Türkei in Syrien nach US-Abzug Erdogans Erfolg, Erdogans Gefahr

Der türkische Präsident Erdogan feiert den Truppenabzug der Amerikaner aus Syrien als persönlichen Erfolg. Doch für sein Militär wird der Einsatz in dem Bürgerkriegsland eher schwieriger.

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Von , Istanbul


Er hat gebettelt und gemahnt und zuletzt sogar mit Krieg gedroht: Monatelang versuchte Recep Tayyip Erdogan, die USA dazu zu bringen, die Unterstützung für die kurdische Miliz YPG in Syrien einzustellen. Nun bekommt er, was er will. Die US-Regierung zieht ihre Truppen überraschend aus dem Bürgerkriegsland ab. Doch der türkische Präsident bleibt seltsam still.

Zwar hat sich Erdogan kurz vor Weihnachten in einer Rede vor Unternehmern in Istanbul für seine eigene Außenpolitik gelobt: "Wir schreiben jetzt Geschichte", sagte er. Der Jubel bei seinen Leuten aber hält sich in Grenzen. Den geplanten Militäreinsatz gegen die YPG-Miliz hat die türkische Regierung verschoben. Im Präsidentenpalast in Ankara scheint sich nach anfänglicher Euphorie die Erkenntnis durchzusetzen, dass der Abzug der US-Truppen aus Syrien für die Türkei mindestens ebenso viele Risiken wie Chancen birgt.

Die USA kämpften bislang in Syrien gemeinsam mit der kurdischen YPG erfolgreich gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS). Erdogan betrachtet die YPG hingegen als den syrischen Ableger der Guerillaorganisation PKK, die von der Türkei wie auch von den USA und der EU als Terrorgruppe eingestuft wird. Er hat den Krieg gegen die Miliz zu einer Priorität seiner Außenpolitik erklärt. Bereits Anfang 2018 waren türkische Soldaten in die Stadt Afrin eingerückt, um YPG-Kämpfer aus dem Grenzgebiet zu vertreiben. Jetzt würde die Türkei die Operation gern auf den Nordosten des Landes ausdehnen.

Recep Tayyip Erdogan
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Aus Moskau sind keine einfachen Zugeständnisse zu erwarten

Die türkische Regierung erweckte lange Zeit den Eindruck, das türkische Militär würde dort durchmarschieren, sollten die USA ihre Zusammenarbeit mit der YPG aufgeben. Doch der Abzug der US-Soldaten aus Syrien könnte eine Intervention der Türkei im Grenzgebiet nun sogar erschweren.

Am Freitag baten die Kurden Diktator Baschar al-Assad offiziell um Hilfe gegen die Türkei. Das syrische Militär erklärte daraufhin, Truppen in die Stadt Manbidsch verlegt zu haben, die bislang unter Kontrolle der YPG stand. Erdogan hat sein Ziel, Assad zu stürzen, längst aufgegeben. Nun aber muss er befürchten, dass Damaskus die YPG als Druckmittel gegen ihn einsetzt.

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Wie es im Nordosten Syriens weitergeht, dürfte sich vor allem in Moskau entscheiden. Präsident Wladimir Putin ist Assads wichtigster Verbündeter. Er hat wenig Interesse daran, dass sich die Türkei, die bereits die Gebiete um die Städte Afrin und Dschrablus kontrolliert, noch weiter in Syrien festsetzt. Russland wird einem Einsatz gegen die YPG wohl nur dann zustimmen, wenn Ankara umgekehrt zu Zugeständnissen in anderen Landesteilen bereit ist.

Verkraftet Erdogans Militär weitere Fronten?

Und selbst wenn sich Erdogan mit Putin und Assad auf einen Deal verständigt, sind für seine Regierung damit nicht sämtliche Probleme in Syrien gelöst. Ein Einmarsch der Türkei in Nordostsyrien dürfte eine weitere humanitäre Katastrophe auslösen. Menschenrechtsorganisationen warnen vor Tausenden zivilen Todesopfern.

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Bürgerkriegsland: Gezerre um Nordsyrien

Erdogan hat US-Präsident Donald Trump in einem Telefonat zudem zugesichert, den "Islamischen Staat" zu "beseitigen", ein Job, den bislang US-Truppen und YPG gemeinsam angehen. Nun könnte er das türkische Militär endgültig an die Grenze der Belastbarkeit führen.

Schon jetzt kämpfen türkische Soldaten im Nordirak gegen die PKK und halten verschiedene Territorien in Syrien besetzt. Sollte die Türkei den Einsatz in Nordsyrien ausdehnen, kämen mindestens zwei weitere Fronten hinzu. Es ist fraglich, ob das türkische Militär das Machtvakuum, das durch den US-Abzug entsteht, füllen kann. Die türkische Journalistin Amberin Zaman erinnerte auf dem Analyse-Portal Al-Monitor gerade erst an ein Sprichwort: Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.

insgesamt 93 Beiträge
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hausfeen 29.12.2018
1. Die Kurden versuchen jetzt sich mit Assad zu arrangieren.
Einen Krieg Türkei gegen ein russisch unterstütztes Syrien wird Erdogan nicht führen. Das Drama liegt in der verlorenen Chance, den Kurden zu einer Autonomie zu verhelfen. Mal sehen, wie weit Assad den Kurden entgegen kommen wird. Ich fürchte nicht weit, da sie mit dem Rücken an der Wand stehen.
tucson58 29.12.2018
2. Einfach genial
Da zieht Trump ohne Absprache mit den Verbündeten seine Truppen aus Syrien ab und erklärt als Einziger die IS sei nun bekämpft . Dann freut sich Erdogan das er nun freie Bahn für seinen Feldzug gegen die Kurden hat und verkündet das auch nochmals seinen persönlichen Erfolg. Mich würde nun interessieren was den die ganzen User, die Trump wegen dessen Truppenabzuges gelobt haben nun sagen ? Klar dürfe nun sein, das mit den Türken in Syrien der Krieg weiter geht und jetzt die Kurden, die vorher die IS bekämpften,die gejagten sein werden . Trump hat für mich somit eine weitere und neue Krise eingeleitet und den Nahen Osten wieder destabilisert , mal sehen wie das noch dem Rest der Welt auf die Füsse fällt !
surffreak2000 29.12.2018
3. Machtvakuum ?
Das komplette türkische Militär soll nicht in der Lage sein, das Machtvakuum das durch den Abzug von 2000 US Soldaten entstanden ist, zu füllen? Zumal es ja das direkte Nachbarland ist, was enorme logistische Vorteile haben dürfte ! Ich halte das für ausgeschlossen !
kurtbär 29.12.2018
4. wann unterstützt endlich deutschland bzw. die eu...
die kurden in syrien? und zwar nicht nur mit geld oder waffenlieferungen, sondern mit soldaten u. entsprechendem kriegsgerät? es wird zeit, verantwortung zu übernehmen!
noodles64 29.12.2018
5. Das wird noch richtig übel
Wenn Erdogan weiterhin von einem Vormarsch in Syrien träumt um die YPG/PKK zu bekämpfen und weitere Landnahme betreibt um sein Traum des Großtürkischen Reich umzusetzen. Die Kurden mit zurück gelassen US Material gegen einen Nato Partner der USA. Außerdem mit Israel, Iran und Russland als Mitspieler in diesem Pulverfass ist eine extrem explosive Mischung.
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