Türkei nach Putschversuch Die große Angst der Kurden

In der Türkei baut Präsident Erdogan seine Macht nach dem gescheiterten Putsch weiter aus. Die Kurden im Südosten fürchten nun, dass das Militär mit noch größerer Wucht gegen sie vorgeht.

AFP

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Wenn Erdal am Morgen Milch und Brot holt, ist das ein lebensgefährlicher Gang. Draußen patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten, an den Straßenkreuzungen stehen Panzer, und auf den Dächern liegen Scharfschützen. "Was soll ich machen?", fragt Erdal, der bis vor ein paar Monaten als Lebensmittelhändler gearbeitet hat. "Bleibe ich zu Hause, verhungert meine Familie. Besorge ich etwas zu essen, besteht die Chance, dass wir alle überleben." Für seine drei Kinder, seine Frau und seine Eltern wage er jeden Tag den Schritt nach draußen.

Nusaybin in der türkischen Provinz Mardin, ein paar Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt, ist Kriegsgebiet. Seit Mitte März gilt hier und im ein paar Kilometer weiter östlich gelegenen Sirnak eine Ausgangssperre. Wer sein Haus verlässt, muss damit rechnen, für einen Terroristen gehalten und erschossen zu werden.

Die Lage ist angespannt, aber ruhig

Am Dienstag, vier Tage nach dem gescheiterten Putschversuch, ist die Lage im überwiegend von Kurden besiedelten Südosten der Türkei wie seit Tagen: ruhig, aber angespannt. Etwa 80 Prozent der Häuser sind beschädigt, zehn Prozent gänzlich zerstört, wie aus Untersuchungen der einzelnen Städte hervorgeht. "Wir befürchten, dass die türkische Regierung die jetzige Lage dazu nutzen könnte, erst recht mit Gewalt gegen uns vorzugehen", sagt Erdal.

Die Region war immer wieder Schauplatz von Gefechten. Zwar hatte die Regierung im Jahr 2013 Friedensgespräche mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK begonnen, die als Terrororganisation eingestuft ist. Im Sommer 2015 brach Erdogan die Verhandlungen jedoch ab. Türkische Regierung und PKK werfen sich gegenseitig vor, zuerst zu den Waffen gegriffen und die Gespräche damit zum Scheitern gebracht zu haben.

Seither herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Jugendliche Kämpfer feuern auf türkische Sicherheitskräfte, heben Schützengräben aus und versuchen, ihre Städte zu kontrollieren. Die staatlichen Einheiten feuern zurück, mal mit Tränengas, mal mit scharfer Munition. Sie schrecken nicht davor zurück, mit schwerer Artillerie auf Wohnhäuser zu zielen. Da würden "Terroristen" beziehungsweise "Unterstützer von Terroristen" leben, lautet die offizielle Begründung. Das Ganze sei ein "Anti-Terror-Kampf".

"Wir wollen Frieden, Demokratie, Pluralismus"

"Erdogan behauptet, gegen die PKK zu kämpfen, aber tatsächlich kämpft er gegen die kurdische Zivilbevölkerung. Die Bombardements von Wohnvierteln, die Schüsse auf Häuser, die Ausgangssperren für ganze Städte - wen, wenn nicht die Zivilbevölkerung, trifft das?", sagt ein junger Mitarbeiter der Kommunalverwaltung von Diyarbakir, der größten Stadt in der Region. "Wir sind gegen Erdogan und seine kurdenfeindliche Politik, aber wir sind auch gegen den Putsch. Wir wollen Frieden, Demokratie, Pluralismus. Mit Militärdiktaturen haben wir in der Türkei sehr schlechte Erfahrungen gemacht, aber Erdogan und seine islamistische AKP sind auch nicht gut für uns."

Auch in Diyarbakir ist es in diesen Tagen verhältnismäßig ruhig. Hier und da demonstrieren kleinere Gruppen von Erdogan-Anhängern. "Die meisten Menschen bleiben in ihren Häusern und warten ab", sagt der junge Mann am Telefon. "Hier herrscht die große Angst."

Er befürchte, dass es sehr bald zu neuer Gewalt, zu noch größerer Brutalität in der Region kommen werde. "Im Moment schaut doch niemand hierher. Erdogan weiß, dass er jetzt Fakten schaffen kann."

Leben in Ruinen

Diese Meinung ist weit verbreitet unter der kurdischen Bevölkerung im Südosten der Türkei. "Es ist eh alles zerstört, sehr viel mehr geht nicht", sagt Onur, ein Ingenieur aus Cizre. Auch hier liegen ganze Straßenzüge in Trümmern, haben Sicherheitskräfte Häuser dem Erdboden gleichgemacht. "Wir leben in Ruinen und hoffen, unsere Städte bald wiederaufbauen zu können."

Nach offiziellen Angaben der Stadt Diyarbakir sind derzeit etwa 400.000 Menschen aus der gesamten Region auf der Flucht. Ihre Häuser sind unbewohnbar, ihr Hab und Gut haben sie zurückgelassen, die meisten haben kein Einkommen mehr und schlagen sich nun in benachbarten Städten außerhalb der Kampfzone durch.

Erdal, der Familienvater aus Nusaybin, sagt, auch er denke über eine Flucht nach. "Seit dem Putschversuch werden hier die Lebensmittel knapper." Es lohnt sich immer weniger, unter Lebensgefahr einkaufen zu gehen.


Zusammenfassung: Im Sommer 2015 haben türkische Regierung und kurdische Arbeiterpartei PKK Friedensverhandlungen abgebrochen - seither herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände im Südosten der Türkei. Dort wohnen überwiegend Kurden. Sie fürchten, dass der gescheiterte Putsch als Vorwand dienen könnte, noch schärfer gegen sie vorzugehen.

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