Türkei: Verschwörungstheoretiker wird Erdogans Chefberater

Von Tobias Brunner

Chefberater Yigit Bulut: Vom liberalen Finanzanalysten zum AKP-Anhänger Zur Großansicht
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Chefberater Yigit Bulut: Vom liberalen Finanzanalysten zum AKP-Anhänger

In der Türkei ist er bekannt für seine wirren Verschwörungstheorien - jetzt wird Yigit Bulut neuer Chefberater von Regierungschef Erdogan. Experten sprechen von einem "besorgniserregenden und gefährlichen Schritt".

Ankara - Als die Proteste in der Türkei im Juni über das ganze Land hinwegfegten, hatte die Regierung schnell einen Schuldigen gefunden: böse Mächte aus dem Ausland. Ein ominöses "Zentrum" stecke hinter allen Massendemos der Welt, Journalisten des britischen Fernsehsenders BBC seien als "englische Agenten" unterwegs und auch die jüdische Diaspora habe irgendwie ihre Finger im Spiel, mutmaßten Politiker der regierenden AKP. Sogar die Lufthansa sollte laut türkischen Medien in ein Komplott verstrickt gewesen sein.

Insbesondere ein Mann trieb die Verschwörung gegen die deutsche Fluggesellschaft damals voran: Yigit Bulut, ehemaliger Chefredakteur von "Haber Türk" und regelmäßiger Kommentator bei "24 TV" - beide Fernsehsender stehen der Regierung in Ankara nahe.

"Seit Monaten macht die Lufthansa Druck, dass der dritte Flughafen in Istanbul nicht gebaut wird", hatte Bulut gleich zu Beginn der Proteste gesagt. Damit solle verhindert werden, dass viele Millionen Passagiere aus Deutschland die Türkei künftig als Drehkreuz nutzen. Und weil die Demonstranten rund um den Gezi-Park auch gegen den Flughafen protestierten, sei klar, dass sie aus Deutschland angestachelt würden, so Bulut.

Ausgerechnet dieser Yigit Bulut soll nun Recep Tayyip Erdogan in politischen Fragen zur Seite stehen. Der Ministerpräsident ernannte den Journalisten am Dienstag zu seinem neuen Chefberater.

"Das ist ein sehr besorgniserregender und gefährlicher Schritt" sagte Asli Tunc, Medien-Professorin an der Bilgi Universität in Istanbul gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Denn Erdogan wird seine wilden Behauptungen und grundlosen Anschuldigungen ernst nehmen." Den Regierungschef, der ohnehin als stur gilt, dürfte der neue Berater nur weiter in seinem politischen Kurs bestätigen.

Fremde Mächte wollten Erdogan töten

Dass Bulut wie gegen die Lufthansa mit Verschwörungstheorien um sich wirft, ist keine Ausnahme. In einem anderen Interview sprach er von fremden Kräften, die dem türkischen Ministerpräsidenten fortwährend nach dem Leben trachteten - und das nur mit der Kraft ihrer Gedanken: "Um Erdogan per Psychokinese zu töten."

Asli Tunc kennt viele dieser Anekdoten aus der Karriere von Bulut. Etwa als er behauptete, es gebe nur zweieinhalb echte politische Führer in der Welt. Einer davon sei der russische Präsident Wladimir Putin, einer der türkische Regierungschef und der halbe sei US-Präsident Barack Obama.

Oder als er bei einem offiziellen Treffen mit Erdogan forderte, die Rundfunkbehörde RTÜK solle Internetmedien zensieren. Buluts eigene Talkshow heißt "Sansürsüz", übersetzt: "ohne Zensur". "Sein Hauptargument sind immer die 'bösen Weltmächte', die versuchten, die AKP-Regierung zu zerstören", sagt Tunc.

Verschwörungen als normaler Teil der Poltik

Dabei war Bulut nicht immer so. 1972 geboren, studierte er Bank- und Finanzwesen in Ankara und an der Universität Sorbonne in Paris. Später machte er sich als liberaler Kolumnist und Finanzanalyst für verschiedene Tageszeitungen einen Namen. Doch nach und nach begann der Journalist die Politik der AKP zu bewundern, innerhalb der vergangenen fünf Jahre wurde er zu einem radikalen Unterstützer Erdogans.

Buluts persönliche Neigung für Verschwörungen deckt sich dabei sich mit einem Wandel, der die gesamte politische Kultur der Türkei betrifft. Zwar sind solche Theorien laut Gökhan Bacik, Kolumnist der türkischen Zeitung "Today's Zaman" ein "fast normaler Teil des politischen Denkens". Doch zunehmend würden die Verschwörungen auch Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse verdrängen, beobachtet Professorin Tunc: "Und wenn sich niemand dagegen wehrt, werden Fälle wie Yigit Bulut auch noch belohnt."

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insgesamt 79 Beiträge
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1. Einmischung
kuac 10.07.2013
Abgesehen davon, dass Erdogan es fertig hat, warum mischt sich Lufthansa in die innere Angelegenheit der Türkei ein? Ob in Istanbul einen Flughafen gebaut werden soll oder nicht, das sollen und müssen die Türken alleine entscheiden.
2. Verschwörung...
el_lider_maximo 10.07.2013
Sie meinen genauso wie die "Theorie", dass die Amis uns abhören? Solche Verschwöungstheorien?
3. Und ich dachte immer. . . . . . .
hummel1 10.07.2013
die Römer spinnen! Vielleicht sollte Mutti aufrüsten und sich Hr. Däniken als Berater zulegen! Da wundern sich manche, dass man sie nicht ernst nimmt!
4. Wunderbar
chopperreidhere 10.07.2013
Also ich finde es wunderbar, dass die Regierung in Ankara ihr wahres Gesicht so ungeniert zeigt, so dass die deutsche politisch korrekte Medien- und Politmafia nicht mehr unterschlagen kann, dass die türkische Regierung paranoid, aggressiv und (noch ohne Waffen) expansionistisch veranlagt ist. Das Verhalten pubertierender Jugendlicher, die sich auch bei noch so behämmertem und aggressiven Verhalten Respekt erbeten, lässt sich offenbar 1:1 auf die Regierung dort übertragen. Muss man unbedingt in die EU aufnehmen, damit diese Neue Sowjetunion ex Gulag endlich zusammenkracht.
5. Lieber Erdogan...
electrastar 10.07.2013
... jetzt haben wir in der EU schon so viele minimalintelligente Politiker, meinst du nicht, es wäre hilfreich für einen EU-Beitritt auch mal etwas Brauchbares beizusteuern? Leute wie Yigit Bulut sind doch nun wirklich KEINE Bereicherung für niemanden, so wird das doch nichts. Du wolltest dich doch WEITERENTWICKELN, wir erinnern uns??
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