Türkei nach dem Putsch Die Angst vor Erdogans Rache

Tausende Rekruten sollen für ihre angebliche Beteiligung am Staatsstreich büßen - die türkische Justiz startet die Aufarbeitung: Eltern beklagen Kontaktsperren, Anwälte glauben nicht an faire Verfahren.

Festgenommene Soldaten in Istanbul (Symbolbild)
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Festgenommene Soldaten in Istanbul (Symbolbild)

Aus Istanbul berichtet


Er sagt, er heiße Murat, sei Anstreicher von Beruf und komme aus Kars, ganz im Osten. Am Samstag sei er aufgebrochen mit seinen beiden Brüdern. Sie seien abwechselnd gefahren, 1650 Kilometer in 13 Stunden, ohne Pause. Der große kräftige Mann von Mitte vierzig reibt sich die Hände durchs Gesicht und lässt sich auf einer der Bänke nieder. Er setzt sich langsam, als traue er der modernen Konstruktion aus geschwungenem Stahl und Kunstleder nicht. Aber Murat traut nichts und niemandem mehr, schon gar nicht im Gerichtshof von Sisli.

Als seien sie nicht schon genügend verunsichert, hat dieses gigantische Gebäude aus Beton, Granit und Marmor die drei Männer aus Kars weiter eingeschüchtert. Der Gerichtshof in Sisli, einem Wohn- und vor allem Büroviertel im Norden Istanbuls, gilt als eines der größten Justizgebäude Europas: zehn Stockwerke hoch, sechs Geschosse tief, 299 Gerichte. Weit über 300.000 Quadratmeter Gerechtigkeit - zumindest signalisieren das die beiden Bronzestatuen der Justitia in der Licht durchfluteten Lobby, die auf alle herabblicken, die es durch die Sicherheitskontrollen geschafft haben.

Seit dem Terroranschlag einer verbotenen linksextremistischen Gruppe vor einem Jahr ist das 2011 eingeweihte Gerichtsgebäude zwar ohnehin besonders geschützt. Jetzt aber wurde noch einmal aufgerüstet. Der gesamte Komplex ist weiträumig abgesperrt, Panzerwagen stehen an den Tiefgaragen; auf den Fluren wimmelt es von Polizei, Gendarmerie und Sonderkommandos. Mehr Sicherheit geht nicht. Murat und seine Brüder treibt es den Schweiß auf die Stirn. Als Kurden stehen sie bei türkischen Nationalisten unter Generalverdacht, gefährliche Separatisten zu sein.


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Aber es ist auch die Aufregung, die an Murats Nerven zehrt. Gerade hat er seinen Neffen gesehen, den Sohn seines schweigsamen Bruders. Er habe ihn "aufgezogen wie meinen eigenen Jungen", sagt Murat und sein älterer Bruder nickt. Der Jüngere geht zu einem der vielen Fenster und starrt gedankenverloren hinaus.

An der Wand in der Polizeistation

Sein Neffe, sagt Murat, sei ein kleiner Gefreiter aus der Kaserne in Maltepe, drüben auf der asiatischen Seite. Als er am Samstag gehört habe, dass Soldaten aus Maltepe an dem Putsch beteiligt gewesen seien, habe er wie die ganze Familie sofort die Nummer seines Neffen gewählt. Aber das Gerät sei abgeschaltet gewesen. "Vor dem Einsatz mussten alle Soldaten ihre Mobiltelefone abgeben", sagt Murat. Das habe man ihm auf einer der vielen Polizeistationen erzählt, auf denen er nach seinem Neffen gefragt habe.

Dass ihr Junge nicht zu den Soldaten zählt, die bei der Niederschlagung des Putsches erschossenen oder später angeblich vom Mob gelyncht wurden, erfuhr die Familie erst am Sonntag aus der Zeitung. Murat erkannte seinen Neffen unter einer Handvoll Soldaten, die auf einer Polizeistation an der Wand standen, "mit weit aufgerissen Augen und in einem grauen Unterhemd", sagt Murat. Und dann seien sie alle Polizeistationen in der Nähe von Maltepe abgefahren, bis sie den Hinweis auf den Gerichtshof in Sisli bekommen haben. Alle Soldaten niedriger Ränge aus dem Großraum Istanbul werden in diesen Tagen hierher gekarrt. Im Stundentakt rollen städtische Verkehrsbusse vor. An manchen steht in Leuchtschrift "Dienstfahrt".

Drei Minuten für eine Befragung durch den Richter

Vor einem Nebeneingang öffnen sich die Türen der Wagen und junge Männer werden ins Gebäude geführt. Paarweise aneinander gefesselt, mit Kabelbindern, die um ihre Handgelenke gezurrt sind, werden sie zum "Strafgericht für Schwerverbrechen" geführt. Wer für die Verhandlungssäle acht bis elf eingeteilt ist, muss über den Flur im ersten Stock, der hinüber führt in den Block C, muss vorbei an Murat und seinen Brüdern.

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Und tatsächlich haben die drei Männer Glück. In einer Gruppe von einem Dutzend Soldaten, die in Tarnfleckenhosen und einheitlichem blauen T-Shirt vorbeigeführt werden, ist auch ihr Junge. "Er konnte uns nur einen kurzen Blick zuwerfen", sagt Murat und seine müde Stimme klingt für einen Moment wieder frisch und zuversichtlich, "aber er weiß jetzt, dass wir für ihn da sind - was auch immer geschieht."

Wird den Putsch-Gefreiten Gerechtigkeit widerfahren? Der junge Mann, der mit wehender Robe über den Flur eilt, glaubt das nicht. Akcay Tasci ist einer der Pflichtverteidiger, die den Soldaten zugeteilt wurden. Tasci hat ein Zertifikat der Anwaltskammer, das ihn als Experte für Strafrecht ausweist. Zudem ist er ein politisch engagierter Mann, der sich im Prozess um das Grubenunglück von Soma 2014 mit Regierungsstellen angelegt hat. Aber das alles wird seinen Mandanten wenig helfen.

Anwalt Akcay Tasci
Dieter Bednarz

Anwalt Akcay Tasci

Was kann einer wie Tasci schon ausrichten, wenn er ein halbes Dutzend Soldaten auf einmal vertreten muss? Drei Minuten, sagt der Anwalt, dauere eine Befragung durch den Richter: Wo waren Sie als der Befehl erging? Wer hat Sie geschickt? Wohin wurden Sie geschickt? Haben Sie sich ergeben? Wo war das? Und dann, zum Schluss, die entscheidende Frage: Haben Sie gemerkt, dass es sich um einen Putschversuch handelte? Von seinen 23 Mandanten, sagt der Anwalt, habe darauf keiner mit Ja geantwortet. Aber vielen seien Tränen in die Augen geschossen, wenn sie als Vaterlandsverräter bezeichnet wurden.

"Irgendwo hingeschafft und postiert"

Auf die immer gleichen Fragen des Richters kommt von Tasci der immer gleiche Einwand: Dass die Vorgeführten "allesamt Befehlsempfänger" gewesen seien, die "irgendwo hingeschafft und postiert" wurden; und dass sie glaubten, es handle sich um eine Anti-Terror-Übung.

Auf die Frage, ob er an die "Rechtsstaatlichkeit der Verfahren" glaube, schüttelt der Anwalt energisch den Kopf. Sein Nein kommt ohne Zögern. Unumwunden gibt er zu, dass er sich "mehr als Feigenblatt" fühle.

Putschversuch in der Türkei
Quelle: Eigene Recherche

Murat würde den Anwalt gerne fragen, ob er auch seinen Neffen vertreten habe, aber Tasci muss weiter. Ein anderer Fall wartet.

Murats Mobiltelefon klingelt. Zum x-ten Mal ruft seine Schwägerin an. "Hast du meinen Sohn noch mal gesehen?", schluchzt sie ins Telefon. Zum x-ten Mal versichert Murat ihr, dass er warten werde, bis die Gruppe seines Neffen wieder herausgeführt wird.

Zwei Wachleute kommen auf die drei Männer zu. Das Gericht schließe jetzt offiziell. Alle Besucher müssten raus. Die Sicherheitsleute interessieren sich nicht für Murats Wunsch, seinen Neffen noch einmal zu sehen. Seine Brüder ziehen ihn zur Seite, zur Treppe. Sie wollen gehen. Murat schaut noch immer auf sein Mobiltelefon. "Meine Schwägerin versteht nicht, dass es ihren Sohn für diese Leute hier nicht mehr gibt." Er schaltet das Gerät aus und sagt: "Sein Leben ist verpfuscht. Auf immer."


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dancar 21.07.2016
1. 99% der Rekruten sind unschuldig
sollte Erdogan sich an den unschuldigen Rekruten (das waren reine Befehlsempfänger) vergreifen, dann wünsche ich ihm eine leidende Rekrutenmutter an den Hals, die ihm sein kaltes Herz aus dem Leib reißt....
spontanistin 21.07.2016
2. Roboter-Soldaten.
Echte Soldaten - anders als sogenannte Bürger in Uniform - haben gemäß dem Prinzip von Befehl und Gehorsam ihr Denken auszuschalten und unter Missachtung aller Werte inkl. der Rettung des eigenen Lebens sich für eine sogen. höhere Sache zu opfern. Dann sind sie auch nicht für ihr Handeln verantwortlich - sondern die Befehlsgeber. Verantwortlich sind die Soldaten aber für ihre Entscheidung, Soldat zu werden! Der Verstand sollte also vorher mal eingeschaltet werden! Im übrigen sind Soldaten eine aussterbende Spezies, die durch Kampfroboter und Computer-Viren für den Cyber-War ersetzt werden dürften.
Paddel2 21.07.2016
3. Realität
Ich wünsche der Türkei viel Glück, aber außerhalb der EU! Wer jetzt noch von irgendwelchen Chancen einer Mitgliedschaft spricht, muss schon sehr verblendet sein.
ole#frosch 21.07.2016
4. Wo bleiben die Offiziere
gerade jetzt sollten diese sich vor ihre untergebenen Soldaten stellen und, so es denn wirklich so war, sagen, dass diese unter vortäuschen in den Einsatz geschickt wurden. Viel Erfolg für die betrogenen Soldaten.
verbal_akrobat 21.07.2016
5. Man darf gespannt sein...
...wann sich etwas vor Ort noch mal ändert, ich tippe auf 20 Jahre, bedingt durch die Möglichkeiten de EDV heutzutage und den vorliegenden geostationären Interessen! Aber keine Angst, gerade heutzutage gewöhnt man sich schnell an alles...
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