Gericht in Istanbul Menschenrechtler Steudtner kommt aus U-Haft frei

Der Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner steht wegen Terrorverdacht in Istanbul vor Gericht - der Prozess löst weltweit Empörung aus. Nun ist der Deutsche überraschend aus der U-Haft entlassen worden.

Peter Steudtner (Archivbild)
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Peter Steudtner (Archivbild)


Ein türkisches Gericht hat die Freilassung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner aus der Untersuchungshaft angeordnet. Auch sieben weitere angeklagte Menschenrechtler sollen freikommen, ihnen wurde Terrorunterstützung vorgeworfen.

Sein Anwalt, Murat Boduroglu, sagte, Steudtner werde nun in das rund 80 Kilometer entfernte Gefängnis Silivri gebracht, wo er in Untersuchungshaft gesessen hatte, um zu packen. Steudtner wolle mit dem nächstmöglichen Flug ausreisen. "Der Ausreise steht nichts mehr im Wege", so Boduroglu, nach der Gerichtsentscheidung in Istanbul. Zuvor hatte auch die türkische Staatsanwaltschaft überraschend gefordert, die Menschenrechtler aus der Untersuchungshaft zu entlassen.

Steudtner ist freiberuflicher Dokumentarfotograf und Filmemacher. Er wurde 1971 geboren und lebt mit seiner Freundin und zwei Kindern in Berlin. Er war am 5. Juli bei einem Workshop für Menschenrechtler in Istanbul festgenommen worden, bei dem er als Referent arbeitete. Seit Mitte Juli sitzt er in Untersuchungshaft. Ihm und seinen neun ebenfalls angeklagten Kollegen wird "Unterstützung von bewaffneten Terrororganisationen" vorgeworfen. Ihnen drohen bis zu 10 Jahre Haft.

Neben Steudtner sollen auch die Direktorin von Amnesty International in der Türkei, Idil Eser, und der schwedische IT-Spezialist Ali Gharavi aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Nicht freikommen soll dagegen der inhaftierte Amnesty-Vorsitzende in der Türkei, Taner Kilic. Gegen ihn soll am Donnerstag in Izmir ein weiteres Verfahren beginnen.

Prozess wird am 22. November fortgesetzt

Steudtner hatte vor Gericht die Terrorvorwürfe gegen ihn vehement zurückgewiesen. "Ich plädiere in allen Anklagepunkten auf nicht schuldig und bitte um meine sofortige und bedingungslose Freilassung", sagte er in seiner rund 40-minütigen Verteidigung am ersten Verhandlungstag vor dem Istanbuler Gericht. "Ich habe nie in meinem Leben irgendeine militante oder terroristische Organisation unterstützt", so Steudtner weiter.

Seine Arbeit als Menschenrechtstrainer sei in den vergangenen 20 Jahren stets auf Menschenrechte, Gewaltfreiheit und Friedensbildung ausgerichtet gewesen. Auch Gharavi und Eser wiesen alle Terrorvorwürfe von sich. "Ich erwarte meine sofortige und bedingungslose Freilassung aus dieser Foltersituation", sagte Gharavi. Das Gericht in Istanbul setzte den nächsten Verhandlungstermin für den 22. November an.

Deutsche Politiker reagierten erleichtert auf die Freilassung der Menschenrechtler. "Endlich!", schreibt Steffen Seibert auf Twitter. "Steudtner und weitere Menschenrechtler kommen frei. Wir freuen uns mit ihnen und denken an die, die immer noch in Haft sind", so der Regierungssprecher.

Außenminister Sigmar Gabriel sagte: "Ich freue mich, dass das Istanbuler Gericht die Untersuchungshaft für Peter Steudtner aufgehoben hat." Es befänden sich aber weitere Deutsche aus nicht nachvollziehbaren Gründen in türkischer Haft, betonte der SPD-Politiker. "Wir werden nicht nachlassen, auch für diese Fälle auf eine Lösung und Freilassung zu drängen." Derzeit sitzen die Journalisten Deniz Yücel und Mesale Tolu und weitere Deutsche in türkischer Untersuchungshaft.

koe/dpa/AFP/Reuters

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