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13. Februar 2018, 17:35 Uhr

Türkisches Militär in Syrien

Bleibt Erdogan stur, wird es fürchterlich

Von , Istanbul

Die Militäroffensive der Türkei in Syrien stockt. Präsident Erdogan kündigt eine Ausweitung der Kämpfe an - und riskiert damit eine humanitäre Katastrophe.

Verfolgt man türkische Medien, entsteht der Eindruck, der Militäreinsatz der Türkei in der syrischen Provinz Afrin verlaufe reibungslos. Ständig sind türkische Soldaten zu sehen, die Dörfer oder Hügel erobern und irgendwo eine Fahne hissen.

Beobachter vor Ort zeichnen jedoch ein ganz anderes Bild: Die Offensive der Türkei geht nicht recht voran. Türkische Soldaten sind bald einen Monat nach Beginn der "Operation Olivenzweig" nicht weit über die türkisch-syrische Grenze hinausgekommen. Die Zahl der Toten steigt auch auf türkischer Seite mit jedem Tag. Nach Angaben des Generalstabs sind bislang 31 türkische Soldaten in dem Krieg ums Leben gekommen.

Die Regierung in Ankara war offensichtlich davon ausgegangen, dass der Einsatz in Afrin ähnlich ablaufen würde wie die Operation "Schutzschild Euphrat", bei der die türkische Armee innerhalb kurzer Zeit Grenzgebiete vom "Islamischen Staat" einnahm. Sie hat nicht damit gerechnet, dass die kurdische Miliz YPG derart vehement Widerstand leisten würde.

Präsident Recep Tayyip Erdogan lässt sich davon nicht beirren. Er hat bereits angekündigt, die YPG nicht nur aus Afrin, sondern mehr oder weniger aus ganz Syrien vertreiben zu wollen. Sollten Erdogans Worte mehr als nur bloße Rhetorik sein, dann stehen der Türkei, wie der gesamten Region, fürchterliche Wochen und Monate bevor.

Bislang blieben die Gefechte auf die Landstriche in Grenznähe beschränkt. Früher oder später jedoch steht die Türkei vor einer grundlegenden Entscheidung: Will Erdogan Afrin wie angekündigt unter seine Kontrolle bringen, dann muss er Truppen nach Afrin Stadt schicken.

Schon jetzt hat der Krieg Dutzende zivile Opfer gefordert, und das, obwohl die türkische Regierung beharrlich behauptet, Zivilisten wären von den Gefechten nicht betroffen. In Afrin Stadt halten sich - nach Schätzungen - derzeit bis zu einer halben Million Bürger auf. Ein wochenlanger Häuserkampf zwischen türkischem Militär und YPG um die Stadt würde das Leid der Menschen dramatisch verschlimmern.

Es ist zudem völlig unklar, wie es nach einem Ende der Kampfhandlungen weiterginge. Afrins Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Kurden. Zwar unterstützen nicht alle von ihnen die YPG. Die türkische Regierung hat durchaus recht, wenn sie darauf hinweist, dass die YPG ihrerseits in Nordwest-Syrien ein in Teilen autoritäres Regime errichtet und Araber gewaltsam vertrieben hat. Trotzdem dürften die Menschen in Afrin eine türkische Besatzung oder eine Herrschaft durch die Freie Syrische Armee (FSA) kaum hinnehmen.

Erdogan will den Krieg weitertragen - womöglich bis in die Stadt Manbidsch am Ufer des Euphrats. Er riskiert damit ein Zerwürfnis innerhalb der Nato, denn in Manbidsch sind, anders als in Afrin, neben kurdischen Kämpfern auch US-Soldaten stationiert. In Richtung der USA schickte Erdogan am Dienstag dann auch gleich eine deutliche Botschaft. Kurz vor dem Besuch von US-Außenminister Rex Tillerson in Ankara drohte er den amerikanischen Einheiten mit einer "osmanischen Ohrfeige", sollten sie einem türkischen Angriff auf die YPG in Manbidsch im Weg stehen.

Noch ist offen, wie der Konflikt endet. Es ist möglich, dass sich Erdogan am Ende mit einem Korridor in Grenznähe und einigen Zugeständnissen der US-Regierung zufrieden gibt. Die Entwicklung der vergangenen Tage deutet aber eher auf das Gegenteil hin.

Der türkische Präsident hat mit seiner brachialen Kriegsrhetorik die Emotionen in seinem Land angefacht: Der Hashtag "Syrien soll brennen, Afrin soll vernichtet werden" war ein Trend auf Twitter. Der rechtsextreme Oppositionspolitiker Devlet Bahceli hat angekündigt, er würde in Afrin für die Türkei sterben. Es wird selbst für einen Meisterdemagogen wie Erdogan schwer, die aufgeheizte Stimmung wieder zu beruhigen.

Video: Wie Deutschland indirekt zur Kriegspartei wird



Zusammengefasst: Eigentlich hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf einen schnellen Erfolg der Militäraktion in Syrien gehofft. Doch der Widerstand der Kurden dort ist viel größer als angenommen - die Mission stockt. Steht Erdogan zu seinem angekündigten harten Kurs, bahnen sich in der Region Afrin massive Gefahren für die Zivilbevölkerung an. Rund eine halbe Million Menschen harren allein in Afrin Stadt aus, die meisten von ihnen sind Kurden.

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