen) Staats in Nordsyrien niemals dulden, egal zu welchem Preis", sagt Erdogan. Sollte er im Zuge der sogenannten Operation Schwert Euphrat nun tatsächlich Truppen in den Nachbarkanton schicken, würde er den Krieg in Syrien weiter eskalieren.

Erdogan wollte den Mittleren Osten neu ordnen. Er sah im Arabischen Frühling die Gelegenheit, eine Führungsrolle in der Region einzunehmen. Er glaubte, mithilfe islamistischer Rebellen Diktator Assad innerhalb von wenigen Monaten stürzen zu können und unterschätzte, wie weit das syrische Regime zum eigenen Machterhalt gehen würde. Diese Vorhaben sind gescheitert. Nun will er vor allem einen Kurdenstaat verhindern.

Die Kurden waren unter Assad marginalisiert. Doch sie erkämpften sich im Laufe des Kriegs immer mehr Territorium und, durch ihre säkulare Rhetorik, auch die Sympathien des Westens.

Die Amerikaner sehen die YPG mittlerweile als Schlüsselpartner im Kampf gegen den "Islamischen Staat". Sie haben die Kurden, trotz heftiger Proteste aus Ankara, gerade erst mit schweren Waffen für den Sturm auf Rakka, die Hochburg der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), ausgestattet.

Die Folgen eines türkischen Einmarschs

Die türkische Regierung betrachtet die YPG hingegen als syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, die von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird. Sie fürchtet, die YPG könnten Waffen - die sie für den Kampf gegen den IS bekommen haben - für Angriffe gegen die Türkei missbrauchen.

Eine Intervention der türkischen Armee in Afrin hätte weitreichende Folgen. Menschenrechtsorganisationen warnen vor Massenvertreibungen. Gefechte zwischen der türkischen Armee und der YPG würden die Rakka-Operation gefährden und das Verhältnis zwischen Washington und Ankara massiv beschädigen. Die USA sähen sich wohl endgültig dazu gezwungen, sich zwischen ihrem wichtigsten Verbündeten in Syrien, der YPG, und dem Nato-Partner Türkei zu entscheiden.

Auch die Türkei würde durch eine Ausweitung des Syrienkonflikts weiter destabilisiert. Die Kurden in der Türkei würden einen Angriff auf Afrin niemals akzeptieren, sagt Hisyar Özsoy, Vizechef der prokurdischen Partei HDP. "Sie würden das als einen Angriff auf alle Kurden wahrnehmen." Der syrische Bürgerkrieg droht auf die gesamte Region überzugreifen.

insgesamt 122 Beiträge
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gunpot 20.08.2017
1. Ich ertrage es nicht mehr,
wenn vom NATO-Partner Türkei gesprochen wird. Für eine Mitgliedschaft der Türkei in der nordatlantischen Verteidigungsgemeinschaft gibt es seit dem Kollaps der Sowjetunion kein "Raison d'être" mehr. Auf eine Begründung für diese Forderung darf ich wohl verzichten.
Luna-lucia 20.08.2017
2. nach all dem
wird es höchste Zeit, dass die Kurden ein eigenes Staatsgebiet - eben ein Kurdistan - zugesprochen bekommen! Nur, wer sollte sowas, und dann wie? machen können? Es wird leider ein ewig lang andauernder, kriegsähnlicher Zustand bleiben! Und wir dachten :D immer, Erdogan sei sogar religiös! Oki, dann kennt er aber die normalen, in allen Religionen gelehrten Begriffe, wie die Nächstenliebe, ganz sicher nicht! Folglich wird er auch nie ins "Paradies" :D eingehen können! Schon echt seltsam - diese muslimischen Einstellungen zum "Sein" und "Glauben"
freddygrant 20.08.2017
3. Nichts Neues!
Diesen Flächenbrand riskiert Erdogan längst! In demokratischen Staaten haben Minderheiten - wie hier die Kurden - einen mehr oder weniger geltenden Autonomiestatus. Diesen will Erdogans Regime nicht bzw. lässt ihn nicht zu. Diese Unterdrückung führt zwangsläufig zum Konflikt. Denn die Türken haben politisch kein Recht auf dem Staatsgebiet des Iraks oder Syriens den Kurden Freiheitsrechte oder die Bildung eines Kurden-Staates zu verhindern. Dies können nur die dortige Staatsmacht! Diese anhaltend falsche und nationalistische Politik oder imperiale Machtanspruch der Türken kann nur in einem Konflikt - und ich meine letzlich auch einem militärischen - enden. Dass sich dabei die NATO und das westliche Bündnis aus USA und EU auf die politisch machbaren Alternativen und Möglichkeiten zusammen mit den Staaten Irak, Syrien usw. und letzlich auch Russland ff. besinnen werden ist bereits ausgemacht.
stefan taschkent 20.08.2017
4. Klosbrühe
Ohne hier zum Erdogan-Versteher zu mutieren: Der Kurdenkonflikt in der Türkei (bzw. in der Region allgemein) ist WESENTLICH älter als der Syrienkonflikt und gehört zur DNA der Republik Türkei. Es ist (und war) völlig klar, dass Erdogan hier nicht einlenken und im Ernstfall seine Interessen bzw. die Interessen der Türkei hier auch über die Bündnissinteressen stellen würde. Ihm das vorzuwerfen grenzt ja schon fast an geopolitisches Dilettieren.
Mara Cash 20.08.2017
5. Allmachtsfantasien eines Despoten und seiner Mitläufer
Sollte die Türkei tatsächlich das Völkerrecht brechen und kurdische Gebiete in Syrien angreifen, nur weil einem Herrn Erdogan aus ideologischen Gründen ein souveräner kurdischer Staat nicht passt, ist das inakzeptabel. Die Erdogan-Türkei müsste dann aus der NATO ausgeschlossen und konsequent sanktioniert werden.
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