Putsch in der Türkei Erdogan ruft Bevölkerung zum Widerstand auf

In der Türkei hat das Militär nach eigenen Angaben die Macht übernommen, es rief das Kriegsrecht aus. Staatspräsident Erdogan spricht hingegen von einem bloßen Putschversuch. Es kommt zu blutigen Auseinandersetzungen.

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Die türkischen Streitkräfte haben bei einem Putsch nach eigenen Angaben vollständig die Macht im Land übernommen. Das teilte das Militär am Freitagabend nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mit. "Die Macht im Land ist in ihrer Gesamtheit übernommen", hieß es auch in einer Erklärung des Militärs, die im türkischen Fernsehsender NTV verlesen wurde.

Die Armee verhängte nach übereinstimmenden Medienberichten eine Ausgangssperre im ganzen Land. Sie diene der Sicherheit der Bürger, hieß es in einer Erklärung. Zudem riefen die Putschisten das Kriegsrecht aus. Mit dem Putsch sollten unter anderem die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederhergestellt werden, teilte das Militär nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mit.

Alle vier Parteien im türkischen Parlament - auch die drei Oppositionsparteien - sprachen sich gegen den Putschversuch aus. Das teilten sie in Stellungnahmen im Fernsehen und bei Twitter mit. Ein Sprecher des türkischen Geheimdienstes MIT sagte dem Sender CNN Türk, der Putschversuch sei "abgewendet". Einzelheiten nannte er nicht.

Erdogan: "Sollen sie mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen."

Staatschef Recep Tayyip Erdogan hatte zuvor in einem live übertragenen Telefonanruf beim Sender CNN Türk vom Putschversuch einer Minderheit innerhalb des Militärs gesprochen. Er wandte sich direkt an die türkische Bevölkerung: "Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln. Sollen sie (die Putschisten) mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen", sagte Erdogan.

Wenig später zeigten die TV-Sender CNN International und BBC Live-Bilder aus Istanbul: Darauf sind zahlreiche Erdogan-Anhänger zu sehen, die türkische Fahnen schwenken. Zugleich gingen allerdings seine Gegner auf die Straße - aus mehreren Stadtteilen werden Schlägereien und Schusswechsel gemeldet.

Erdogan sagte bei CNN Türk, der Putsch werde binnen kurzer Zeit niedergeschlagen sein. Die Verantwortlichen würden vor Gericht einen hohen Preis zahlen. Er macht eigenen Angaben zufolge die Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich (mehr zu Erdogans Erzfeind Gülen lesen Sie hier) - dieser Aussage schloss sich wenig später auch der türkische Justizminister an.

Erdogan telefonierte per Handy von seinem Urlaubsort mit dem Fernsehsender. Aus Präsidialamtskreisen hieß es, er sei an einem sicheren Ort. "Er ist in der Türkei."

Yildirim: "Terroristischer Akt"

Zuvor hatte bereits Ministerpräsident Binali Yildirim von einem Putschversuch gesprochen. Eine Gruppe innerhalb des türkischen Militärs habe versucht, die Regierung zu stürzen. Er sprach von einem "terroristischen Akt". Hinter dem Putsch stünden "Banden und illegale Gebilde". Yildirim kündigte an, die Hintermänner "werden den höchsten Preis bezahlen", Sicherheitskräfte seien dazu aufgerufen worden, das "Nötige zu tun".

Aus dem Präsidialamt hieß es weiter: "Eine Gruppe innerhalb der Streitkräfte hat außerhalb der Kommandostruktur einen Versuch unternommen, die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen. Wir drängen die Welt, solidarisch zum türkischen Volk zu stehen."

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Türkei: Kampf um die Macht

Die Lage in Istanbul und Ankara

In Istanbul haben Streitkräfte offenbar auf Menschen geschossen, die die Bosporus-Brücke zu Fuß überqueren wollten. Das berichtet die private Agentur DHA. Es gebe Verletzte. Das Militär hatte die Brücke zuvor teilweise gesperrt.

Zudem sind laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu vier Soldaten von Bürgern und Polizisten "neutralisiert" worden. Die Soldaten sollen versucht haben, das Gebäude des staatlichen Senders TRT in Istanbul einzunehmen.

In der Stadt sind neben Schüssen auch Explosionen zu hören. Die Polizei ruft die Menschen dringend dazu auf, in ihren Häusern zu bleiben.

Am Atatürk-Flughafen in Istanbul stoppte das Militär laut DHA den Flugverkehr: Soldaten hätten den Tower am größten Flughafen des Landes am Freitagabend unter ihre Kontrolle gebracht.

Über der türkischen Hauptstadt Ankara wurde Medienberichten zufolge ein Hubschrauber der Putschisten von Kampfflugzeugen abgeschossen. Das melden der Sender NTV und die Agentur Anadolu. Sie berichtet zudem, bei einem Luftangriff der Putschisten auf das Hauptquartier der Spezialkräfte der Polizei seien 17 Polizisten getötet worden. Eine unabhängige Bestätigung dafür gibt es nicht.

Anadolu meldet zudem, das Parlamentsgebäude im Zentrum der Hauptstadt sei von einer Bombe getroffen worden.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE funktioniert in weiten Teilen der Türkei das Internet nicht mehr. Dort, wo es funktioniert, sind Nachrichtenseiten und soziale Medien wie Facebook und Twitter nur noch über VPN-Verbindung zu erreichen.

Es wäre der vierte Putsch in der Geschichte der Republik Türkei:

  • 27. Mai 1960: Das Militär sieht das demokratische System bedroht und stürzt die Regierung. Ministerpräsident Adnan Menderes und zwei Minister werden im September 1961 gehängt. Die Regierung hatte die Pressefreiheit sowie die politischen Rechte der Opposition eingeschränkt. Studentenunruhen waren die Folge. Die Militärs bleiben 17 Monate an der Macht.
  • 12. März 1971: Die zweite Intervention gilt als Antwort der Armee auf den wachsenden Terror gewalttätiger Gruppen der extremen Linken. Die Generale zwingen Ministerpräsident Süleyman Demirel per Denkschrift zum Rücktritt. Im Jahr darauf setzt das Militär wieder eine zivile Regierung ein.
  • 12. September 1980: Auch die zweite Amtszeit Demirels endet mit seinem Sturz. Die Militärführung unter General Kenan Evren verhängt das Kriegsrecht, um den Verfall staatlicher Autorität angesichts des Terrors von rechts und links aufzuhalten. Etwa 650.000 Menschen werden festgenommen und zahlreiche hingerichtet. Erst im November 1983 geht die Militärherrschaft offiziell zu Ende.

Reaktionen aus dem Ausland

US-Präsident Barack Obama rief alle Parteien dazu auf, die demokratisch gewählte Regierung des Landes zu unterstützen. Gewalt und Blutvergießen müssten vermieden werden, heißt es in einer Mitteilung des Weißen Hauses. US-Außenminister John Kerry sagte, er sei "äußerst besorgt" über die Vorkommnisse in der Türkei.

Kerrys russischer Kollege Sergej Lawrow sagte: "Blutige Zusammenstöße müssen vermieden und sämtliche Probleme ausschließlich verfassungskonform gelöst werden."

Auch Iran zeigte sich "zutiefst besorgt" über die Lage im Nachbarland Türkei. Besonnenheit und Sicherheit der türkischen Bevölkerung seien derzeit besonders wichtig und notwendig, schrieb Außenminister Mohammed Dschawad Sarif bei Twitter.

"Die demokratische Ordnung in der Türkei muss respektiert werden", heißt es in einer Erklärung der deutschen Bundesregierung, die Sprecher Steffen Seibert über Twitter verbreitete. "Alles muss getan werden, um Menschenleben zu schützen."

Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth warnte vor einem Bürgerkrieg. "Das ist eine dramatisch gefährliche Situation", sagte sie. "Egal, wer an der Macht ist oder an die Macht kommt: Er hat eine enorme Verantwortung, jetzt Blutvergießen und einen Bürgerkrieg zu verhindern."

Grünen-Chef Cem Özdemir twitterte: "Weder Militärputsch, noch zivile Diktatur. Die Türkei braucht Demokratie für alle. Jetzt." Das Auswärtige Amt riet allen Deutschen in Ankara und Istanbul zu "äußerster Vorsicht". "Bei unklarer Lage wird geraten, Wohnungen und Hotels im Zweifel nicht zu verlassen", sagte eine Sprecherin in der Nacht zum Samstag.

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asa/aar/haz/dpa/Reuters/AFP/AP

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