Selbstmordanschlag in Istanbul Der Terror ist wieder da

Eine Selbstmordattentäterin sprengt sich im Herzen von Istanbul in die Luft und reißt einen Polizisten mit in den Tod. Die Türkei befürchtet neuen Terror - und Folgen für die Wirtschaft des Landes.

Von , Istanbul


Istanbul hatte sich auf einen schwierigen Tag eingestellt: Ein Schneesturm wurde erwartet, vorsorglich hatten mehrere Schulen und Kindergärten am Dienstag geschlossen. Der Sturm blieb vorerst aus, doch eine andere Nachricht erschütterte die Stadt: Am Abend, nach Anbruch der Dunkelheit, sprengte sich in Sultanahmet, im Herzen der Stadt, eine Frau vor einer Polizeistation in die Luft. Dabei verletzte sie zwei Polizisten, einen davon schwer. Der Beamte erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Die Frau, die Augenzeugen zufolge einen Niqab trug, einen schwarzen Gesichtsschleier, bei dem nur die Augen frei bleiben und wie ihn viele arabische Touristinnen tragen, sprach nach Angaben von Vasip Sahin, dem Gouverneur der Metropolregion Istanbul, Englisch "mit einem starken Akzent". Vor der Polizeistation nahe der Hagia Sophia und der Blauen Moschee, die täglich von Tausenden von Menschen besucht werden, gab sie sich als Reisende aus und erklärte den Wachen, sie habe in dem Gebäude ihre Handtasche mit ihrem Reisepass liegenlassen.

Die Sicherheitskräfte wollten sie routinemäßig am Eingang kontrollieren, da zündete sie ihre Sprengstoffweste. "Die Frau war auf der Stelle tot", sagte ein Augenzeuge Journalisten. Polizisten riegelten den Tatort sofort ab und stoppten den Straßenbahnverkehr. Die beiden Polizisten wurden in ein nahegelegenes Krankenhaus gefahren. Später am Abend wurden zwei Pakete in der Nähe der Station kontrolliert gesprengt.

Furcht vor Terror mitten in der Millionenmetropole

Mit dem Anschlag auf der historischen Halbinsel im Stadtzentrum tritt ein, was die türkische Regierung seit langem befürchtet hat: Der Terror ist wieder da, und zwar nicht in entlegenen Gegenden entlang der Grenze zu Syrien, sondern mitten in der Millionenmetropole Istanbul, dort, wo ihn die ganze Welt wahrnimmt. Tourismus ist nach der Bauwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig der Türkei - ein Anschlag in einem Touristenviertel hat gravierende Folgen für das Land.

Auch deshalb hat die türkische Regierung in den vergangenen Monaten Zurückhaltung geübt, wenn es um Kritik oder gar Bekämpfung der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien und Irak ging. IS rekrutiert junge Kämpfer in türkischen Städten, die von der Türkei aus in das Kampfgebiet in den Nachbarländern einsickern. "Jeder weiß, welche Folgen es für die Türkei haben kann, wenn diese Leute sich gegen uns wenden", sagte ein hochrangiger Politiker der Regierungspartei AKP. "Wenn Menschen Reisen in die Türkei aus Angst vor Terror absagen, ist das eine Katastrophe nach der Katastrophe."

Am Abend war unklar, wer hinter dem Anschlag steckt. Premierminister Ahmet Davutoglu erklärte am Abend, man werde prüfen, "ob und welche Organisation" hinter dem Anschlag auf die Polizeistation stecke. Politiker und Journalisten schlossen nicht aus, dass der IS verantwortlich sei. Aber auch andere Organisationen wurden genannt: In den sozialen Medien mutmaßten manche, die kurdische Arbeiterpartei PKK könne ihre Finger im Spiel haben. Türkische Regierung und PKK bemühen sich zwar seit einiger Zeit um Annäherung, jedoch war dieser Prozess im Zuge des Kampfes um kurdische Gebiete in Syrien ins Stocken geraten. Sicherheitsexperten halten eine Täterschaft der PKK für unwahrscheinlich.

Täterschaft bislang unklar

Vergangene Woche, am Neujahrstag, hatte ein 36-jähriger Mann vor dem Sultanspalast Dolmahbaçe in Istanbul, ebenfalls ein Touristenmagnet, zwei Handgranaten auf Polizisten geworfen und Schüsse abgefeuert. Die Granaten explodierten nicht, niemand wurde verletzt. Der Täter wurde festgenommen, er soll der Revolutionären Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C), einer marxistisch-leninistischen Untergrundorganisation, angehören. Die DHKP-C wird auch für einen Anschlag auf die US-Botschaft in Ankara im Jahr 2013 verantwortlich gemacht, bei dem der Selbstmordattentäter und ein türkischer Wachmann ums Leben kamen.

Auch das Terrornetzwerk al-Qaida hat in der Türkei mehrere Anschläge geplant, die verhindert werden konnten, darunter mehrere auf die US-Botschaft. Es steckt zudem hinter dem Angriff auf das US-Konsulat in Istanbul im Juli 2008, bei dem drei Polizisten ums Leben kamen. Weitere Anschlagsziele waren das britische Konsulat in Istanbul, die türkische Zentrale der Bank HSBC sowie im November 2003 zwei Synagogen.

Zwar richteten sich die beiden Anschläge dieses Jahres gezielt gegen Polizisten, doch Politiker gehen davon aus, dass der Terror dem gesamten Land schaden soll. 2014 haben die USA, Großbritannien und auch Deutschland ihre Reisehinweise mit Blick auf Terror für Regionen nahe der Grenze zu Syrien verschärft. Sollte der Eindruck entstehen, dass auch Metropolen wie Istanbul unsicher sind, wäre es für die Türkei ein Desaster.

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insgesamt 15 Beiträge
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hugahuga 06.01.2015
1. Solange nicht die Auftraggeber des Anschlages ausfindig
gemacht und bekannt gegeben werden, ist alles nur Spekulation. Deshalb abwarten - Was man bereits jetzt sagen kann, ist, dass Erdogan durch sein Hü und Hott nicht zu einer Beruhigung beigetragen hat. Sein Despotismus hat einen tiefen Riss in der türkischen Bevölkerung hinterlassen und seine Schaukelpolitik im Verhältnis zu IS und US mögen auch Ursache für Unsicherheit und in der Folge Gewalt sein.
Darwins Affe 06.01.2015
2. Der tanzende Derwisch
„Sollte der Eindruck entstehen, dass auch Metropolen wie Istanbul unsicher sind, wäre es für die Türkei ein Desaster“ (Zitat im Artikel). Vielleicht ist es ein größeres Desaster, dass Präsident Erdogan gerade die säkulare türkische Republik von Kemal Atatürks auflöst: Zurück ins osmanische Reich, zurück zum Islamismus, zurück ins Mittelalter. Der Terror ist die Quittung für Erdogans Einmischung in die religiösen Konflikte der arabischen Staaten - und die Duldung bzw. Aufrüstung des IS (nur weil diese seiner sunnitischen Glaubensrichtung angehören). Erdogan sollte ein Kopftuch anziehen und bei den tanzenden Derwischen auftreten.
Kismet 06.01.2015
3.
Was für ein Artikel. Lieber Herr Kazim, sie leben schon seit Jahren in der Türkei. Langsam müssen sie doch das Land kennen. Man brauch hier über die Drahtzieher nicht spekulieren. Jeder in der Türkei weiß das die DHKPC hinter diesem Anschlag steht. Diese Linksextreme Ideoten sind die einzigen in der Türkei die solche Anschläge ausüben.
rrippler 06.01.2015
4. @Kismet
und ausgerechnet die säkulare DHKPC soll eine mit Hidjab bedeckte, mit starken Akzent englisch sprechende Frau als Attentäterin auswählen ? Verkehrte Welt - oder ist das in der Türkei normal?
frankfurtbeat 06.01.2015
5. so feige ...
so feige auch Anschläge dieser coleur sein mögen sind diese doch das Ergebnis der feigen und unehrlichen Politik Erdogans! einerseits lässt er selbst Kurden abschlachten ode rgibt diese zum Abschlachten durch IS frei! Gleichzeitig übt er Kritik am "islamfeindlichen Westen" und zerstärt das Werk Atatürks! Fragen sie gebildete Türken in Deutschland und sie erhalten ein einheitliches statement: "Erdogan ist ihnen mehr wie peinlich"
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